Bayern-Reserve in der Kritik

Zerstört der FC Bayern München 2 die 3. Liga?

Bayern-Trainer Sebastian Hoeneß trainiert eine exquisite Auswahl. Heute gehts gegen Michael Köllner und seine Sechziger.
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Bayern-Trainer Sebastian Hoeneß trainiert eine exquisite Auswahl. Heute gehts gegen Michael Köllner und seine Sechziger.

Die kleinen Bayern stehen seit einigen Tagen im Zentrum der Kritik. Der Tenor: Die zweite Mannschaft eines Bundesligavereins hat in der 3. Liga nichts zu suchen.

  • Die zweite Mannschaft des FC Bayern München ist das Team der Rückrunde in der 3. Liga
  • Das Team ist vollgespickt mit jungen Talenten, die sich für die erste Mannschaft beweisen sollen
  • Trotz des schönen Fußballs der kleinen Bayern sind sie in der Liga nicht sonderlich beliebt

München – Aufsteiger-Mannschaft, besetzt mit lauter jungen Spielern, startet in der neuen Umgebung verhalten, sie findet sich aber, mischt die Liga auf und steht am Ende oben – eine Story, die im Fußball, dessen Hierarchien oft starr wirken, mit Begeisterung aufgenommen werden müsste. In diesem Fall ist das nicht so. Die 3. Liga ist nicht glücklich mit dem überraschenden Spitzenteam FC Bayern II.

Nach der Corona-Pause sind die kleinen Bayern unbesiegt

Seit der Wiederaufnahme des Betriebs hat sich die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß sukzessive nach oben gespielt, an ihrer sportlichen Klasse besteht kein Zweifel. Dennoch findet sie sich seit einigen Tagen im Zentrum der Kritik, die vor allem über die sozialen Medien vorgetragen wird. Der Tenor: Die zweite Mannschaft eines Bundesligavereins habe in der 3. Liga, die sich selbst als Profispielklasse definiert, nichts zu suchen. Sie nehme einem eigenständigen Club den Platz weg. Philipp Köster, Chefredakteur des Fußballkulturmagazins „11Freunde“, fordert in seiner neuesten Kolumne „Rot wegen Meckerns“ nun „die überfällige Verbannung der Zweitvertretungen“ aus der 3. Liga.

Zwar ist derzeit nur eines von 20 Teams, nämlich das des FC Bayern II, eine „Reserve“, doch das könnte sich wieder ändern. Denn „Zweite“ bevölkern auch die Regionalligen: Augsburg (Bayern), Wolfsburg, Bremen (Nord), Hertha (Nordost), Hoffenheim, Mainz, Freiburg (Südwest), Köln, Mönchengladbach, Dortmund, Düsseldorf, Schalke (West). Aus der 2. Liga sind St. Pauli, HSV, Kiel, Hannover, Nürnberg und Greuther Fürth mit ihren Vertretungen am Start.

Zweite Mannschaften dienen als Talentschuppen und haben emotionalen Stellenwert

Bei den Fans der Profivereine haben die zweiten Mannschaften oft einen hohen emotionalen Stellenwert. Sie bieten die Nahbarkeit, die den Stars der Bundesliga verloren gegangen ist, um diese Teams entsteht ein eigener Kult wie beim FC Bayern um die „Amas“, die vom Club Nr. 12, der Fanclubvereinigung, die bei den Profis das Herz der Südkurve bildet, auch zu Auswärtsspielen und mit Liveticker-Aktivitäten begleitet wird.

Aus sportlicher Sicht haben die zweiten Mannschaften ebenfalls eine Bedeutung. Sie sind der Talentschuppen, der die Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum aufnimm t, wenn sie nicht reif für die „Erste“ sind, man aber für sie mittelfristig eine Perspektive sieht und sie noch ein Weilchen im Verein behalten will. Der FC Bayern litt in den Jahren, in denen der FC Bayern II in der Viertklassigkeit feststeckte, darunter, dass der Übergang zu den Profis nicht machbar war. Die Spieler liefen zu Zweitligisten davon. Das hat sich geändert, seit die Zweite in der 3. Liga spielt. Hansi Flick kann sich beim Kollegen Sebastian Hoeneß jederzeit und ohne Sorgen bedienen. Joshua Zirkzee, Oliver Batista Meier, Sarpreet Singh und Chris Richards sind ebenfalls ein bisschen Deutscher Meister geworden. Für die Nationalmannschaft(en) könnte es auf lange Sicht sogar gut sein, dass hochveranlagte Kräfte in den bestens ausgestatteten Proficlubs reifen können.

Zweite Mannschaften sind in den Ligen nicht sehr beliebt

Dennoch sind zweite Mannschaften in den Ligen nicht sonderlich beliebt. Ihnen wird sogar Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen. Als Gegner kann man sich schwer einstellen auf die Vertretung aus einem Bundesligaclub. Der kann mal mit voller Kapelle antreten, mal muss er die Reservebank in der Bundesliga auffüllen, wenn die erste Mannschaft Personalprobleme hat. Und während der normale Drittligist sich selbst finanzieren muss, lebt die zweite Mannschaft eines Proficlubs von interner Subventionierung. Ein Michael Cuisance oder Fiete Arp, die oft beim FC Bayern II im Einsatz sind, könnte sich kein Drittligist leisten. Die kleinen Bayern gelten als verkappte Bundesliga-Truppe.

Neu ist das Thema nicht. Schon vor zwanzig Jahren bestimmten diese Konflikte den Betrieb an der Schnittstelle zum vollprofessionellen Fußball. Die TSG Hoffenheim etwa, als sie noch in der Regionalliga kickte, dem Vorgänger der 3. Liga, stritt beherzt mit den Bayern, zwischen 1899 und den Münchnern gab es emotionale Spiele, TSG-Boss Dietmar Hopp soll dem Bayern-Mannschaftsbus bei der Abfahrt gar einmal einen Tritt mit dem Fuß verpasst haben.

Nicht jedes Bundesliga-Team hat eine zweite Mannschaft

Auch in den jetzigen Regionalligen passen die Proficlubs nicht immer in die Struktur. Willkommen sind allenfalls die mit den großen Vereinsnamen. Auf dem Land bekommt man so wenigstens ein bisschen von der großen Welt zu sehen (wenn denn wieder gespielt wird und auch vor Zuschauern). Aber es ist meist ein ungleiches Duell zwischen topausgebildeten Jungprofis und Feierabendkickern. Für beide Seiten selten sinnvoll.

Vorgeschrieben ist es nicht mehr, dass ein Proficlub eine zweite Mannschaft betreiben muss. Als erster Verein hat sich Bayer Leverkusen von dem Modell verabschiedet. Er verleiht Spieler, die er herangezogen hat und für die Bundesliga vorerst nicht gebrauchen kann, weiter. An ganz normale Mannschaften. 

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(GÜNTER KLEIN)

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