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Bayerns Nachwuchschef Jochen Sauer: „Leihgeschäfte sind ein Model für die Zukunft“

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Paul Wanner soll in der kommenden Saison bei der 2. Mannschaft eingesetzt werden.
Paul Wanner soll in der kommenden Saison bei der 2. Mannschaft eingesetzt werden. © Imago Images / Contrast

Jochen Sauer hat seit 2017 das Sagen am Campus. Im Interview spricht der 49-Jährige über Supertalent Paul Wanner, den FCB-Nachwuchs und mögliche Leihgeschäfte.

München – Jochen Sauer, 49, leitet seit knapp fünf Jahren den „Bayern-Campus“. Ob Julian Nagelsmann* bald auf neue Talente hoffen kann? Unsere Zeitung hat beim Nachwuchschef nachgefragt.

Herr Sauer, wie wirken sich bisher aus Ihrer Sicht die zwei Jahre Corona auf den Nachwuchs aus?

Im Moment ist es noch schwer einzuschätzen. Von den messbaren, athletischen Werten sind hier keine signifikanten Probleme erkennbar, was aber natürlich fehlt, sind Spielminuten. Auch die Zeit, die die Spieler im Training auf dem Platz verbracht haben, ist zeitweise weniger geworden. Erst im Nachlauf von ein, zwei Jahren wird man merken, wie sich das für einzelne Jahrgänge auswirkt.

„Der Junge ist hoch talentiert, über seine Trainingsleistungen hat er es sich absolut verdient, bei den Profis mitzutrainieren.“

Jochen Sauer über Paul Wanner.

Bislang ist es also vor allem die Matchpraxis, die fehlt?

Ja, das macht sich in manchen Leistungen bemerkbar, auch bei unserer U17 und U19. Einigen Spielern ist der fehlende Spielrhythmus anzusehen. Inzwischen hat sich das aber wieder normalisiert.

Leitet den Bayern-Campus: Jochen Sauer.
Leitet den Bayern-Campus: Jochen Sauer. © Imago Images

Jamal Musiala kam erst mit 16 Jahren, wurde zuvor beim FC Chelsea ausgebildet. Mit dem 16-jährigen Paul Wanner, der schon seit vier Jahren im Verein ist und bereits seine ersten Profieinsätze hinter sich hat, scheint derzeit ein Talent heranzureifen, das den Sprung schaffen könnte. Wie ist der optimalen Umgang mit ihm?

Der Junge ist hoch talentiert, über seine Trainingsleistungen hat er es sich absolut verdient, bei den Profis mitzutrainieren. Das bringt ihm einen riesigen Mehrwert in der Entwicklung, weil er dort auch Dinge lernt, die er bei der Qualität woanders einfach gar nicht lernen kann.

„Eine weitere Saison Regionalliga würde ihm wenig für die weitere Entwicklung bringen.“

Jochen Sauer über Gabriel Vidovic.

Aber es ist eben nur Training.

Bei Jamal Musiala war es genauso: Auch er hat am Anfang bei den Profis erst mal Einsätze über ein paar Minuten bekommen und deshalb immer wieder mal Spiele in der U23 oder U19 absolviert. Paul hat zuletzt wieder in der U19 gespielt, ab nächster Saison darf er altersmäßig auch in der zweiten Mannschaft eingesetzt werden. Am Ende geht es doch darum, dass er so viele Minuten wie möglich bekommt, um sich weiterzuentwickeln.

Und wie planen Sie mit Gabriel Vidovic, der mit 17, 18 Jahren eine sehr starke Debütsaison im Männerfußball spielt?

Ich denke, eine weitere Saison Regionalliga würde ihm wenig für die weitere Entwicklung bringen. Aber er ist ja auch schon regelmäßig im Training bei den Profis dabei. Wenn er das in der Sommervorbereitung so gut macht, dass die Profiabteilung sagt, den behalten wir, dann wäre das natürlich optimal. Falls das aber nicht der Fall ist, werden wir darüber nachdenken, was es für Möglichkeiten gibt, um ihn auf hohem Trainings- und Spielniveau weiterentwickeln zu können. Ich glaube aber, dass diese Frage womöglich erst Ende Juli oder noch später zu beantworten ist. Bei Josip Stanisic ist diese Entscheidung im vergangenen Sommer erst Anfang August gefallen.

„Ich bin überzeugt, dass alle diese Spieler auf Bundesliga-Niveau sind oder dorthin kommen können.“

Jochen Sauer über die ausgeliehenen Talente des FC Bayern.

Zuletzt hat sich ja auch die Philosophie zahlreicher Leihgeschäfte etabliert. Wie fällt Ihre Beurteilung aus? Von außen betrachtet ist das bislang noch nicht von Erfolg geprägt.

Da muss ich vehement widersprechen. Zuerst mal muss man sehen, dass das Niveau, auf das wir Spieler hinentwickeln müssen, in den letzten 20 Jahren noch einmal deutlich gestiegen ist. Das heißt, dass sich die Ansprüche an eine solche Leihe erhöht haben. Mit den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre würde ich in dieser Saison sagen, dass die Leihe bei fast allen Spielern erfolgreich ist: Chris Richards spielt, wenn er fit ist, Bundeliga in Hoffenheim. Joshua Zirkzee hat mit 20 Jahren beim RSC Anderlecht so viele Tore und Assists wie kaum ein 20-Jähriger vor ihm. Sarpreet Singh in Regensburg, Nicolas Kühn in Aue, Alex Timossi Andersson bei Austria Klagenfurt, Bright Arrey-Mbi in Köln: Ich bin überzeugt, dass alle diese Spieler auf Bundesliga-Niveau sind oder dorthin kommen können. Sie dorthin zu bringen, ist aus meiner Sicht am besten über Leihgeschäfte möglich und nicht in der Regionalliga. Das ist für uns also definitiv auch ein Modell für die Zukunft. (Interview: Matthias Horner)

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