Der Ex-Bayern-Trainer im großen Interview

Hitzfeld: „Bin erschüttert“ - Erfolgscoach äußert sich zur harten Kritik an Hoeneß

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Ottmar Hitzfeld (r.) hofft auf eine weitere Amtszeit von Uli Hoeneß als FCB-Präsident.  

Ottmar Hitzfeld verteidigt die Arbeit des FCB-Präsidenten Uli Hoeneß im Interview. Der starke Gegenwind aus den eigenen Reihen hätte sogar ihn erzürnt.

München – Ottmar Hitzfeld hat den FC Bayern 2001 zum Triumph in der Champions League geführt. Der heute 69-Jährige hat mit dem deutschen Rekordmeister alles erlebt. Im Interview spricht er über die aktuelle Situation, nötige Transfers und die Zukunft von Oliver Kahn.

Herr Hitzfeld, der FC Bayern will im Sommer viel Geld für Transfers in die Hand nehmen. Erwarten Sie eine Offensive wie nie zuvor? Das letzte Mal wurde unter Ihnen groß eingekauft: 2007 kamen unter anderem Franck Ribery, Luca Toni und Miro Klose.

Hitzfeld: Wenn Uli Hoeneß etwas ankündigt, wird er versuchen, das auch umzusetzen. Wie viel Geld notwendig ist, wird sich nun im Lauf der restlichen Saison zeigen. Zuletzt haben sich die Bayern wieder stabiler präsentiert. Ab jetzt ist die Phase der Bewährung angebrochen: Wer spielt sich in den Vordergrund? Wer ist verzichtbar? Ich würde den Spielern raten, sich gedanklich noch nicht von der Meisterschaft zu verabschieden. Bei neun Punkten Rückstand sollte man zwar nicht vom Titel reden – aber abschreiben würde ich ihn als FC Bayern deshalb noch lange nicht. Als ich 2007 die Bayern trainiert habe, hat man mit den großen Transfers am Ende wichtige Zeichen gesetzt. Das war die Basis der großen Erfolge der letzten zehn Jahre. Aber man darf nicht blind investieren, jeder Transfer muss sinnvoll sein. Daher würde ich die Saison eben auch nutzen, um genau zu prüfen, auf welcher Position Bedarf ist.

Beim Duell mit Ajax Amsterdam ruhen die Blicke auch auf Matthijs de Ligt und Frenkie de Jong. Beide werden bei Bayern gehandelt. Haben sie das Zeug?

Hitzfeld: Das sind zwei Spieler, hinter denen die Top-Clubs aus ganz Europa zurecht her sind. Die Preise, die für die beiden aufgerufen werden, sind sehr hoch. Natürlich haben sie viel Qualität, aber die Bayern hat immer ausgezeichnet, dass sie nicht jeden Transferwahnsinn mitmachen. Sie werden vernünftig investieren – wobei man ja das Wort vernünftig bei den heutigen Summen im Grunde schon mit Anführungszeichen versehen muss (lächelt) . . .

Man muss zudem sehen, dass Bayerns Umbruch bereits seit einiger Zeit läuft.

Hitzfeld: Richtig. Es ist durchaus Qualität da, und gerade die jungen Spieler im Kader müssen nun die Chance nutzen, um sich für die hohen Ziele im Club zu empfehlen. Joshua Kimmich nimmt seine Rolle im Mittelfeld sehr gut an, in ihm wächst ein Leader für die Zukunft heran, auch für die Nationalelf. Serge Gnabry hat gezeigt, dass er vorne Wirbel machen kann, Leon Goretzka findet sich immer besser zurecht – da hat Niko Kovac einige interessante Figuren, mit denen er etwas aufbauen kann. Auch Bundestrainer Joachim Löw weiß: Wenn er diese Spieler von Bayern holt, kann er sich auf sie verlassen. Dazu haben die Münchner noch Kingsley Coman oder Corentin Tolisso – den Bayern-Fans sollte nicht bange sein. Es ist jetzt noch zu früh, um zu sagen, wer künftig keine Rolle mehr spielen soll.

Hitzfeld über Niko Kovac: „Er ist ein Fußballfachmann“

Und Kovac ist der Richtige, um diesen Um- und Aufbau weiter zu betreuen?

Hitzfeld: Ja. Ich halte sehr viel von Niko Kovac. Er ist ein Fußballfachmann und hat auch die nötige Sozialkompetenz, um ein Spitzenteam wie den FC Bayern neu zu formen und zu führen. Er ist ein vorbildlicher Trainer und dazu sehr menschlich, indem er immer versucht, gerecht zu sein.

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Waren diese ersten Bayern-Monate ein Stahlbad, das ihm helfen wird?

Hitzfeld: Ja. Es war sehr heftig, ein echtes Stahlbad. Aber das ist der FC Bayern. Da zählt nur der erste Platz. Ganz Deutschland schaut, was in München passiert. Und wenn es dort mal nicht läuft, wird darüber im ganzen Land diskutiert. Viele warten ja auch richtig darauf, dass es endlich mal einen Einbruch gibt. Dann wird alles auseinandergenommen. Das gehört beim FC Bayern zum Trainerjob dazu. Aber dieses Stahlbad macht Kovac härter. Wenn man es übersteht, so wie er es gerade geschafft hat, ist das enorm lehrreich.

Auch Hoeneß ging zuletzt durch ein Stahlbad – was sagen Sie dazu?

Hitzfeld: Ich war erschüttert, als ich die Rede dieses einen Mitglieds auf der Jahreshauptversammlung gehört habe. Was Uli da alles vorgeworfen wurde, das stimmte in der Summe nicht und diente nicht der Sache des FC Bayern. Natürlich haben die Mitglieder bei so einer Veranstaltung das Recht, ihre Meinung und Kritik zu äußern – das ist auch gut so. Aber bei diesem Beitrag wurden so viele Un- und Halbwahrheiten vermischt, dazu immer wieder Polemik – da habe ich schon ein bisschen die Faust geballt, da muss ich ehrlich sein. So etwas hat Uli nicht verdient. So, wie der FC Bayern heute aufgestellt ist, das ist zu ganz, ganz großen Teilen Ulis Verdienst, gemeinsam mit Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge. Doch ich sehe bei ihm nicht nur diese Lebensleistung. Sondern auch das Menschliche in ihm. Er hat immer ein Ohr, für jeden. Auch deshalb trifft ihn so ein polemischer Beitrag aus dem Kreis der Fans ins Herz.

Hätte Hoeneß gleich reagieren müssen?

Hitzfeld: Nein. Da hat er richtig gehandelt. In so einem Rahmen kann man sich nicht auf eine Diskussion mit einem Fan einlassen, der ja keine Einblicke in die Arbeit des Vereins hat und Uli so beleidigt hatte. Das war insgesamt keine schöne Situation. So etwas kennt man nicht von Bayern.

Hoeneß scheint nun sogar zu grübeln, ob er nächstes Jahr noch mal kandidiert.

Hitzfeld: Wenn er antritt, wird er sicher wieder gewählt werden. Und er sollte auch antreten. Das ist sein Herz, sein Leben. Ich würde dem FC Bayern wünschen, dass er weitermacht. Weil Uli Hoeneß einfach gut ist. Er versteht das Geschäft, hat Ahnung vom Fußall und enorme menschliche Qualitäten. Wer etwas anderes denkt oder behauptet, der liegt einfach falsch.

Sie haben also nicht das Gefühl, dass sich die Fans von ihm abwenden?

Hitzfeld: Ich hätte dafür jedenfalls kein Verständnis. Den echten Fans ist klar, dass Uli Hoeneß immer alles für sie und für den FC Bayern gibt. So eine Jahreshauptversammlung kann emotional werden, und die Pfiffe wurden diesmal zu einem Selbstläufer. Einige haben sich anstecken lassen.

Muss er sich künftig mehr auf die Zunge beißen – seine Emotionalität wird ihm ja gerade vorgeworfen.

Hitzfeld: Fußball lebt doch von seinen Emotionen. Man ist es doch gewohnt, dass sich Uli Hoeneß mit Wucht zu Wort meldet. Auch hier fehlt mir das Verständnis für diese plötzliche Kritik an ihm: Die Wahrheit ist doch, dass man seine Wortmeldungen auch immer genossen hat – und das in ganz Deutschland. Da sollten die Leute mal ehrlich sein. Es ist ein schmaler Grat, den Uli Hoeneß da immer schon beschritten hat, aber ich finde es gut, dass er den Mut hat, auch mal anzuecken. Im Fußball ist es nun einmal immer so, dass du alles um die Ohren bekommst, wenn der Erfolg ausbleibt.

Oliver Kahn wird als Kandidat für die Bayern-Führung gehandelt. Er war lange Zeit Ihr Kapitän in München. Ist er eine gute Wahl für die Zukunft?

Hitzfeld: Oliver Kahn ist eine Persönlichkeit. Er steht seit jeher für Leistung und Stabilität. Nach seiner Karriere hat er sich im Berufsleben durch umsichtiges Handeln und gutes wirtschaftliches Gespür viel aufgebaut und kann somit jetzt neben seinen enormen Verdiensten um den FC Bayern als Spieler noch eine weitere Komponente vorweisen. Im Fußball hat er zudem ein gutes Netzwerk – wenn er und Bayern wieder zusammenfinden, bin ich mir sicher, dass etwas sehr Gutes entsteht.

Interview: Andreas Werner

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