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Hoeneß: „Das Triple ist kein Allheilmittel“

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Von: Sven Westerschulze

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Doha - Geld regiert die Welt. Und natürlich auch den Fußball. Bayern-Präsident Uli Hoeneß spricht im Interview über die Entwicklungen und ob sich ein Titelgewinn finanziell lohnt.

Nein, Rentner ist Uli Hoeneß ab Donnerstag noch nicht. Er wäre es, da geboren am 5. Januar 1952, gemäß 

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Uli Hoeneß im Gespräch mit Sven Westerschulze.

Paragraf 35 Satz 2 SGB VI auch erst in elf Monaten. Aber auch mit diesem Datum wird er sich nicht lange aufhalten. In einem Alter, in dem sich andere gedanklich längst mit dem Ruhestand beschäftigen, startet Hoeneß ja gerade noch mal durch – wie man dem tz-Interview deutlich entnehmen kann.

Herr Hoeneß, vor dreieinhalb Jahren kam Pep Guardiola und brachte einen großen Betreuerstab aus der Heimat mit, Carlo Ancelotti tat das im Sommer auch. Inzwischen spielen auch viele ausländische Fußballer beim FC Bayern. Hat sich die DNA des FCB ein wenig verändert?

Uli Hoeneß: Ich bin der Überzeugung, dass wir auch ausländische Spieler in unsere „Mia san Mia“-Mentalität integrieren können. Ich sehe den FC Bayern in dieser Hinsicht nicht nur als Fußball-, sondern auch als Integrationsverein. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass der Verein daran arbeitet, viele deutsche Spieler in seinen Reihen zu haben. Ich möchte nie erleben, dass in unserer Startelf kein einziger deutscher Spieler steht.

Egal, ob Guardiola oder Ancelotti – Hermann Gerland ist fester Bestandteil des Trainerteams. Ist er als Identifikationsfigur unverzichtbar?

Hoeneß: Der Hermann ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass man kein Bayer sein muss, um die Kultur des FC Bayern zu verkörpern. Auch ohne bayerische Wurzeln hat er es geschafft, in unserem Verein eine wichtige Rolle einzunehmen. Und da gibt es auch noch einige andere. Denken Sie an Sammy Kuffour, den haben unsere Fans geliebt. Der war zwar kein Bayer, aber hat eindrucksvoll gezeigt, dass auch ein Farbiger in Lederhosen den FC Bayern wunderbar repräsentieren kann.

Ist das Interesse an den Nationalspielern Niklas Süle und Sebastian Rudy aus Hoffenheim trotzdem als Versuch zu deuten, wieder vermehrt auf deutsche Akteure zu setzen?

Hoeneß: Das haben wir schon immer versucht. Aber es müssen natürlich auch Spieler sein, die mit ihrer

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Das Nachwuchsleistungszentrum an der Ingolstädter Straße.

Qualität hier mithalten können. Um unsere Mannschaft zu verstärken, muss man schon eine gewisse Klasse mitbringen. Die war in Deutschland eine Zeit lang leider schwierig zu finden. Das ist der Hauptgrund, warum wir viele ausländische Spieler geholt haben. In dieser Hinsicht müssen wir uns alle – ich eingeschlossen – an die eigene Nase fassen, denn im Nachwuchsbereich haben wir nicht gut gearbeitet. Jetzt haben wir zwar bald unser neues Nachwuchsleistungszentrum, aber trotzdem dürfen wir nicht glauben, dass die Spieler dort von alleine zu Stars werden. Wir müssen hart arbeiten, um nicht nur Steine, sondern auch Beine hervorzubringen.

Neben guten Ausbildungsmöglichkeiten bedeutet das NLZ aber gleichzeitig auch eine Menge Druck.

Hoeneß: Das ist richtig, aber dieser Druck tut dem Verein ganz gut. Jetzt haben wir eine Verpflichtung. Wir dürfen es uns jetzt nicht mehr erlauben, die nächsten fünf Jahre in der Jugendarbeit so zu gestalten wie die vergangenen fünf.

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Mit einer guten Nachwuchsarbeit können Sie auch eine Menge an Ablösesummen sparen. Läuft der Fußball bei den heutigen Summen Gefahr, sich bald nur noch über Geld zu definieren?

Hoeneß: Ich diskutiere mit Karl-Heinz (Rummenigge, d. Red.) häufig über die Bedeutung des Geldes im Fußballgeschäft. Und ich muss gestehen, dass er immer gute Argumente bringt, wenn wir über Investitionen oder Ertragsmöglichkeiten sprechen. Wir machen uns viele Gedanken über unsere wirtschaftliche Entwicklung, aber eines dürfen wir dabei nicht aus den Augen verlieren: die Entwicklung unserer Konkurrenz. Wenn ich mir angucke, welche Summen in England, Spanien oder neuerdings auch China aufgerufen werden, dann sind die mit normalem menschlichen Ermessen gar nicht mehr greifbar. Da müssen wir uns die Frage stellen: Wollen wir in diesem Haifischbecken überleben? Oder reicht es, alle zehn Jahre Meister zu werden?

Und: Wollen Sie?

Hoeneß: Natürlich. Die Kunst in den nächsten Jahren ist es, erfolgreich Fußball zu spielen, ohne dabei seine Identität zu verlieren.

Herr Hoeneß, sehen Sie die Identitätswahrung des FC Bayern als eine Ihrer Hauptaufgaben an?

Hoeneß: Aus meinem Mund klingt das ja fast schon schizophren, weil ich jahrelang nichts anderes getan habe, als die Gewinnmaximierung voranzutreiben. Aber der große Unterschied ist, dass wir hier alles aus eigener Kraft erreicht haben. Inzwischen fließen Gelder in den Fußball, die dort gar nicht erwirtschaftet wurden, aber mit vollen Händen ausgegeben werden. Durch diese Entwicklung ist es nicht nur für den FC Bayern, sondern für alle deutschen Vereine schwer, in diesem Wettbewerb mitzuhalten, wenn man sich einzig auf den Ertrag der eigenen Arbeit berufen kann.

Können Sie es vor diesem Hintergrund ausschließen, die restlichen fünf Prozent der Anteile an der FC Bayern München AG zu verkaufen?

Hoeneß: Wir könnten sie jederzeit verkaufen, Interessenten gibt es genug. Im Moment ist es nicht vorgesehen. Ich hätte aber kein Problem damit, es zu tun, wenn der Verkauf denn notwendig werden sollte. Wenn wir diesen Schritt für richtig erachten, dann vollziehen wir ihn – derzeit gibt es dafür aber keinen Grund.

„Wenn ich den FC Bayern irgendwann hätte malen müssen, dann hätte ich ihn so gemalt, wie er sich jetzt darstellt.“ Das haben Sie 2014 gesagt, als Sie das Präsidentenamt abgaben. Knapp drei Jahre sind vergangen und Sie wieder zurück. Würden Sie die Aussage heute wieder so treffen oder hat sich etwas verändert?

Hoeneß: Der Verein hat sich in dieser Zeit prima entwickelt, aber das Fußballgeschäft hat sich extrem verändert und ist deutlich schwieriger geworden. Wenn ich mir heute die Ablösesummen und Gehälter angucke, dann muss ich zugeben, dass der FC Bayern inzwischen Maßnahmen ergreifen musste, die ich vor drei Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Aber an diese Entwicklung müssen wir uns nun mal anpassen. Mir ist es wichtig, dass wir Werte wie Emotionen, Leidenschaft und Liebe mit wirtschaftlicher Vernunft paaren. Es nützt uns ja nichts, das Geld bei der Bank zu parken und auf bessere Zeiten zu warten. Wir müssen versuchen mit unseren Möglichkeiten die Zeit zu überbrücken, bis der ein oder andere investitionsfreudige Verein oder Investor im internationalen Fußball wieder vernünftig wird.

Sie haben stets betont, dass sportlicher Erfolg die Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen ist. So extrem erfolgreich wie mit dem Triple 2013 war der FCB in den vergangenen drei Jahren nicht, dennoch ist der Umsatz inzwischen noch mal deutlich gestiegen.

Hoeneß: Aus wirtschaftlicher Sicht spielt es heute ja kaum noch eine Rolle, ob wir das Halbfinale oder das Finale in der Champions League erreichen. Eigentlich müsste man sich die Frage stellen, ob ein Titelgewinn finanziell überhaupt einen Profit mit sich bringt, oder ob man durch die Prämien nicht viel mehr an Ausgaben hat.

Es muss also nicht das Triple sein, um im Sommer von einer guten Saison sprechen zu können?

Hoeneß: Wenn wir Meister werden, ist es eine gute Saison. Mit dem Pokalsieg wird es eine sehr gute. Und wenn wir das Triple gewinnen, ist es eine Wahnsinnssaison. Ich freue mich natürlich, wenn wir maximal erfolgreich sind. Aber ich lasse mich nicht dazu drängen, das Triple als Allheilmittel anzupreisen. Wir müssen aufhören, die Spieler und den Trainer mit dem Gerede davon so extrem unter Druck zu setzen. Wenn nur das Triple gut genug wäre, dann würden ja alle anderen Topklubs wie der FC Barcelona oder Real Madrid schlechte Arbeit leisten. Wir haben es in den vergangenen zehn Jahren geschafft, uns im Konzert der Großen zu etablieren. Da sind wir konstant dabei und wollen es auch nachhaltig bleiben. Daran gilt es weiter zu arbeiten.

Alle Neuigkeiten und Entwicklungen beim Trainingslager des FC Bayern in Doha erfahren Sie in unserem Ticker.

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Kommentar: Gut, dass Hoeneß wieder zurück ist

Hoeneß feiert heute 65.!

Name:

Uli Hoeneß. – Geburtstag: 5. Januar 1952 in Ulm.

Profi-Laufbahn: Mittelfeldspieler, Außenstürmer, FC Bayern (1970 bis 1978), 1. FC Nürnberg (1978 bis 1979), 250 Ligaspiele mit 86 Toren, 35 Länderspiele mit fünf Toren, Karriereende wegen Knieverletzung 1979, danach bis 2009 Manager des FC Bayern. Vom 27. November 2009 bis 14. März 2014 Bayern-Präsident. Seit 25. November 2016 wieder Präsident. 

Spieler-Titel: Europameister 1972, Weltmeister 1974, dreimal Europapokalsieger der Landesmeister 1974 bis 1976, dreimal deutscher Meister, einmal DFB-Pokalsieger, Weltpokalsieger 1976, Olympia-Teilnehmer 1972.

Manager-Titel: CL-Sieger 2001, UEFA-Cup-Sieger 1996, 16 Mal deutscher Meister, neunmal DFB-Pokalsieger, Weltpokalsieger 2001. – Präsidenten-Titel: Meister 2010 und 2013, DFB-Pokalsieger 2010 und 2013, CL-Sieger 2013, Sieger europäischer Super-Cup 2013, Sieg Club-WM 2013.

Teil 1: Uli Hoeneß im tz-Interview: Jetzt attackiert er die AfD

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