Vor dem Champions-League-Auftakt

Taktik-Experte Broich: „Der FC Bayern hat eine historische Chance“

Kingsley Coman dreht nach seinem Tor im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain jubelnd ab.
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Kingsley Coman (li.) jubelt nach dem 1:0 im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain.

Am Mittwochabend greift der FC Bayern in der Champions League ins Geschehen ein. Taktik-Experte Thomas Broich erklärt, was die Münchner so stark macht.

  • Zum Auftakt in die Champions League 2020/2021 trifft der FC Bayern München am Mittwoch (21 Uhr, hier geht‘s zum Liveticker) auf Atletico Madrid.
  • Ex-Profi und ARD-Experte Thomas Broich spricht im Interview über die taktischen Stärken des FC Bayern und eine mögliche Titelverteidigung.
  • Neben dem FCB sieht Broich zwei Klubs aus Frankreich und England im Kreis der Favoriten.

München - Thomas Broich (39) spielt zweifelsfrei in der Champions League der TV-Experten. Für die ARD analysiert der Ex-Profi (u. a. Burghausen, Gladbach, Köln, Nürnberg) mit ruhiger Stimme und einem geschulten Blick für taktische Feinheiten. Die tz sprach mit dem gebürtigen Münchner, der seit Sommer die U 15 von Eintracht Frankfurt trainiert, über den FC Bayern und die neue Spielzeit in der Königsklasse.

Auftakt in der Champions League: Broich verrät, wie man den FC Bayern besiegen kann

Herr Broich, der FC Bayern ist als Titelverteidiger in der Champions League ab sofort der Gejagte. Wie knackt man die Münchner denn?
Thomas Broich: Im Grunde haben die Hoffenheimer vorgemacht, was die Blaupause ist. Ich glaube nicht, dass sie die ersten waren, die das erkennt haben, aber dafür waren sie die ersten, die es mit dieser Konsequenz gespielt haben. Die Bayern pressen enorm hoch, die Viererkette rückt bei jeder Gelegenheit bis zur Mittellinie vor. So wird das Mittelfeld kompakt gehalten und die Offensive kommt ins Pressing. Das hat zur Folge, dass es Raum hinter der Münchner Abwehrkette gibt. Wenn eine Mannschaft das Bayern-Pressing bzw. -Gegenpressing aushebelt und umgehend den Rücken der Abwehr attackiert, kann sie mit ein, zwei Zügen Großchancen kreieren. Hoffenheim hat das extrem clever gemacht. Auch die Variante mit dem Chipball auf die Außen und dem Kopfballduell gegen die Außenverteidiger hat mir gut gefallen. So kann man die Bayern knacken, aber da muss jeder Pass perfekt ausgeführt sein.
Was beeindruckt Sie beim FC Bayern unter Hansi Flick besonders?
Broich: Ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Defensiv ist es maximal mutig, was die Bayern spielen. Sie machen permanent Druck auf den Gegner, lassen kaum einer Mannschaft Luft zum Atmen und sind dabei ultra kompakt. Offensiv ist es sehr variabel. Es drohen von überall Tore oder Tempoläufe hinter die Abwehr. Als Gegner weißt du gar nicht, gegen welchen Spieler du zuerst verteidigen sollst. Neben Lewandowski, Müller oder Gnabry streuen auch Spieler wie Davies, Goretzka oder Kimmich Tore und Vorlagen ein. Es ist wirklich Wahnsinn, von wie vielen Spielern Gefahr ausgeht.

FC Bayern in der Champions League: Für Broich kommt es nicht auf die Fitness an

Leon Goretzka hat vor Saisonbeginn die Frage aufgeworfen, ob die Bayern den intensiven Stil auch in dieser so eng getakteten Saison durchziehen können. Was meinen Sie?
Broich: Das ist schwierig. Ich würde eher in die Richtung von Hansi Flick gehen, der sagte, es geht nur mit 100 Prozent und deswegen muss der Kader auf jeder Position doppelt besetzt sein. Mit den Transfers, die in meinen Augen sehr vernünftig waren, haben die Bayern jetzt eine ganz andere Kadertiefe und sind in der Lage, ihren intensiven Stil weiter zu spielen. Es ist oft nicht nur eine Frage der Fitness oder Kondition, sondern es geht auch darum, welche Ambition und welchen Auftrag eine Mannschaft noch hat.
Was meinen Sie damit genau?
Broich: Die Bayern haben in ihrer jetzigen Zusammensetzung eine historische Chance, sie sind noch nicht fertig und wirken immer noch hungrig. Die Chance, den Champions-League-Titel zu verteidigen und damit in der Bayern-internen Hierarchie weiter im Legenden-Ranking aufzusteigen, kann ein brutaler Ansporn sein. Das kann auch dafür sorgen, dass die Power selbst in dieser harten Saison noch mal da ist.
Können die Bayern womöglich sogar eine Ära prägen wie Real Madrid mit den Champions-League-Titeln 2016, 2017 und 2018?
Broich: Die Erneuerung beim FC Bayern hat stattgefunden, es ist viel junges Blut in der Mannschaft und viel Power. Einige Spieler sind gereift und in Führungspositionen herein gerutscht. Kimmich, Goretzka und Gnabry sind dem Talent-Status längst entwachsen und mittlerweile bockstarke Führungsspieler. Dazu hat man Spieler wie etwa Neuer oder Lewandowski, die gefühlt seit Jahr und Tag performen. Das ist eine geile Mischung, die eine Mission hat.

FC Bayern: Der neue Spanier hat Broich bereits begeistert

ARD-Experte Thomas Broich
Aber Thiagos Abgang schmerzt.
Broich: Ja und nein. Es ist immer noch genug Qualität vorhanden, der Verlust wird jetzt nicht permanent Thema sein. Andererseits ist Thiago natürlich ein herausragender Fußballer, der Qualitäten hat, die man auf der ganzen Welt suchen muss. In dem einen oder anderen Spiel werden die Bayern vielleicht denken: „Ach hätten wir den doch noch.“ Ich finde aber auch, dass Marc Roca eine sehr intelligente Verpflichtung ist. Er hat eine sehr starke U21-EM gespielt, da macht man mit dem nächsten jungen Spanier sicher nicht viel falsch.
Blicken wir auf die anderen deutschen Champions-League-Teilnehmer. Was trauen Sie RB Leipzig zu?
Broich: Leipzig hat mit Paris Saint-Germain und Manchester United eine harte Gruppe erwischt, mit Timo Werner zudem einen herben Verlust erlitten. Aber RB entwickelt sich unter Julian Nagelsmann permanent weiter, hat klare Strukturen und eine große Überzeugung im eigenen Spiel. Sie sind zuletzt nicht umsonst ins Champions-League-Halbfinale vorgedrungen. Leipzig ist noch nicht am Ende der Reise angekommen. Ich traue ihnen zu, in dieser Gruppe weiterzukommen – und das müsste man angesichts des Budgets der Konkurrenten schon als kleine Überraschung bezeichnen.
Und Ihr Ex-Klub Borussia Mönchengladbach?
Broich: Bei Gladbach ist es das gleiche Lied. Wenn man in eine Gruppe mit Real Madrid und Inter Mailand gelost wird, ist man nicht gerade der Topfavorit. Und auch Donezk ist keine Laufkundschaft. Das sind alles echte Bretter. Inter-Coach Antonio Conte ist wahrscheinlich der Trainer, der das System mit Dreierkette am besten beherrscht. Real ist wahrscheinlich die Truppe, die Champions League am besten kann – wobei die ihren goldenen Jahre wohl erst mal hinter sich haben. Gladbach spielt für mich mit den schönsten Fußball in der Bundesliga. Die Mischung aus Intensität, Pressing und Kombinationsfußball ist hundertprozentig da. Trotzdem wird es in der Gruppe richtig schwierig.
Borussia Dortmund hat derweil machbare Aufgaben vor sich, oder?
Broich: Die Dortmunder haben vermeintlich die leichteste Gruppe der deutschen Teilnehmer erwischt. Der BVB-Kader hat Talente im Übermaß, aber damit eben auch viele sehr junge Spieler. Da wird man sehen, wie konstant die abliefern können und ob sie die Wettkampfhärte in jedem Spiel auf den Platz bringen können. Der BVB ist für mich ein Stück eine Wundertüte.

Champions League: Experte traut einem Gruppengegner des FC Bayern eine Überraschung zu

Welche Teams sind für Sie darüber hinaus besonders spannend?
Broich: Der Europa-League-Sieger FC Sevilla ist eine Truppe, von der auch mal in der Champions League was kommen könnte. Ich finde aber auch Salzburg interessant. Mit ein bisschen Glück geht für die in der Münchner Gruppe mehr als nur der dritte Platz hinter Bayern und Atlético. Salzburg hat sich letzte Saison gegen Liverpool und Neapel überragend verkauft. Dieses Jahr traue ich denen richtig was zu, weil dort herausragend gearbeitet wird.
Und wer schnappt sich den Henkelpott?
Broich: In den vergangenen Jahren war es oft der Fall, dass es eine Mannschaft erst knapp nicht geschafft hat, dafür aber in der Saison danach. Eine Finalniederlage und der damit verbundene Schmerz können eine echte Motivationsspritze sein. Insofern habe ich PSG voll auf der Rechnung, dazu Liverpool und die Bayern. Da einen Klub herauszuheben, finde ich aber schwer.

Interview: Jonas Austermann

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