Schmidtlein über Reha, Druck und Ribéry

Ex-Bayern-Physio: "Die Belastung ist immens"

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Franck Ribéry (r.) ist momentan Dauerpatient an der Säbener Straße.

Doha - Der FC Bayern hat eines der größten Lazarette der Bundesliga. Trotzdem sind alle Verletzten nach Doha mitgeflogen. Ex-Bayern-Physio Schmidtlein spricht mit der tz über Reha, Druck und Franck Ribéry

Ex-Bayern-Physio Oliver Schmidtlein.

Kurorte gibt es ja in Bayern allerhand, das Bayern-Lazarett zieht derzeit aber Doha vor. Angenehme 20 Grad, saftgrüner Rasen und Vogelgezwitscher aus dem Lautsprecher – für Franck Ribéry, David Alaba, Mario Götze und Medhi Benatia verliefe die Reha wohl nirgendwo entspannter als in Katar. Am weitesten von allen, so Sportvorstand Matthias Sammer gestern, ist der Österreicher. Bei Götze hingegen soll es „noch ein bisschen dauern“, der Franzose und der Marokkaner könnten immerhin „schon laufen“. Inwieweit sich ein Trainingslager förderlich auf die Reha ausüben kann, verrät Oliver Schmidtlein. Das tz-Interview mit dem Ex-Physio des FC Bayern und der deutschen Nationalelf.

Herr Schmidtlein, für den verletzungsgebeutelten FC Bayern kommt so ein Trainingslager genau zum richtigen Zeitpunkt, oder?

Schmidtlein: Sicherlich. Es gibt den ein oder anderen, der etwas mit sich herumgeschleppt hat, und in dieser Zeit lässt sich das genau angehen. Es ist die Zeit für individuelle Arbeit.

Inwiefern?

Schmidtlein: Die Spieler sind vor und zwischen den Trainingseinheiten permanent greifbar, wodurch auch mehr Zeit für individuelle Arbeit bleibt. Hinzu kommt, dass die Bereitschaft der Spieler größer ist als sonst, da es keine Ablenkung durch ihr Privatleben gibt. So bleibt ihnen mehr Zeit, um sich auf die tägliche Arbeit zu konzentrieren.

Wie hält man es mit Freizeit im Winter-Trainingslager?

Schmidtlein: Die ist ebenfalls sehr wichtig, gerade wenn die Einheiten sehr intensiv sind, sollte auch auf die Dinge geachtet werden, die zur Entspannung beitragen. Wüstensafaris in Jeeps oder einfach nur Tontaubenschießen, das sind allesamt Bilder, die man aus Trainingslagern kennt. Wenn man daheim trainiert, bleibt für solch sportfremde Inhalte zum Beispiel wenig Zeit. Es geht darum, Reize auf einer anderen Ebene zu schaffen, die gleichzeitig einen Ausgleich zum Trainingsalltag bilden.

"Dann sollte man sich Gedanken machen"

Gibt es Ihnen zu denken, dass die Bayern die letzten Jahre über so viele Verletzte zu beklagen haben?

Schmidtlein: Ich sehe nicht, worin sich der FC Bayern da von den anderen großen Klubs unterscheidet. Die allgemeine Belastung ist eben immens hoch, weshalb wir uns auch daran gewöhnen müssen, dass mal fünf, sechs Spieler einer Mannschaft wegen Verletzungen zur gleichen Zeit ausfallen. Erst wenn sich die Art der Verletzungen ähnelt und zum Beispiel außergewöhnlich viele Muskel- oder Bandverletzungen eintreten, sollte man sich Gedanken machen.

Also sehen Sie keinen Zusammenhang zwischen Verletzungen und mangelnder Prävention?

Schmidtlein: Es wird viel zu schnell geurteilt, dass Verletzungen auf den Trainingszustand zurückzuführen sind. Hinter Verletzungen stecken manchmal Dinge, von denen wir gar nichts wissen. Nehmen Sie beispielsweise Zahnprobleme, die auf den ersten Blick nicht sporttypisch sind, am Ende aber durchaus eine Verletzung hervorrufen können.

Prävention ist also nur bis zu einem gewissen Grad möglich?

Schmidtlein: Ganz genau! Persönliche Krisen gehören übrigens ebenfalls dazu. Ich erinnere da nur an einen Spieler des HSV, der nun in Spanien aktiv ist und schon immer ein sehr bewegtes Privatleben hatte, das man in der Öffentlichkeit ganz gut mitverfolgen konnte. Er war dauernd verletzt, und zwar, weil er ganz einfach keine Ruhe hat. Und wenn wir bei anderen Spielern nichts davon erfahren, dann nicht, weil es diese Einflussfaktoren nicht gibt, sondern weil die Nachrichtensperre allem Anschein nach gut funktioniert oder es sich dabei um Dinge handelt, die die Öffentlichkeit schichtweg nichts angehen. Das ist der eine Teil der Verletzungen, die vom Gegenspieler verursachten Blessuren sind ohnehin nur schwer bis gar nicht in den Griff zu bekommen.

Diskussionen zwischen Arzt und Trainer sind normal

Trotzdem: Neigen Trainer nicht auch dazu, einen Spieler vielleicht schon mal eine Woche vor der Empfehlung des Arztes spielen zu lassen?

Schmidtlein: Natürlich gibt es das und die Diskussion werden wir immer wieder führen. Später, wenn es schiefgegangen ist, kann man immer sagen, man hätte es besser gewusst. Letzten Endes liegt die Entscheidung aber immer beim Trainer. Ich erinnere nur an Sami Khedira bei der WM: Jeder wusste, dass er nicht zu einhundert Prozent fit ist, aber der Bundestrainer hat ja stets betont, dass ihm ein 80 Prozent fitter Khedira lieber ist als gar keiner. Dass da nicht nur das Risiko eines Rückfalls, sondern auch das von anderen Problemen steigt, ist klar. Aber das ist Leistungssport, man muss es hinnehmen. Und in der Klasse, über die wir sprechen, wird das auch immer wieder der Fall sein.

War das schon immer so?

Schmidtlein: Früher war das verstärkt der Fall. Vor 15, 20 Jahren waren ganz andere Eigenschaften wie Persönlichkeit und Charakter wichtiger, da war es einem Trainer dann mehr oder weniger egal, wie fit ein Stefan Effenberg auf dem Platz stand – Hauptsache: Er stand auf dem Platz. Heutzutage ginge das nicht mehr.

Sind die Folgen eines verfrühten Einsatzes denn hinnehmbar?

Schmidtlein: Kommt auf den Bereich an, ich denke aber schon. Ich erinnere mich aber noch genau an meine Zeit bei 1860 München unter Peter Pacult, da war es eine Katastrophe, wenn einer der fünf, sechs Leistungsträger verletzt war. Wenn es einen Icke Häßler mal erwischt hat, haben wir versucht, ihn bis Donnerstag wieder hinzubiegen, damit er am Samstag auflaufen kann. Dass es dabei aber um Vertrauen und Kommunikation geht, steht außer Frage.

Schon auffällig, wie lange sich Franck Ribéry nicht mehr richtig hinbiegen lässt...

Schmidtlein: Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die Zeit brauchen. Schwere Infektionen, Entzündungen – ich erinnere mich auch an Bastian Schweinsteiger, der nach der WM aufgrund einer Knieverletzung, die konservativ behandelt wurde, auch ziemlich lange außer Gefecht gesetzt wurde. Manchmal ist es eben so, da unterscheiden sich Leistungssportler auch nicht so sehr von normalen Menschen. Es gibt auch bei Nicht-Sportlern Dinge, die etwas länger brauchen und bei Leistungssportlern nicht unbedingt schneller gehen.

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