Rückblick von Bayern-Straßer und 1860-Hell

Superfans im Rot-Blau-Interview: "Mitleid ist das Schlimmste!"

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Manfred Straßer (l.) und Franz Hell.

München - Zwei Superfans im tz-Rot-Blau-Interview! Manfred Straßer und Franz Hell sprechen über das abgelaufene Fußballjahr - und das, was 2016 kommt.

Das Münchner Fußballjahr 2015 – es hätte gegensätzlicher kaum verlaufen können. Auf der einen Seite der dauerheiße FC Bayern, der das Triple inzwischen als Saisonziel ausgeben muss, auf der anderen Seite die Löwen, deren Triple aus Pleiten, Zoff und Perspektivlosigkeit immer mehr Fans in die Gleichgültigkeit treibt.

Im Gespräch mit Manfred Straßer vom Bayern-Fanklub „De Rodn Waginga“ und 1860-Allesfahrer Franz Hell (61) ließ die tz das abgelaufene Fußballjahr Revue passieren. Viel Spaß bei unserer Rück- und Vorschau in Rot und Blau.

Herr Straßer, Herr Hell, welche Schulnote mit welcher Begründung würden Sie ihrem Klub für 2015 geben?

Straßer: Eine Eins minus. Und das Minus deswegen, weil im Pokal daheim gegen Dortmund im Halbfinale Schluss war und auch die Champions League nach dem Halbfinale gegen Barcelona vorbei sein musste. Aber Schwamm drüber, es war ein hervorragendes Jahr mit wunderbarem Offensivfußball. Es zählen ja nicht nur die Punkte, sondern auch das Wie – und das war größtenteils der reine Wahnsinn.

Hell: Ja, das kann man bei uns nicht unbedingt behaupten. Ich würde Sechzig dieses Jahr eine Fünf plus geben. Auf alle Fälle mangelhaft – in allen Teilen. Auch wenn mir mein Verein dieses Jahr mit dem 2. Juni einen der emotionalsten Tage in meinem bisherigen Fanleben beschert hat.

Sie sprechen von der Rettung im Relegations-Rückspiel gegen Holstein Kiel.

Hell: Ein Irrsinn war das! 75 Minuten lang hatte ich praktisch keine Hoffnung, so leblos wie die Mannschaft da aufgetreten ist. Dann der Adlung-Schuss zum 1:1, das Erwachen der Arena, diese unglaubliche Stimmung, und schließlich die 91. Minute: Rama Pfosten, Bülow Tor. Das war ein Ausbruch der Freude, wie ich ihn bei 1860 seit 20 Jahren nicht mehr erlebt habe. Da sind sich wildfremde Menschen in den Armen gelegen. Diese Erleichterung, diese Begeisterung – auf der Basis hätte man so viel aufbauen können! Aber direkt am nächsten Tag ging der Streit um Gerhard Poschner los. Der Rest ist bekannt. Wir haben einen schlecht zusammengestellten Kader ohne echte Leader. Es ist besorgniserregend.

Und beim FC Bayern wird als Kontrastprogramm über die Dominanz in der Liga debattiert…

Straßer: Ich will mich nicht beschweren. Freilich könnte die Bundesliga spannender sein, aber ich gehöre nicht zu den Fans, für die nur noch die Champions League zählt. Ich bin jetzt seit 40 Jahren dabei und habe hier auch andere Zeiten erlebt. Man muss sich doch nur unsere Gesellschaft anschauen, wie viel heutzutage als selbstverständlich betrachtet wird. Das ist schon ein extrem großer Fuß, auf dem wir leben. Bei den jungen Fans, die erst ein paar Jahre dabei sind, verstehe ich es ja noch zum Teil, wenn sie von Langeweile reden. Bei den Alten hält sich mein Verständnis sehr in Grenzen.

Hell: Ich kenne einige Bayern-Fans, die sich nur noch auf die Champions-League-Spiele freuen, weil da meistens noch ein gewisses Maß an sportlichem Wettbewerb da ist. In der Bundesliga wird’s zunehmend langweilig, da sind die finanziellen Unterschiede inzwischen einfach zu eklatant. Die Champions League ist die Lizenz zum Gelddrucken – und Bayern ist immer dabei.

Pep Guardiola verlässt den Klub nach der Saison, Carlo Ancelotti übernimmt. Haben Sie Bedenken, dass die Entwicklung stagniert, Herr ­Straßer?

Straßer: Nein, das nicht. Ich finde es zwar unglaublich schade, dass uns der wahrscheinlich beste Trainer der Welt verlässt und zu einem Scheichverein geht, aber mit Ancelotti kommt ja ein erfahrener Mann, der dieses Niveau kennt und mit Weltstars arbeiten kann. Ich würde mir wünschen, dass Mehmet Scholl im neuen Trainerstab mit dabei ist, das wär echt eine Freude. Ansonsten kann ich nur sagen: So, wie der Kader dasteht, habe ich keine Bedenken, dass das zusammenfällt.

Hell: Ja, und wenn’s wider Erwarten doch nicht so laufen sollte, dann kaufen die Roten für 100 Millionen Euro halt drei neue Granaten. Sie geben ihr Geld seit ein paar Jahren schon sinnvoll und gezielt für Qualität aus, das muss man anerkennen. Teure Flops waren zuletzt nicht mehr dabei. Das liegt auch daran, dass sie sich auch in der Geschäftsstelle noch mehr Fußballkompetenz dazugeholt haben.

Bei 1860 liegt es an Oliver Kreuzer und Benno Möhlmann, das Schlimmste noch abzuwenden.

Hell: Ich hätte die beiden gerne schon früher bei uns gesehen. St. Pauli hatte letztes Jahr im Winter noch einen Punkt weniger auf dem Konto und die haben’s auch noch gepackt. Freilich, Topspieler wirst du im Winter nicht kriegen, aber vielleicht den einen oder anderen Guten auf Leihbasis, wie jetzt den Mölders. Wir müssen einfach raus aus dieser Spirale, jedes Jahr gute Spieler abzugeben und dafür schwächere zu holen. Das wird uns Fans dann noch als Dreijahresplan oder sonst was verkauft, von diesem Schmarrn haben die Leute die Schnauze gestrichen voll!

Was fällt Ihnen als Bayern-Fan zu den Löwen der Jetztzeit ein, Herr Straßer?

Straßer: Ich find’s traurig, was da in den letzten zehn, fünfzehn Jahren passiert ist. Die Derbys in der Bundesliga waren echte Highlights, das können sich die Kinder heute schon gar nicht mehr vorstellen. Auch bei uns in der Familie war das immer eine Gaudi. Mein Großonkel und mein Onkel sind Blaue, mit denen konntest du herrlich frotzeln damals. Mittlerweile spricht man gar nicht mehr über Fußball, wenn man beinand ist.

Trifft’s das, Herr Hell?

Hell: Schon, ja. Das Schlimmste sind die mitleidigen Blicke. Bayern und Sechzig sind längst keine Rivalen mehr, das sind inzwischen ganz verschiedene Welten – und das ist einfach schade, weil es die Stadt jahrzehntelang mitgeprägt hat. Trotzdem bin ich stolz, ein Sechzger zu sein. Es ist einfach was Besonderes, nicht mit der Masse zu schwimmen. Bayern-Fan zu sein ist easy.

Was wünschen Sie den Löwen für 2016, Herr Straßer?

Straßer: Profifußball ist kein Wunschkonzert. Aber sie müssen aus den Fehlern lernen. Wenn ich die Jugendarbeit sehe, das immer noch große Fanpotenzial – da ist der Zug noch nicht abgefahren.

Und Sie, Herr Hell, was darf Bayern im neuen Jahr alles gewinnen?

Hell: Ganz schwierige Angelegenheit. Ich bin ein Blauer durch und durch, meine zweite Lieblingsmannschaft ist immer der jeweilige Bayern-Gegner. Von daher will ich mich bei dieser Frage gerne enthalten. Die werden auch ohne meine Unterstützung oft genug gewinnen.

Interview: lk

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