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Verena Schweers nach Karriereende beim FC Bayern: „Fußball ist ein oberflächliches Geschäft“

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Von: Jonas Austermann

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Verena Schweers (re.) grätscht gegen die Spanierin Lucia Garcia zum Ball.
Verena Schweers (re.) nahm mit Deutschland an der WM 2019 teil, hier grätscht sie gegen Spaniens Lucia Garcia. © dpa/ Sebastian Gollnow

Verena Schweers beendete ihre Karriere beim FC Bayern im Sommer mit nur 31 Jahren. Im Interview spricht sie über die Gründe und kritisiert das Fußballgeschäft.

Frau Schweers, Sie haben im Sommer Ihre Karriere beendet. Wie geht’s Ihnen?

Verena Schweers: Sehr gut – und besser als gedacht. Ich habe nicht gedacht, dass es mir nach so vielen Jahren so leicht fällt, nicht mehr zum Training zu fahren und im normalen Leben anzukommen. Ich genieße die Zeit daher sehr.

Wieso ging’s mit dem Fußball im Alter von 31 nicht weiter?

Schweers: Die Entscheidung des FC Bayern, meinen Vertrag nicht zu verlängern, habe ich sportlich nicht nachvollziehen können. Ich war auch in der vergangenen Saison ein stabiler Leistungsfaktor in der Mannschaft und konnte gerade am Ende helfen, die Champions-League-Qualifikation zu sichern. Ich hatte auch Signale vom Verein, dass man mich eigentlich noch ein weiteres Jahr gut gebrauchen könnte. Warum es am Ende kein finales Angebot gab, ist mir bis heute nicht ganz klar.

Gab es andere Optionen?

Schweers: Im Laufe des Sommers habe ich einige nationale und internationale Angebote erhalten, mich aber nach reiflicher Überlegung dazu entschieden, keines davon anzunehmen. Ich wollte lieber mit meinem Mann in München bleiben, wir wollen uns gerne unsere Zukunft hier aufbauen. Für einen Wohnortswechsel war mir der Fußball nicht mehr wichtig genug.

Verena Schweers sitzt in einem Münchner Cafe.
Verena Schweers spielte von 2016 bis 2020 für die Frauen des FC Bayern. © Stefan Matzke / sampics

Nach der Zeit beim FC Bayern: Schweers will berufliche Doppelbelastung stemmen

Wie geht es für Sie weiter?

Schweers: Ich werde im kommenden Jahr mein Bachelor-Studium in Sozialer Arbeit beenden und arbeite seit September in einer Sport-Kindertagesstätte in München. Ich fange Vollzeit in der Kita an, gehe direkt aufs Ganze. Das Studium muss ich abends fortführen.

Vermissen Sie denn schon etwas aus der Fußball-Zeit?

Schweers: Na klar, die Mannschaft ist in der Zeit als Fußballerin wie eine Familie, aber eben nur eine Familie auf Zeit. Ich war schon immer eine, die wusste, worauf es ankommt. Ich habe Freundschaften außerhalb des Fußballs als sehr wichtig empfunden und habe mich immer darum gekümmert. Natürlich habe ich auch noch mit einigen Teamkolleginnen Kontakt, drei, vier Spielerinnen zähle ich zu meinen guten Freundinnen. Der Fußball ist leider ein sehr oberflächliches Geschäft – so wie es die Männer auch sagen.

Inwiefern oberflächlich?

Schweers: Oberflächlich, weil man im Sport nur eine Nummer ist und einfach funktionieren muss. Wenn du eine Verletzung hast, in einem Formtief steckst oder es auch mal Entscheidungen gegen dich gibt, wird eben nicht wirklich mit dir gesprochen. Als ich meine Karriere jetzt beendet habe, kamen ein paar Nachrichten und das war’s. Als ich vor sechs Jahren im Champions-League-Finale getroffen habe, ist mein Handy fast explodiert. Wenn es für einen Sportler oder eine Sportlerin mal nicht läuft, dann kommt halt der nächste oder die nächste Spielerin und gut ist.

FC Bayern: Schweers bekam Schwierigkeiten, wenn sie ihre Meinung sagte

Sie haben zwei Mal die Champions League und die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Geht da so viel mehr?

Schweers: Ich hätte gerne noch einen Titel mit dem FC Bayern geholt. Ich hätte vielleicht noch mehr performen können, wenn ich egoistischer gewesen wäre. Aber ich habe den Leuten nicht das gesagt, was sie hören wollten, sondern oft das, was sie nicht hören wollten. Dann wurde es auch mal unbequem, gerade im Frauenfußball, wo viele Dinge nicht so richtig laufen. Es wird immer gesagt, dass Typen im Fußballgeschäft gesucht werden, aber wenn man seine Meinung gesagt hat, wurde es schwierig. Ich bin mir immer treu geblieben, darauf bin ich sehr stolz.

Mit Benedikt Höwedes und Andre Schürrle haben zwei männliche Kollegen die Karriere beendet. Sie sprachen über großen Druck und das Leben in einer Parallelgesellschaft.

Schweers: Die Männer sind einem ganz anderen Druck ausgesetzt, auch dadurch, dass ständig über sie und ihr Privatleben berichtet wird, auch das Thema Geld spielt sicher eine Rolle. Im Männer-Bereich ist es noch viel wichtiger als bei uns, ein gesundes Umfeld zu haben. Denn wenn es mal nicht läuft, können dich die Medien schon ein Stück weit zerstören. Die Männer können auch nicht einfach mit ihrer Frau oder Freundin auf die Straße gehen, flanieren und etwas essen.

Ist Ihnen das möglich?

Schweers: Bei mir war es zum Glück nie so und darüber bin ich auch froh. Ich habe für die zwei größten deutschen Klubs gespielt, fast 50 Länderspiele und zwei Weltmeisterschaften gespielt, dazu unzählige Reisen in andere Länder und Kulturen erleben dürfen. Das nimmt mir keiner. Aber wenn ich am Samstagmorgen auf dem Viktualienmarkt stehe und einen Kaffee trinke oder ich mit zwei vollen Tüten aus einem Laden komme, erkennt mich keiner – zum Glück (lacht).

Verena Schweers und tz-Reporter Jonas Austermann sitzen in einem Münchner Cafe und unterhalten sich.
Verena Schweers und tz-Reporter Jonas Austermann im Gespräch. © Stefan Matzke / sampics

Interview: Jonas Austermann

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