tz-Interview mit Alexander Fischer

FC Bayern und das Geisterspiel-Jubiläum - FCB-Anhänger trauert: „Fan-Leben ist tot!“

Auf der Tribüne der Allianz Arena hängt ein Banner, auf dem der FC Bayern den Fans für die Treue dankt.
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Die Allianz Arena bleibt seit mittlerweile einem Jahr wegen der Corona-Pandemie leer.

Der FC Bayern spielt seit einem Jahr ohne Zuschauer. Alexander Fischer von der Fan-Vereinigung Club Nr. 12 verrät im tz-Interview, wie es ihm ohne Stadionbesuche geht.

  • Der FC Bayern muss wegen der Corona-Pandemie seit einem Jahr auf seine Fans verzichten.
  • Alexander Fischer von der Fan-Vereinigung Club Nr. 12 spricht über sein Leben als FCB-Anhänger.
  • Wird im Stadion alles wieder so, wie es mal war? Fischer glaubt nicht daran.

München - Alexander Fischer (34) gehört zu den Fans des FC Bayern, die immer dabei waren. Dann kam Corona - und mit der Pandemie die leeren Stadien. Das tz-Interview mit dem Pressesprecher der Fan-Vereinigung Club Nr. 12.

Am 8. März 2020 hat der FC Bayern gegen den FC Augsburg das letzte Bundesliga-Heimspiel vor Fans bestritten. Erinnern Sie sich?
Fischer: Ja, da haben wir unsere Choreografie zum 120. Geburtstag des Vereins gemacht. Damals habe ich mich leicht erkältet ins Stadion geschleppt. Aus heutiger Sicht wäre das undenkbar. Dass der letzte Stadionbesuch ein Jahr her ist, empfinde ich als surreal. An einigen Tagen denke ich: ‚Oh Gott, schon ein Jahr.‘ An anderen Tagen kommt es mir so vor, als sei es das Normalste auf der Welt, dass ich am Samstagnachmittag Fahrrad fahre statt zum Fußball zu gehen.
Die Geisterspiele verfolgen Sie also nicht?
Fischer: Nur ganz wenige. Ich habe es beim Champions-League-Finale versucht und mich zu Tode gelangweilt. Das Pokalspiel gegen Kiel habe ich auch eine Halbzeit lang gesehen und es war mir tatsächlich total egal, wie es ausgeht. Ab und zu schaue ich noch die Amateure in der 3. Liga an, aber sonst nichts. Die Geisterspiele machen mir überhaupt keinen Spaß, sie laufen wenn überhaupt nebenbei.
Was geht Ihnen ohne Fußball besonders ab?
Fischer: Natürlich ist es gesünder, nicht jeden Samstag im Stadion Bier zu trinken und Wurst zu essen. Aber es fehlt mir schon! Am Anfang hat mir auch die Bewegung gefehlt. An einem Spieltag sind wir Fans doch viel unterwegs – entweder fahren wir vier Stunden mit dem Zug durch Deutschland oder bereiten bei Heimspielen schon vier Stunden vor Anpfiff etwas vor. Es fehlt total, in fremde Städte zu fahren oder Bekannte in ganz Deutschland zu treffen.

FC Bayern: Die Katar-Reise war „ein Spiel mit dem Feuer“

Pressesprecher der Bayern-Fanvereinigung Club Nr. 12: Alexander Fischer
Werden Sie nach der Pandemie wieder so dabei sein wie vorher oder bleibt etwas hängen aus der Corona-Zeit?
Fischer: Ich glaube, dass bei mir etwas hängen bleibt – vor allem aufgrund der Aussagen einiger handelnder Personen. Bei Hans-Joachim Watzke in Dortmund oder Karl-Heinz Rummenigge beim FC Bayern ist aber zumindest absehbar, dass sie bald nicht mehr so viel zu sagen haben in den Klubs. Von den Funktionären, das gilt auch für Fritz Keller oder Rainer Koch, habe ich nicht allzu viel erwartet. Es ist auch nicht verwunderlich, dass sich einige Spieler dumm anstellen und ihr Fehlverhalten in den sozialen Medien auch noch dokumentieren. Corona-Leugner und unerlaubte Tätowierer-Besuche gibt es sowohl in der normalen Bevölkerung, als auch unter den Fußballprofis.
Sie scheinen vom Hygienekonzept im Profifußball nicht überzeugt zu sein.
Fischer: Jedes Restaurant, jeder Frisör, jeder Tätowierer hat gesagt, dass er ein Hygienekonzept hat. Wenn das Hygienekonzept im Profi-Fußball so einwandfrei funktionieren würde, hätte der FC Bayern nicht vier Coronafälle in kurzer Zeit gehabt. Das beste Konzept scheitert am schwächsten Faktor – und der schwächste Faktor ist immer der Mensch. Teilweise können die Akteure etwas dafür, teilweise ist es einfach dumm gelaufen. Die Konzepte waren besser als ich anfangs befürchtet habe, aber die Anzahl positiver Fälle in der Bundesliga ist extrem hoch. Und wenn man sieht, dass Wolfsburgs Marin Pongracic nach einer Corona-Infektion wieder eingesetzt wurde und nach einer halbe Stunde fast zusammengeklappt wäre, scheint die Gesundheit der Spieler nicht an erster Stelle zu stehen, sondern das Geld.
Als es um die Fortsetzung der Bundesliga ging, war Demut ein viel gebrauchtes Wort. Haben Sie eine demütige Haltung gesehen?
Fischer: Demut gab es nur so lange, bis die nächste Rate der TV-Gelder überwiesen war. Und über die Katar-Reise brauchen wir gar nicht erst zu reden. Das war ein Spiel mit dem Feuer. Man kann von Glück sprechen, dass dort – anders als bei der Handball-WM in Ägypten – das Virus nicht in einem Mannschaftsquartier herumgegangen ist. Demut habe ich nicht erwartet und sie wurde insbesondere von den großen Vereinen auch nicht gelebt. Für die Topklubs in der Bundesliga griffen zudem Sonderregelungen, die für Zweitligaklubs offenbar nicht galten. Der FC Bayern hat sein Pokalspiel in Kiel verlegt, bei anderen Vereinen ging das nicht so einfach. Da merkt man die Drei-Klassen-Gesellschaft im deutschen Fußball. Ganz oben kommt der FC Bayern, dahinter Borussia Dortmund und RB Leipzig. Dann kommt ganz lange nichts und ganz unten folgen die Zweit- und Drittligisten. Würzburg hatte beim Spiel in Darmstadt nur noch zwei Feldspieler auf der Bank, musste dann den Ersatzkeeper als Stürmer einwechseln. Ein klares Zeichen an den Verband.

FC Bayern: Fischer wundert sich über Sonderbehandlung für Thomas Müller

Experten sagten schon länger voraus, dass die Blase Profifußball früher oder später platzen würde. War die Corona-Krise eine Art Brandbeschleuniger?
Fischer: Die Fußballklubs haben in der Krise jede Menge Kredit verspielt – und das nicht nur im Ultra-Bereich. Ich sehe es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auch bei Personen, die nichts mit Fußball zu tun haben. Sie sagen: ‚Die Fußballer haben es übertrieben.‘ Die Menschen durften kaum noch die eigenen vier Wände verlassen, und die Fußballklubs sind quer durch die Weltgeschichte gereist. Dass das Verständnis auf der Strecke bleibt, ist ja völlig klar. Ich fürchte aber, dass das Geschehen im Fußballgeschäft nach Corona so weitergeht wie zuvor.
Thomas Müller hat mit seiner Katar-Rückreise im Spezial-Flieger für spektakuläre Bilder gesorgt. Wie kamen die bei Ihnen an?
Fischer: Kein Normalsterblicher hätte nach Hause reisen dürften, jeder andere hätte 14 Tage in Doha fest gehangen. Aber Thomas Müller bekommt einen Sonderflieger und wird dann noch von einem Chauffeur nach Hause gefahren. Demut wäre gewesen, zu sagen: ‚Es ist blöd gelaufen, hier hast du ein Hotelzimmer. Komm nach Hause, wenn du gesund bist.‘ Auch da musste aber natürlich eine Sonderregelung her. Und die Videos in den sozialen Medien haben sehr deutlich gezeigt, dass Müller nicht symptomfrei war.
Kehrt bei den Fußball-Fans wieder Normalität ein, wenn die Pandemie überstanden ist?
Fischer: Es wird interessant sein zu sehen, was passiert, wenn Corona überstanden ist und die Leute sich daran gewöhnt haben, am Samstag nicht mehr ins Stadion zu gehen. Beim FC Bayern wird das keine Auswirkungen haben, bei kleineren Vereinen aber schon. Gehen die Menschen dann noch zu einem Viertligaspiel oder fahren sie bei gutem Wetter lieber mit der Familie an den Starnberger See? Der große Fußball wird sich weiter drehen – wenn es sein muss, um sich selbst. Auf die kleinen Klubs und den Nachwuchsfußball aber kommen Riesen-Probleme zu.

FC Bayern: Haben sich die Prioritäten der Fans verschoben?

Wie sieht Ihr Fan-Leben aktuell aus?
Fischer: Wir haben unsere Jahreshauptversammlung abgesagt, weil wir ganz normal unter das deutsche Vereinsrecht fallen. Und wir können natürlich nicht vom Verein fordern, dass er sich zurücknimmt und halten dann selbst eine Großveranstaltung ab. Im ganz engen Freundeskreis haben wir ab und zu noch Kontakt über Whatsapp, aber das normale Fan-Leben ist tot. Leute, die wir bisher 80 Mal im Jahr gesehen haben, treffen wir jetzt höchstens mal zufällig beim Einkaufen.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn es wieder losgeht?
Fischer: Auf die Begegnungen. Ich freue mich natürlich auch auf den Fußball an sich, darauf das erste Mal wieder die Esplanade hoch zulaufen oder die erste Auswärtstour. Aber die Begegnungen fehlen mir am meisten – egal, ob bei den Amateuren in der 3. Liga oder in der Bundesliga. Trotzdem wird es etwas anderes sein.
Was meinen Sie genau?
Fischer: Das beste Beispiel: Meine Freundin und ich wollen nächstes Jahr heiraten. Bisher hätten wir auf den Spielplan geachtet, damit die Bekannten aus dem Fußballbereich kommen können. Inzwischen sagen wir: Wenn es mit dem Spielplan passt, passt es. Wenn nicht, dann nicht. Es gibt immer mehr Fans, die sagen: ‚Wenn Mama Geburtstag hat und die Bayern zeitgleich spielen, gehe ich lieber zu Mama.‘ Da haben sich die Prioritäten massivst verschoben. Ich gehe davon aus, dass ich bei den ersten Spielen alle bekannten Gesichter wieder sehen werde, aber ob die bei Spiel fünf noch kommen, ist eine andere Frage.

Interview: Jonas Austermann

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