tz fragte einen Sportmediziner

FCB-Lazarett immer größer: Ist die Belastung Schuld?

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Pep Guardiola steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Jetzt fällt auch noch Philipp Lahm mehrere Monate aus.

München - Ist die Belastung Schuld an der Verletzungsmisere des FC Bayern? tz fragte nach bei Dr. Karlheinz Zeilberger, Internist und langjähriger deutscher Olympiaarzt: Frisst der Fußball seine Stars?

Das darf doch nicht wahr sein! Pep Guardiola fühlte sich wie im falschen Film. Mit geschlossenen Augen und weit aufgerissenem Mund stand der Trainer des FC Bayern am Dienstag auf dem Trainingsplatz, als Philipp Lahm im Golfcart abtransportiert wurde. Die gute Nachricht vorweg: Der Kapitän der Roten wurde gestern erfolgreich operiert. Das gebrochene Sprunggelenk im rechten Fuß wurde mit einer Platte und einer Schraube fixiert. Trotzdem muss der 31-Jährige noch einige Tage im Krankenhaus bleiben und den Fuß mehrere Wochen schonen, ehe er mit der Reha beginnen kann.

Das Bayern-Lazarett wird immer größer, Lahm ist jetzt der achte Ausfall, den Guardiola kompensieren muss. Neben ihm fehlen auch David Alaba, Thiago (beide Innenbandriss), Holger Badstuber (Sehnenriss), Javi Martinez (Kreuzbandriss), Claudio Pizarro, Pepe Reina (beide Muskelbündelriss) und Tom Starke (Syndesmosebandriss). Nur eine Verkettung unglücklicher Umstände oder müssen die Münchner der Dauerbelastung Tribut zollen? Die tz fragte nach bei Dr. Karlheinz Zeilberger, Internist und langjähriger deutscher Olympiaarzt (1998-2006): Frisst der Fußball seine Stars?

Herr Dr. Zeilberger, acht Spieler fallen langfristig aus. Zahlt der FCB den Preis für den vollen Terminkalender?

Dr. Karlheinz Zeilberger: Die Situation erinnert mich an Borussia Dortmund aus dem Vorjahr. Da war es damals ähnlich. Dass so eine Verletzungsmisere jetzt auch den FC Bayern trifft, wundert mich doch ein wenig.

Warum?

Dr. Karlheinz Zeilberger: So weit ich weiß, hat der FCB die wenigsten Verletzten und geringsten Ausfallzeiten der Bundesliga vorzuweisen. Das ging mal aus einer Statistik hervor. Die Bayern und ihr Arzt Dr. Müller-Wohlfahrt sind eigentlich für wenig Verletzungen und schnelle Wiedereingliederung in den Spielbetrieb bekannt.

Dann liegt’s also doch an den vielen Spielen und wenigen Pausen?

Dr. Karlheinz Zeilberger: Es kann mehrere Gründe geben. Zum einen ist es durchaus möglich, dass Pep Guardiola – ohne das negativ zu beurteilen – in der Trainingsintensität neue Reize gesetzt hat, die die Spieler so noch nicht gewohnt waren. Es kann aber auch sein, dass die Ernährung in irgendeiner Form umgestellt wurde. Oder, was ich für wahrscheinlich halte, es ist einfach eine unglückliche Häufung von Zufällen – allerdings durch die vorangegangene Belastung. Da deutet einiges draufhin.

Was meinen Sie da genau?

Dr. Karlheinz Zeilberger: So eine Reizdichte von Wettkämpfen und Höhepunkten wie im Fußball gibt es in keiner anderen Sportart. Wintersportler oder Marathonläufer absolvieren im Jahr nicht annähernd so viele Wettkämpfe wie die Fußballer. Das ist auf höchstem Niveau nur sehr schwer zu leisten, weil die Botenstoffe im Gehirn irgendwann müde werden und die Regeneration darunter leidet.

Der Lahm-Schock in Bildern

Der Lahm-Schock in Bildern

Zum Glück können die Bayern auf einen breiten Kader zurückgreifen.

Dr. Karlheinz Zeilberger: Den brauchen sie auch. Nicht nur für ihre Erfolge, sondern auch, um ihre Spieler zu schützen. Die hohe Belastung ist für alle Spitzenklubs ein Problem. Sie brauchen hochkarätige Kader, um ausreichend rotieren zu können. Die Dichte der Spiele in den vergangenen Jahren ist nicht unproblematisch. Philipp Lahm ist sie jetzt im wahrsten Sinne des Wortes auf die Füße gefallen.

Können die Vereine da überhaupt vorbeugen?

Dr. Karlheinz Zeilberger: Die Prävention ist ein Gesamtpaket. Das Training sollte der Spielbelastung angepasst sein, es sollte ausreichend aktive und passive Regenerationsmaßnahmen geben. Auch die Ernährung spielt eine Rolle, ebenso wie das Individuum. Der eine Spieler hält stärkere Belastungen aus, der andere nicht. Wenn Pep Guardiola von seinen Spielern fordert, unmittelbar nach dem Spiel zu essen, macht er alles richtig. Denn da füllen sich die Kohlenhydratspeicher am schnellsten wieder auf.

Interview: sw

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