FCB-Star behalten oder ziehen lassen?

Schweinsteiger umworben - und Pep in der Klemme

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Dieses Bild täuscht: Pep Guardiola wird nachgesagt, ein Problem mit Schweinsteiger zu haben.

München - Einst wäre das gar nicht zur Diskussion gestanden: Bleibt Schweinsteiger bei den Bayern? Da hieß es: Er ist der Beste, er bleibt. Die Lage hat sich geändert - und Trainer Guardiola steckt in der Klemme.

St. Pauli als Bundesligist, ja, das ist lange her – und illustriert, wie sich Dinge wandeln können. Im Dezember 2010 schnappte sich ein Profi des FC Bayern nach einem 3:0 über die Kiezkicker in der Allianz Arena das Mikro. „Liebe Fans, ich habe für euch um fünf Jahre verlängert“, sagte er und drückte dem Klubemblem auf der Brust einen Kuss auf. Jubel und Applaus waren sein Lohn. Bastian Schweinsteiger galt als einer von Europas begehrtesten Fußballern, von Istanbul bis Isafjördur gejagt. In München sahen sie in ihm die Antwort auf Barcelonas Xavi. Präsident Uli Hoeneß wertete das Ja-Wort als wichtiges Indiz für Wirtschaftskraft: „Bayern ist kein Abgeber-, sondern ein Käuferklub.“

Fünf Jahre ist das her.

St. Pauli spielt schon lange wieder unterklassig, und auch sonst sind fünf Jahre im Fußball eine lange Zeit – ganz besonders beim FC Bayern. Mehmet Scholl kickte insgesamt drei Mal so lang für den deutschen Branchenführer, bei seinem Fazit zu seinem Karriereende sagte er, er habe 15 Jahre im Haifischbecken überlebt. Rechnet man alles zusammen, hält Bastian Schweinsteiger nun schon 17 Jahre durch.

Seine Schläfen sind ergraut, in drei Wochen wird er 31, und die Auszeiten häufen sich. 17 Jahre in mörderischen Gewässern fordern Tribut. Wenn das Team des FC Bayern am Samstag in der Allianz Arena erstmals in kompletter Mannschaftsstärke vorgestellt wird, wird man sehr genau darauf achten, wie die Fans auf den Vizekapitän reagieren. Greift er noch mal zum Mikro, um eine epochale Weichenstellung zu verkünden? Alles ist möglich. Sogar, dass er gar nicht mehr auftaucht.

Früher klang es mal so: "Schweinsteiger ist aktuell der Beste, den die Welt bietet"

Bastian Schweinsteiger hatte bei seiner Geburt Glück – hätte er nur wenige Kilometer weiter südlich das Licht der Welt erblickt, wäre er Österreicher geworden. Und wohl niemals Weltmeister. Mehr als sein halbes Leben hat er nun in München gelebt. Fragt man Touristen nach Schlagworten zur Landeshauptstadt, gehört sein Name neben Bier, Oktoberfest und Weißwurst zu den ersten Geistesblitzen (sofern ihn die internationale Zunge meistert). Was wird sein Glück? Weißwurst, Paella, Käse – es gibt viele Optionen.

2010 war die Lage deutlich klarer: Europas Elite buhlte, doch der damalige Münchner Trainer Louis van Gaal rannte bei der Cheftetage offene Türen ein, als er befahl: Dieser junge Mann muss hierbleiben! Karl-Heinz Rummenigge schwärmte: „Schweinsteiger ist aktuell der Beste, den die Welt bietet.“ Diese Woche sagte der Bayern-Boss nun, man müsse abwarten. Zuletzt verkniff sich die Führung plakative Bekenntnisse zum Kapitän der deutschen Nationalelf, dessen Vertrag im Juli 2016 auslaufen wird.

Das Verhältnis kühlte ab, und auch das wird in diesen Tagen mit einer Mischung aus Argwohn und Faszination beobachtet: Radikaler als früher löst der Verein derzeit Personalfragen. Erst gab es die unwürdige Demission des jahrelangen Klubarztes Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dann die untypische Trennung von Physio-Urgestein Fredi Binder. Schweinsteiger stellt zwar eine ungleich prominentere Figur dar, doch so unfamiliär kennt man den FC Bayern nicht.

Pep wird nachgesagt, ein Problem mit Schweinsteiger zu haben

München steht für Weißwurst, aber der FC Bayern ist inzwischen auch Paella geworden – und die spanische Spezialität passt zur Münchner: gar nicht. Pep Guardiola wird nachgesagt, ein Problem mit Schweinsteiger zu haben. Zu oft stotterte der Motor, sobald der Coach dem Routinier einen zentralen Part anvertraut hatte. Doch der Trainer bemühte sich, eine Rolle für ihn zu finden. Schließlich weiß auch er natürlich um die politische Brisanz der Personalie.

Schon jetzt sieht es der Anhang mit größtem Misstrauen, wie der Spanier den FC Bayern aushöhlt – streicht er Schweinsteiger aus seinen Plänen, entkernt er die Münchner noch massiver als ohnehin. Und heikel ist die Sache zudem, weil Schweinsteiger neben dem Volk viele prominente Fürsprecher hinter sich weiß. Für Guardiola ein Dilemma: Eigentlich will er auf schnelle, mutige Spieler wie Thiago oder Strategen wie Philipp Lahm setzen – doch geht es ohne Schweinsteiger schief, verspielt er seinen letzten Kredit.

Das Eigengewächs steckt ebenso im Zwiespalt: Es drauf ankommen zu lassen bedeutet auch, den guten Ruf als Bankdrücker zu riskieren. Und Geld und Renommee spielen Doppelpass. Wählt Schweinsteiger statt Weißwurst und Paella lieber Käse? Der Holländer van Gaal will ihm diese Option schmackhaft machen. Sein Ex- Förderer lockt ihn als Trainer von Manchester United, angeblich liegt ein Zweijahresvertrag bereit. Doch ein Wechsel ins ruppige England wirkt für einen instabilen Fast-31-Jährigen eher wenig attraktiv. Als würde jemand eine Weißwurst mit Minzsoße übergießen.

Igitt. Oder, um im Münchner, in Schweinsteigers, Jargon zu bleiben: Pfui Deifi.

Andreas Werner

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