„Würdelos, klein und dämlich verteidigt“

Neue ZDF-Doku zum 75. Geburtstag von Franz Beckenbauer zeigt auch Schattenseiten

Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp (l) und Franz Beckenbauer unterhalten sich auf der Tribüne.
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Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp (l) und Franz Beckenbauer unterhalten sich auf der Tribüne.

Zu Franz Beckenbauers 75. Geburtstag zeigt das ZDF die Doku „Mensch Beckenbauer! Schau’n mer mal“. Dabei werden nicht nur die schönen Seiten seines Lebens beleuchtet. Auch Sommermärchen-Skandal wird nicht ausgelassen.

München - Das aktuellste Bild von Franz Beckenbauer stammt aus dem Juni. Er war einer der wenigen eingeladenen Zuschauer bei einem Geisterspiel des FC Bayern*, er trug ein Faceshield und war ein alter, kranker Mann. Auf dieser Aufnahme verweilt die Kamera ein wenig, dann entfernt sie sich, zeigt ein Mosaik, eine Vielzahl von Bildern, die Stationen eines prallen Lebens festhalten. Die Frage lautet: „Welches Bild wird bleiben?“

ZDF zeigt Beckenbauer-Doku zum 75. Geburtstag - Diesesmal ist es anders als früher

So endet die 45-minütige Dokumentation „Mensch Beckenbauer! Schau’n mer mal“ von Uli Weidenbach, die das ZDF am Dienstag um 20.15 Uhr zeigt. Am Freitag wird Franz Beckenbauer 75, und auch das Bayerische Fernsehen geht an diesem Anlass nicht vorbei und hat heute um 22 Uhr den Beitrag „Der Ball war mein Freund“ im Programm. Ja, ist denn Kaiser-Huldigungswoche?

Nicht mehr. Es ist anders als zum 60., den das ZDF mit einer von Thomas Gottschalk und Günther Jauch moderierten Geburtstagsshow zelebrierte, anders auch als zum 65., als es für kritische Töne keinen Grund gab. Über den 70. Geburtstag legte sich schon Melancholie, weil Stefan, der Sohn Beckenbauers, kurz zuvor verstorben war. Wenige Monate später enthüllte der Spiegel dann, dass es rund um die von Franz Beckenbauer geholte und organisierte Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bis heute unergründete Geldströme gegeben hatte, seitdem schreitet die Entfremdung der Deutschen von ihrem Kaiser voran. Und es ist klar: Man kann heute nicht nur in Erinnerungen an Beckenbauers Leichtigkeit als Spieler schwelgen und Schwänke aus seinem Lichtgestalt-Leben erzählen.

Doku zeigt Glanz des Kaisers - Schattenseite wird nicht verschwiegen

Der Glanz seines Lebens darf nicht verschwinden, doch die Schattenseite soll nicht verschwiegen werden. Dem Filmemacher Weidenbach gelingt es in seinem ZDF-Stück, so durch Beckenbauers Vita zu balancieren, dass man sagen kann: Es ist fair. Geholfen hat ihm dabei Torsten Körner, der vor 15 Jahren „Der freie Mann“ geschrieben hatte, eine Biografie, deren Entstehen ihr Protagonist unterstützte. Der Kontakt, so Körner zu unserer Zeitung vor fünf Jahren, habe sich aber mit der Zeit verloren, er sei nicht mehr im Thema drin. Nun hat er sich dazu reaktiviert. Und hilft, ein differenziertes neues Bild von Beckenbauer zu zeichnen.

Körner selbst erklärt, dass Franz Beckenbauer für die Deutschen nicht der Volksheld à la Uwe Seeler war, sondern „die Volksaktie, ein Investment in die Zukunft“. Er hatte stets ein ihn umsorgendes Umfeld, er selbst sei „Kind geblieben und nie geschäftsfähig geworden“. Sein Lebensthema: Geld verdienen. Der Historiker Hans Woller, der vor einem Jahr ein Buch über die Schwarzgeld-Verstrickungen des FC Bayern* in den 60er- und 70er-Jahren schrieb, sieht ihn als „Getriebenen seines Umfelds“.

Beckenbauer-Doku: Zwischen Lob und Vorwürfen

Lothar Matthäus, Uli Hoeneß, Paul Breitner, Rudi Völler – sie kommen zu Wort, sie haben Beckenbauer in den gelingenden Phasen seines Lebenswegs begleitet. Oder TV-Kommentator Marcel Reif, der zum Ziel kaiserlichen Furors wurde, aber auch die Versöhnlichkeit Beckenbauers kennenlernte und ihn „unendlich empathisch“ nennt. Ein Eindruck, den nahezu alle teilen, die mit ihm gearbeitet haben. Doch zu Wort kommt auch Spiegel-Redakteur Gunther Latsch, dessen Blick auf Franz Beckenbauer sich durch die Recherche rund um die 6,7 Millionen Sommermärchen-Euro gebildet hat. Er spricht offen von Korruption und Gier.

Sommermärchen-Skandal: Öffentliches Bild Beckenbauers beschädigt

Wesenszüge, die das öffentliche Bild nicht mitbestimmen durften. So gab Beckenbauer vor, ehrenamtlich an der Organisation der WM 2006 zu arbeiten, tatsächlich kassierte er heimlich 5,5 Millionen Euro. Latsch glaubt, Beckenbauer habe die entscheidenden Fehler in der Aufarbeitung des Sommermärchen-Skandals begangen, indem er sich „würdelos, klein und dämlich verteidigte, sich jämmerlich wegduckte“. Auch wenn Beckenbauer wegen der Verjährungsfristen nicht mehr belangt werden kann, der Verdacht klebt an ihm. Nicht nur im Hinblick auf 2006. Er soll seine Stimme auch als ­FIFA- Exekutiv-Mit­glied bei den Vergaben der Turniere 2018 und 22 an Russland und Katar verkauft haben. Franz Beckenbauer selbst war für den Film „Mensch Beckenbauer!“ nicht zu sprechen. Sein älterer Bruder Walter schon. „Franz lebt sehr zurückgezogen.“ Sie beide verbinde aber „eine innige Zuneigung“. Wenigstens die familiären Bande sind intakt geblieben. Günther Klein *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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