Fanforscher Harald Lange über den Trend der Bundesliga zur Daily Soap

Ein Jahr Geisterspiele: „Corona hat den Fußball entmystifiziert“

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Geisterkulisse statt Gänsehaut-Atmosphäre: Spieler von Bayern und Dortmund vor gähnend leeren Tribünen. 

München – Corona hat den Fußball verändert, auch im Verhältnis zu den Fans. Anlässlich des „Einjährigen“ der Geisterspiele und vor dem Bundesliga-Clasico zwischen FC Bayern und BVB sprachen wir mit einem Experten: Prof. Harald Lange, Sportwissenschaftler an der Uni Würzburg und Gründer des Instituts für Fankultur e.V.

Herr Professor Lange, am 11. März wird das erste Corona-Geisterspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln ein Jahr alt. Was löst das in Ihnen aus?

Ich finde es erstaunlich, wie schnell so ein Jahr rumgeht. Eigentlich würde man ja denken, dass sich alles wie Sirup zieht in diesen Zeiten. Aber das fühlt sich jetzt doch noch sehr nah an.

In welcher Form wird die Pandemie in Ihrer Forschung berücksichtigt?

Wir befassen uns grundsätzlich mit Zukunftsthemen des Fußballs, des Sports im Allgemeinen. Corona ist eine Zäsur. Durch die Pandemie wird der Sport nicht neu erfunden, aber er wird durchgerüttelt.

Was sind die wesentlichen Erkenntnisse?

Man hat gesehen, dass der Heimvorteil verloren gegangen ist, dass die Ausschläge der Emotionen auf dem Platz geringer geworden sind. Gleichwohl liefert auch diese Art des Fußballs Geschichten. Es hat nach wie vor einen Unterhaltungswert, das Ganze zu verfolgen. Wenn man aktuell nur Schalke sieht: Da sind sämtliche Themen des Profifußballs wie im Zeitraffer auf den Tisch gekommen.

In Expertenkreisen ist oft von einer Ent-Emotionalisierung der Fans die Rede – bis hin zur Entfremdung. Die Einschaltquoten sind aber nach wie vor hoch.

Die Ent-Emotionalisierung lässt sich nicht an der Einschaltquote festmachen. Das wäre zu kurz gedacht, zumal hinzukommt, dass die Mediennutzung im Lockdown mangels Alternativen ja allgemein angestiegen ist. Davon profitiert auch der Fußball.

Es braucht also qualitative Methoden, um der Sache auf den Grund zu gehen?

Ganz genau. Man muss die Fans schon direkt fragen, wie sich ihr Verhältnis zum Profifußball verändert hat.

Was sagen Ihre Studien?

Es gibt nur ganz wenige Beispiele, dass jemand noch genauso emotional aufgeladen ist wie vor der Pandemie. Der Trend, dass das Drumherum mehr Raum einnimmt als das Spiel an sich, hat sich verstärkt. Zugespitzt ausgedrückt wird die Kommunikation über den Profifußball immer mehr zu einer flachen Daily Soap. Die Themen wechseln schneller, werden oberflächlicher behandelt. Man liest die vermeintlich relevanten News auf dem Weg zur Arbeit; was bis zur Mittagspause nicht vergessen ist, ist spätestens am Abend weg.

Sie pauschalisieren.

Ich kommuniziere nur den Trend.

Wurde Profifußball nicht lange genug romantisiert?

Das mag sein. Der Profifußball-Fan muss ohnehin mit einer gewissen Dissonanz leben. Aber wie gewiss darf die sein? Der Blick in den Abgrund, die existenziellen Probleme der Clubs, die Lobbyarbeit der DFL – das alles dürfte auch den letzten Romantiker darüber aufgeklärt haben, dass wir hier in erster Linie über ein Geschäft reden. Das ist nichts Verwerfliches, das ist seit Jahrzehnten so. Aber durch die Pandemie ist es unmissverständlich geworden. Corona hat den Fußball endgültig entmystifiziert.

Mit welchen Folgen?

Eigentlich waren wir jetzt am Kern des Problems angekommen, der Balance aus sportlichem und wirtschaftlichem Wettbewerb. Die sogenannte Taskforce Zukunft Profifußball hätte eine Chance sein können, auf breiter gesellschaftlicher Basis verbindliche Ziele zu formulieren und Beschlussvorlagen zur Abstimmung zu bringen. Dazu gab es leider weder den Willen noch die nötige Befugnis.

Von welchen Zielen sprechen Sie?

In erster Linie von der Verteilung der Ressourcen. Es ist kein Sozialismus, wenn alle Bundesligisten das Gleiche vom Fernsehen bekommen. Leistung lohnt sich trotzdem, weil jeder Club die Möglichkeit hat, andere Geldquellen anzuzapfen, zahlungsfreudigere Sponsoren zu bekommen. Ich kann nicht verstehen, weshalb eine Liga, die nur als solche funktioniert, wenn 18 Mannschaften mitspielen, in der der Meister seine Wertigkeit nur durch seine 17 Konkurrenten hat, eine derartige Spreizung der TV-Gelder zulässt. Die Taskforce spricht von „Fußball 2030“. Da hätte man genug Zeit, eine Beschlussvorlage zu fassen analog zu einem Klimaziel. So hoch darf die Spreizung zwischen 1 und 18 sein.

Großclubs wie Bayern und Borussia Dortmund argumentieren nicht zuletzt mit den Einschaltquoten.

Wenn man das wirklich ernst nimmt, dann muss man sich vom Ligabetrieb verabschieden. Die Logik des Wettbewerbs lässt sich nicht aushebeln. Das Spiel Dortmund gegen Bayern ist nur im Kontext der Liga interessant. Die Alternative führt letztlich zur Aneinanderreihung von Supercups, die keine sportliche Relevanz mehr haben.

Glauben Sie nicht, dass die Leute bei erster Gelegenheit wieder in die Stadien strömen werden?

Die Fragen sind: Wer kommt? Und welche Emotionen bringen die Leute mit? Unsere Forschungen deuten darauf hin, dass die Bindung zwischen Fans und Clubs gelitten hat, dass es künftig noch mehr Eventpublikum geben wird. Die hartgesottenen Fans werden sich zunächst zurückhalten.

„Die Ultras leiden mit am meisten“

Muss das die Clubs beunruhigen?

Nicht unbedingt. Man wird versuchen, die Fanbasis zu verbreitern, etwa durch das Einführen von Ad-Apps, die Dienstleistungen mit dem Club verbinden. Man kauft sich nicht mehr nur Tickets über diese Apps, sondern wird mit Sponsoren vernetzt, erhält Sonderangebote, sammelt Punkte. Fußball wird noch mehr zum Konsumentenbusiness. Internationale Spiele gewinnen an Bedeutung, um die Basis in Asien, Amerika und Afrika auszubauen. Der harte Kern ist für die Folklore verantwortlich.

Sind die aktiven Fanszenen, die Ultras, also die größten Verlierer?

Sie leiden sicher mit am meisten. Ihnen fehlt ja nicht nur das Spieltags-Erlebnis, sondern auch die Vorbereitung. Für die Ultras ist eine Lebenswelt weggebrochen. Es wird interessant sein, zu verfolgen, wie das weitergeht, ob es ihnen gelingt, Nachwuchs zu akquirieren. Zumal die Ultras ja gegen eine schrittweise Rückkehr der Fans in die Stadien sind. Devise: Ganz oder gar nicht. Da stehen sie sich natürlich ein stückweit selbst im Weg.

Glauben Sie noch an Reformen?

Letztlich liegt die Macht beim Konsumenten und Fan. Wenn sich die abwenden, wenden sich irgendwann auch die Sponsoren ab. Oder sie fragen sich, in welches System sie ihr Geld da eigentlich reinpumpen. Von den Bioprodukten wissen wir, wie lange es gedauert hat, ein gesellschaftliches Bewusstsein zu verändern. Nach über 20 Jahren hat sich Bio als Marke etabliert. Man sollte nicht davon ausgehen, dass es im Fußball viel schneller geht

Interview: Ludwig Krammer

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