Geburtstag am Dienstag

Gerd Müller wird 70: Sepp Maiers bewegende Erinnerungen an den "Bomber"

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Gerd Müller (rechts) wird am Dienstag 70: So erinnert sich Sepp Maier, Teamkamerad beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft an den "Bomber der Nation".

München - Gerd Müller wird am Dienstag 70: Mit bewegenden Worten erinnert sich Sepp Maier, Teamkamerad beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft an den "Bomber der Nation".

Ohne ihn, das sagt selbst Franz Beckenbauer, den sie zur Lichtgestalt ikonisiert haben, wäre der FC Bayern nicht das, was er heute ist. Gerd Müller ebnete den Weg zum Weltverein. Der größte Stürmer, den es je gab, wurde selbst zur Marke – dabei ließ er nur seine Tore sprechen, das Rampenlicht war nie seins. Am heutigen Dienstag feiert er 70. Geburtstag. Es ist still geworden um ihn, auch weil er an Alzheimer erkrankt ist. Seine Tore werden ewig in Erinnerung bleiben.

Gerd Müller wird 70: Im Gespräch mit dem "Münchner Merkur" blickt Sep Maier zurück

Sepp Maier hatte längst aufgegeben. Zu oft hatte ihm dieser stoische Gerd Müller beim Schafkopfen die Hosen ausgezogen: Schon am Freitagabend waren die 200 Mark Prämie, die man erst am Samstag verdienen konnte, in die Tasche des Kollegen gewandert. Woche für Woche. „Ihr könnt’s mich gernhaben“, hatte der Torwart dann mal gesagt. Aber er nahm die Kartenrunde des FC Bayern nach wie vor unter die Lupe. Heimlich, über die Schulter. Neugierig war er ja schon.

Einmal hat er da eine Szene mitbekommen, die ungeheuer viel aussagt über Gerd Müller. Sie saßen an ihrem Tisch, wie immer: der Starek Gustl, der „Bulle“ Roth und der Bernd Dürnberger, „und einmal, das war das Höchste, da legt der Starek Gustl plötzlich seine Karten hin, steht auf, geht rüber zum Gerd – alles wie in einem Film“, erzählt Maier, „er packt den Gerd am Hemd – und reißt es ihm einfach auf, das ganze Hemd, von oben bis unten!“ Der frühere Torwart schaut bei dieser Anekdote, die er nachspielt wie eine Filmszene, so irritiert drein wie damals als heimlicher Beobachter. Aber der Gerd Müller, der ließ sich nichts anmerken, erzählt er: „Den hat das rein gar nicht interessiert. Das Hemd war aufgerissen. Aber er spielte einfach weiter, ohne eine Miene zu verziehen.“ Erst als der letzte Stich gemacht war, beim Zusammenpacken, fragte Müller: „Du, warum hast du mir das Hemd aufgerissen?“ Starek antwortete, es sei ja eh schon eingerissen gewesen, nichts für ungut. Sein Plan, Müller wenigstens ein einziges Mal aus der Fassung zu bringen, war kolossal gescheitert. „Der Gerd“, erzählt Maier, „blieb immer ruhig.“

Sepp Maier über Gerd Müller: "So einen wie ihn hat es nie wieder gegeben"

Nicht nur am Kartentisch. Auch auf dem Fußballplatz. „Ohne den Gerd wäre heute an der Säbener Straße ein öffentlicher Busparkplatz, ein Straßendepot oder sonst etwas“, sagt Maier, „so einen wie ihn hat es nie wieder gegeben.“ Gerd Müller schoss von 1964 bis 1979 so viele Tore, dass einem die Worte fehlen.

Selbst Maier, der zwar am anderen Ende des Felds weit weg war vom Strafraum, dem Jagdrevier seines Kameraden, ihn aber dennoch bestens beobachten konnte, geht bei der Suche nach Erklärungen über das Phänomen Gerd Müller auch mal das Vokabular aus – ihm, dem Wortakrobaten, dem Vater aller Anekdoten aus jener Zeit. Das will was heißen. „Er war ein Hellseher, hatte einen unglaublichen Torinstinkt, erfasste immer die Situation.“ Müller lief und lief und lief, er sprintete jedem Rückpass eines Abwehrspielers nach, 99 mal umsonst – „aber das eine Mal hat es dann doch geklappt, und er hat ihn reingehauen. Bumm!“, so Maier.

Die USA waren nicht seine Welt – Uli Hoeneß rettete Gerd Müller

„Dann macht es Bumm“, so hieß seine Schallplatte, die er 1974 herausbrachte. Bumm, das war erklärtes Programm beim „Bomber der Nation“. Zehn Tore bei der WM 1970, „da war er fit, Wahnsinn“, erinnert sich Maier, das Siegtor im Finale der WM 1974 auf unnachahmliche Art – die Fans liebten ihn, auch außerhalb von München. Das ließ sich damals längst nicht über jeden Bayern-Profi sagen: Der Schnösel Beckenbauer, der Querkopf Paul Breitner, der Ehrgeizling Uli Hoeneß wurden Feindbilder – nicht aber Gerd Müller, der seine Tore schoss und zum Feierabend einfach heimging zu seiner Ehegattin Uschi, zu seinem geliebten Kartoffelsalat und Schnitzel.

Blödsinn machte er nie mit, erzählt Maier: „Wir sind zum Fasching gegangen oder so, aber er war nie dabei. Wir haben da am Faschingsdienstag nach dem Training durchgemacht und sind am Aschermittwoch direkt aus der Stadt ins Training – das waren noch Zeiten.“ Für die der Gerd Müller aber nichts übrig hatte. „Er hat seine Aufgabe gemacht, trainiert und ist dann heim.“

So ist der Bruch der Vita im Nachhinein nachvollziehbar. Nach einem Zerwürfnis mit seinen Bayern ging er in die USA, „das war nicht seine Welt“, weiß Maier. „Heimat hat er gebraucht.“ Aus dem schwäbischen 20.000-Einwohner-Ort Nördlingen in die Landeshauptstadt, das waren bis dato seine einzigen Veränderungen. In den USA vereinsamte er, begann zu trinken. Später retteten ihn die Bayern. Uli Hoeneß gab Gerd Müller einen Job als Co-Trainer bei der zweiten Mannschaft, fortan hatte er wieder Inhalte.

Gerd Müller: Alzheimer-Erkrankung viele Jahre ein gut gehütetes Geheimnis in der Szene

Seine Alzheimer-Erkrankung war über viele Jahre ein gut gehütetes Geheimnis in der Szene, aus Respekt vor einem, der es nie bös mit anderen meinte – und welcher Gegner will diesem Gerd Müller schon die vielen Tore verdenken? „Er ist weltweit ein Phänomen, ich werde überall auf ihn angesprochen“, sagt Maier, „an den Gerd wird man sich ewig erinnern.“ Dass Miroslav Klose mit 71 Toren nun Rekordschütze der deutschen Nationalelf ist, hält Maier für „aufgebauscht – er hat 137 Spiele gebraucht, der Gerd für seine 68 Tore nur 62 Länderspiele. Das ist ein Rekord für ewig!“

Und nicht mal er hat Gerd Müller je entschlüsseln können. Obwohl die beiden Tag für Tag im Training aufeinandertrafen. „Das war nicht möglich. Er hat Situationen gehabt, da wusste er selbst nicht, wie er das gerade gemacht hat. ,Ich hab’ einfach draufgeschlagen’, hat er dann gesagt. So war er halt.“ Immer ruhig Blut, so wurde er zu einem der Allergrößten. Beim Karteln wie beim Kicken.

Von Andreas Werner

Gerd Müller wird 70: So geht es ihm mit seiner Alzheimer-Krankheit

Anfang Oktober machte der FC Bayern öffentlich, was als eines der am besten gehüteten Geheimnisse im deutschen Fußball galt: Gerd Müller, der ewige Torjäger, ist an Alzheimer erkrankt und lebt seit Februar in einem Pflegeheim. Der große Gerd Müller kämpft einen letzten, schweren Kampf: den gegen das Vergessen. Eine große, öffentliche Feier zu seinem 70. Geburtstag am Dienstag, wie sie diese Seele von Mensch verdient gehabt hätte, wird es nicht geben. Müller hätte sie auch nicht gewollt - nicht einmal, als er noch gesund war.

Während Beckenbauer oder Uli Hoeneß nach der Karriere im Rampenlicht blieben, scheute Müller die Öffentlichkeit. Der gelernte Weber war kein Charismatiker, er hatte Probleme mit dem Leben außerhalb des Fußballs. In den 1980er-Jahren verfiel er dem Alkohol, auch finanziell und privat soll er damals in Not geraten sein. Seine Spezln - der Franz und der Uli - fingen ihn auf, gaben ihm eine Aufgabe als Co-Trainer und wieder Halt. `Ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich es wohl nicht geschafft“, sagte Müller einmal.

Auch jetzt stehen die Bayern ihrem „Gerdchen“, wie ihn der kürzlich verstorbene Erfolgscoach Dettmar Cramer nannte, zur Seite. „Wir helfen Gerd, wo es nur geht“, wird Hoeneß in der Biografie „Gerd Müller – Der Bomber der Nation“ von Patrick Strasser und Udo Muras (riva Verlag, München 2015) zitiert. Vor allem kümmere sich Müllers Frau Uschi „aufopferungsvoll um Gerd“, betonte Hoeneß, sie stehe ihrem Mann „Tag und Nacht“ zur Seite. Hoeneß nannte die akuten Probleme seines Kumpels „furchtbar“; überhaupt war und ist die Anteilnahme für „kleines, dickes Müller“ (der frühere Bayern-Trainer Zlatko Tschik Cajkovski) groß. „Das berührt mich sehr. Er war wohl der allergrößte Stürmer, den wir hatten - ein Stürmer, den wir so nie mehr sehen werden“, sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Uwe Seeler meinte betroffen: „Das Ganze macht mich einfach nur traurig.“ Und Bayern-Star Thomas Müller, der die Tradition des Tore-„müllern“ fortsetzt, sagte bestürzt: „Die Krankheit von Gerd geht mir an die Nieren. Gerds Torquote wird in Deutschland niemand mehr erreichen, dennoch ist er total bescheiden und hat sich nie darauf etwas Besonderes eingebildet.“

Ob Gerd Müller sich noch an seine großen Erfolge auf dem Platz erinnert? Bei einem seiner letzten Besuche habe er Müller Grüße seiner früheren Schützlinge überbracht, erzählt Hermann Gerland in besagter Biographie. Von Thomas Müller, David Alaba oder Bastian Schweinsteiger. „Da kamen Gerd die Tränen. Er hat geweint.“

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