Erfolgstrainer spricht vor Pokal-Halbfinale

Bayern-Trainer Hansi Flick im Interview: „Unsere Möglichkeiten sind weit entfernt von unerschöpflich“

Mit Hansi Flick als Cheftrainer geht es beim FC Bayern wieder steil bergauf. Im Interview erklärt der Weltmeister von 2014, worauf er speziell achtet und wie der Klub von der Corona-Krise profitieren könnte.

  • Hansi Flick hat dem FC Bayern als Cheftrainer zurück in die Erfolgsspur verholfen.
  • Im Interview verrät er sein Erfolgsrezept und spricht über einzelne Spieler.
  • Ihm sind vor allem drei Attribute sehr wichtig.

München - Als Hansi Flick im Herbst nach dem 1:5 der seinerzeit zerzausten Bayern in Frankfurt den Trainerposten vom beurlaubten Niko Kovac übernahm, glaubte man, der Abonnementmeister hätte nicht mehr als eine ordentliche Zwischenlösung gefunden. Tatsächlich hat sich der 55-Jährige als Idealbesetzung erwiesen. Im Gegensatz zu Hoffenheims Alfred Schreuder, der trotz guter Saison gehen musste.

Im Interview mit der Verlagsgruppe Ippen, zu der unsere Zeitung gehört, erklärt der öffentlich zurückhaltend agierende Hansi Flick vor dem Pokalspiel am Mittwoch gegen Frankfurt (ab 20.30 Uhr im Live-Ticker) seine Art der Menschenführung.

Herr Flick, haben Sie Ihre Kinder und Enkel während der Corona-Zeit endlich mal wieder persönlich treffen können?

Flick: Nein. Leider noch nicht. Auch wir Trainer unterliegen den Quarantäne-Bestimmungen des medizinischen DFL-Konzepts. Das heißt: Nur die wirklich notwendigen sozialen Kontakte am Wohnort sind gestattet.

Schaut man sich die Geisterspiele an, hat es ganz den Anschein, als wirkten Sie in der Coachingzone ruhiger als die meisten Kollegen.

Flick: Für mich ist das Coaching im Grunde wie sonst auch. Mit einem Unterschied: Ich höre viel mehr von der Mannschaft auf dem Platz.

Wie gefällt Ihnen das, was Sie da hören?

Flick: Sehr gut. Die Spieler pushen und coachen sich gegenseitig enorm. Ich selber versuche es zu dosieren und verschaffe mir nur dann Gehör, wenn ich den Eindruck habe, die Mannschaft braucht mich jetzt. Das ist meine Art. Ich gehöre sicher nicht zu der Kategorie Trainer, die lautstark alles kommentieren.

Bayern-Trainer Flick im Interview: „DFL und politisch Verantwortliche haben vieles richtig gemacht“

Erwarten Sie, dass der FC Bayern noch gestärkt aus der Krise hervorgeht im Vergleich zur europäischen Konkurrenz?

Flick: Schwierig einzuschätzen zu diesem frühen Zeitpunkt. Was ich auf alle Fälle sagen kann: Bei uns wurde aus meiner Sicht vieles richtig gemacht, sowohl was die DFL als auch die politisch Verantwortlichen angeht.

Deutschland als Vorbild?

Flick: Finde ich schon. Wobei ich auch einräumen muss: An die Spiele ohne Publikum versucht man sich zu gewöhnen - und gewöhnt sich doch nicht so recht daran.

Manche Experten glauben, wirtschaftlich könnte der Klub mit dem Festgeldkonto profitieren…

Flick: Na ja, die Topklubs in England und Frankreich werden mit den Investoren im Rücken stark bleiben, die Spanier auch. Unsere Möglichkeiten sind weit entfernt von unerschöpflich. Wir brauchen eine kluge Transferpolitik. Und wir haben einen sehr guten Kader beisammen.

Der öffentliche Eindruck war im November, als Sie übernommen haben, noch ein anderer.

Flick: Das stimmt. Wir haben Ende November zu Hause gegen Leverkusen und in Mönchengladbach zwei Spiele verloren. Seinerzeit hieß es, den Bayern fehle eine stabile Achse, die anderen Mannschaften hätten mächtig aufgeholt und keinen Respekt mehr.

Kann schon die Stunden bis zu seinem ersten Meistertitel als Cheftrainer zählen: Unter Hansi Flick ist der FC Bayern 2020 noch ungeschlagen.

Bayern-Trainer Flick im Interview: „Spieler legen unheimliche Gier auf Tore an den Tag“

Und jetzt heißt es: Der FC Bayern ist zu dominant.

Flick: Genau. Weil unsere Spieler einen sensationellen Job machen und eine unheimliche Gier auf Tore an den Tag legen. Und weil sie verstanden haben, dass es bei aller individueller Qualität nur mit hundertprozentiger Mentalität und als Team funktioniert.

Das haben Sie geschafft. Sind Sie stolz darauf?

Flick: Vor allem bin ich stolz auf meine Mannschaft.

Nach zwei Ausflügen als Sportdirektor im DFB und Sport-Geschäftsführer bei der TSG Hoffenheim hat es Sie zurück auf den Trainerposten gezogen. Sehen Sie sich voll bestätigt, dass diese Rückkehr das Richtige war?

Flick: Ganz genau. Ich habe nach Hoffenheim noch das eine oder andere Angebot für die Position des Sportdirektors oder Sportvorstandes vorliegen gehabt. Aber da habe ich schon gespürt, dass mich diese Position nicht mehr reizt. Als dann das Angebot des FC Bayern als Co-Trainer kam, musste ich nicht lange nachdenken. Ich wollte wieder mit Topspielern auf dem Trainingsplatz stehen. Wenn ich jetzt die Entwicklung sehe, muss ich schon sagen: Das ist genau mein Ding.

Bayern-Trainer Flick im Interview: „Kimmich kann seine Mitspieler mitreißen“

Sie haben im Team ein paar bedeutende Umstellungen vorgenommen. Zum Beispiel spielt Joshua Kimmich nahezu immer zentral im Mittelfeld. Ist er mit gerade mal 25 schon ein Leitwolf?

Flick: Er ist in jedem Training zu hundert Prozent dabei. Das lässt einem als Trainer das Herz höher schlagen. Denn man sieht: Er macht das nicht für sich selbst. Er kann seine Mitspieler mitreißen.

David Alaba spielt bei Ihnen stabil in der Innenverteidigung. Das, was er da macht, sieht verdächtig nach Weltklasse aus.

Flick: Schauen Sie sich die Historie bei David an: Er kam als 16-Jähriger zum FC Bayern, wurde bei uns ausgebildet, war mal eine halbe Saison nach Hoffenheim ausgeliehen, hat sich dort entwickelt, kam zurück und war dann lange Jahre Linksverteidiger.

Man dachte, dort links würde er sein Leben lang Fußball spielen…

Flick: … für ihn war es gut, dass er aus dieser Komfortzone rausgekommen ist. Links verteidigen konnte er mit geschlossenen Augen nachts um halb drei perfekt. Die neue Position als Innenverteidiger hat er sehr gut angenommen.

Wie haben Sie das mit Alabas Nebenmann Jerome Boateng hingekriegt?

Flick: Ich kenne Jerome schon eine ganze Zeit. Es ist wichtig, dass man die Bereitschaft hat, hart an sich zu arbeiten. Es geht nicht mal eben am Abend, dass ein Spieler sich sagt, am nächsten Morgen bringe ich wieder Leistung. Da gehört schon mehr dazu.

Und das haben Sie Jerome Boateng klargemacht?

Flick: Natürlich haben seine aktuell starken Leistungen viel mit seiner Fitness zu tun. Er ist wieder sehr fokussiert. Das tut seinem Spiel gut und seinem Selbstvertrauen. Das Selbstvertrauen ist bei jedem Spieler ein wichtiger Faktor. Jeder Arbeitnehmer braucht doch eine gewisse Wertschätzung und Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit. Darauf achten wir im Trainerteam sehr. Wir machen den Spielern aber auch deutlich, was wir von ihnen erwarten. Wir fordern und fördern.

Blühe unter dem aktuellen Trainer wieder auf: David Alaba (l.) und Thomas Müller sind bei Hansi Flick gesetzt.

Bayern-Trainer Flick im Interview: „Müller von jetzt nicht mehr mit jungem Müller zu vergleichen“

Bei Thomas Müller hat das ebenso hervorragend funktioniert. Sehen wir gerade den besten Müller, den es je gab?

Flick: Ich finde, den jungen Thomas Müller und den, den wir jetzt gerade erleben, kann man nicht so ganz miteinander vergleichen. Früher war es vor allem seine unglaubliche Unbekümmertheit, die ihn ausgezeichnet hat. Er hat aus Intuition ganz, ganz oft genau das Richtige gemacht und ist dorthin gelaufen, wo normalerweise niemand hinlaufen würde.

Jetzt hat er diese Unbekümmertheit nicht mehr?

Flick: Jetzt ist sein großer Trumpf seine Erfahrung. Und klar: Er hat immer noch regelmäßig einen Spruch parat, auf den du dich als Trainer gar nicht vorbereiten kannst. Er bringt noch immer auch eine Lockerheit rein, die uns allen guttut. Und vor allem bringt er Qualität in jedes Training.

Gäbe es aus Ihrer Sicht einen guten Grund, ihn zurück in die Nationalmannschaft zu holen?

Flick: Bitte haben Sie Verständnis. Ich würde nie eine öffentliche Empfehlung aussprechen, wen Jogi Löw nominieren soll. Ich weiß ja, wie schwierig das für den Bundestrainer ist.

Wie hat sich denn Ihr Verhältnis zu Löw entwickelt. Es schien am Ende doch etwas abgekühlt?

Flick: Das stimmt nicht. Wir hatten eine super Zeit zusammen und ein wahnsinniges Vertrauensverhältnis, auch zu Oliver Bierhoff und Andi Köpcke. Diese gegenseitige Loyalität hat mich sicher geprägt, ich habe bei Jogi Löw immer das gute Gefühl gehabt, dass er mir voll vertraut.

Bayern-Trainer Flick im Interview: „Vertrauen, Qualität und Spaß für mich immer wichtig“

Können Sie auch deshalb so gut mit den Topstars beim FC Bayern umgehen, weil Sie das als Assistenztrainer der Nationalmannschaft dort gelernt haben?

Flick: Schwierige Frage. Für mich sind drei Dinge schon immer wichtig gewesen: Vertrauen in die Spieler, Qualität muss da sein, und es muss Spaß machen, die Ziele gemeinsam zu erreichen.

Nach außen wirken Sie stets sympathisch. Können Sie intern auch unsympathisch sein?

Flick: Unsympathisch klingt mir zu negativ. Ich kann durchaus mal streng sein. Das gehört sicher dazu. Ich achte schon sehr darauf, dass die Regeln, die wir vorgegeben haben, auch eingehalten werden. Sonst kann es schon mal unangenehm werden für denjenigen, der sich nicht daran gehalten hat.

Die beiden DFB-Mediensprecher haben mal berichtet, dass Sie ihnen auf dem Heimflug vom WM-Halbfinale 2014 das Sieger-Bier untersagt haben.

Flick: Ja, ich kann mich erinnern (lacht). Die beiden hätten ja auch noch ein bisschen warten können.

Müssen Ihre Spieler mit dem Biertrinken warten, bis Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League eingetütet sind?

Flick: Bei uns gibt es wegen Corona auf den Rückflügen derzeit sowieso keinen Service und also auch keine Getränke.

Interview: Jan Christian Müller

Flick plant für den FC Bayern offenbar einen weiteren Zugang auf dem Flügel - daraus könnte sich ein hausgemachtes Problem entwickeln. Und auch Flicks Plan für seine Spieler, sollten sie das DFB-Pokalfinale erreichen, ist ungewöhnlich

Rubriklistenbild: © AFP / MATTHIAS HANGST

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