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Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wird 75: Der mit den Händen sieht

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Von: Andreas Werner, Hanna Raif

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Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt
Geborener Sprinter: Müller-Wohlfahrt rannte die 100 Meter in Jugendzeiten selbst in 11 Sekunden – schneller als so mancher Fußballer. © dpa

Von Beckenbauer über Becker bis Bolt: Die Sportstars vertrauen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt seit Jahrzehnten. Am Samstag wird er 75 – von Rente aber will er nichts wissen.

München – Die Idee war gut, sehr gut sogar. Antigua, Karibik, kleine Antillen, mehr als 7000 Kilometer Luftlinie von München entfernt, keiner wusste Bescheid. Die ersten Urlaubstage, herrlich, Zeit zu zweit ist ein hohes Gut im Hause Müller-Wohlfahrt. Aber dann, in der Früh um halb drei, die Eheleute schliefen, raschelte es unter der Hotelzimmer-Tür. Ein Fax von Uli Hoeneß mit dem Inhalt: „Du musst kommen!“

Die Nachtruhe war dahin.

Der Urlaub auch.

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist ein guter Geschichten-Erzähler, logisch. Ein Mann, der am morgigen Samstag auf 75 Lebensjahre zurückblickt, ein Arzt wie er, hat viel erlebt. Diese letzte Anekdote plaudert er im Stehen aus, vom Sofa in seinem Behandlungszimmer hat er sich schon vor Minuten erhoben, die Zeit drängt. Hinter ihm werden bereits Röntgen-Bilder an die Wand geworfen, aber kurz bevor er seinen Blick auf die Aufnahmen richtet, die für einen der weltbesten Sprinter – der Name fällt unter das Arztgeheimnis – das WM-Aus bedeuten, fügt er noch hinzu: „Es gab Zeiten, in denen ich mich vor Uli verstecken wollte.“

Der Uli, Uli Hoeneß, ist derjenige, der Müller-Wohlfahrt in seinen Anfangsjahren regelrecht angeschoben hat. Es ist nicht selten vorgekommen, dass der heutige Präsident des FC Bayern als junger Manager Anfang der Achtziger Jahre mit den verletzten Spielern in die Praxis gefahren ist, um sich von den Behandlungen ein eigenes Bild zu machen. Er stellte Fragen über Fragen, wollte alles wissen, jedes Detail. Müller-Wohlfahrt war das nicht lästig, im Gegenteil. Er merkte: Da traut mir einer was zu.

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„Mein lieber Scholli“: „Mull“ (mit Frau Karin) über die Freundschaft zu Sprinter Bolt. © Jantz

Knapp 40 Jahre später ist er der, über den sie sagen, er sei der Beste. Aber fertig? Ist er nicht. Ausgelernt? Hat er nicht. Heute – das Rentenalter längst überschritten – sagt er: „Es ist doch so: Je mehr Patienten kommen, desto mehr Erfahrungen sammle ich.“

Sie kommen, in Scharen, und aus allen Teilen der Gesellschaft. Privatleute wie Sportprominenz, Künstler wie Schauspieler, ab morgens acht Uhr, manchmal bis nach Mitternacht. So lange, wie es eben dauert. Die Begegnung mit den Menschen, die individuellen (Leidens-)Geschichten sind das, was er an seinem Beruf liebt, eine Art Suchtmittel. „Das stimuliert! Das aktiviert! Das bringt Energie!“ Die braucht man, wenn man in seiner bald fünf Jahrzehnte dauernden Berufs-Vita ungezählte Muskeln untersucht und rund 40 000 Muskelverletzungen behandelt hat. Jene von Boris Becker, Usain Bolt und Franck Ribery, aber auch jene von Max und Erika Mustermann. Egal. „Jeder bekommt dieselbe Behandlung, und zwar die bestmögliche.“

Sie beginnt schon anders als in anderen Praxen. Nicht nur optisch – 1600 Quadratmeter umfassen die Räumlichkeiten im Alten Hof, allein der Flur ist so lang wie ein olympisches Schwimmbecken – sondern auch zwischenmenschlich. Gegrüßt wird hier nicht, wie man es kennt, sondern mit einem energetischen Handschlag auf Brusthöhe. In dem Moment, in dem Müller-Wohlfahrt die Hand seines Gegenübers festhält und seine zweite auf dessen Unterarm legt, passieren zwei Dinge: Er blendet die Umwelt aus. Und der andere fühlt sich – das hört er oft –, „als gäbe es nur noch den Patienten“.

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„Mull“ mit Frau Karin am Flughafen. © Jantz

An diesem heißen Tag im August nimmt Müller-Wohlfahrt auf der hellbraunen Couch Platz, es geht um ihn und nicht um andere. Für den gebürtigen Ostfriesen ist das eine ungewohnte Rolle, normalerweise ist er derjenige, der zuhört, „dann weiß ich meistens schon die Diagnose“. Dass seine Lider sich immer wieder schließen, wenn er seine Diagnostik beschreibt, merkt er selbst nicht. Vor seinem inneren Auge sieht er „Haut, Muskeln, Fasern, Faszien“, die gesamte Anatomie des Menschen. „Ich tauche in einen Muskel ein“, sagt er, während er sich immer wieder über seinen Oberschenkel streicht. Mal ganz leicht, mal mit Druck.

Auf dem Fensterbrett, der Blick geht auf den Marienhof, steht eine Skulptur, die zwei Hände zeigt. Das Geschenk eines indischen Patienten passt in diesen Raum. „Meine schauen Sie bitte nicht an“, sagt Müller-Wohlfahrt. Der Effekt: natürlich gegenteilig. Und ja, man sieht, dass diese Körperteile der ihn umgebenden Aura der ewigen Jugend nicht folgen können.

Nicht mehr alle Finger sind gerade, „40 Jahre Schwerstarbeit“ haben sie hinter sich, das schlaucht. „Meine Fingergelenke!“, sagt er. „Aber ich lasse das gar nicht in mein Bewusstsein kommen. Ich will nicht jammern.“

Er nennt sie „Instrumente“, ein nüchterner Begriff, bewusst gewählt. „Wissen Sie: Viele denken, ich lege die Hand auf – und schon geht es einem besser. Das geht zu weit, das will ich nicht hören!“ Stichwort: Hokuspokus, ein Vorwurf, den es seit Jahrzehnten gibt, genau wie Doping-Anschuldigungen ohne Belege. Beides macht ihn wütend, seine Stimme erhebt sich. Zumal bei ihm schon immer das Prinzip des offenen Hauses gilt. Jeder Kollege dürfe ihm über die Finger schauen. Die wenigsten haben es getan, „heute gibt es ja die Kernspinuntersuchung“. Nur seine Leute, die können das. Sohn Kilian zum Beispiel ist mit Papas Diagnostik aufgewachsen. „Und irgendwann sah er den Muskel selbst.“ Müller-Wohlfahrt stutzt: „Jetzt sage ich selbst schon ,sehen‘, dabei ist es ja ein Erfühlen.“

Glaubt man Karin Müller-Wohlfahrt, kann der Sohnemann es noch besser als der Vater. Glaubt man ihrem Mann, sagt sie das, „weil sie eben Mutter ist“. Er lacht. Natürlich hat auch er bemerkt, dass Kilian großes Talent hat, so großes, dass er sogar sein designierter Nachfolger als Teamarzt des FC Bayern war. So weit war es schon, als der Vater seine Zusammenarbeit mit dem Verein im April 2015 nach 38 Jahren und im Knatsch beendete. „Das wäre der Mann der Zukunft gewesen“, sagt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Er zögert nicht: „Aber das ist vorbei.“

Mit gebrochenem Fuß zum Confed Cup

Die besondere Verbindung zu diesem Klub sieht man im Konferenzraum. Die Chronik zum 111. Geburtstag des FC Bayern – 28 Kilogramm schwer, nur 111 Mal gedruckt – steht auf einer Staffelei, sie ist aufgeschlagen. Und trotzdem ist der Mann, den sie „Mull“ („bin ich gerne“) nennen, niemand, der zurückblickt, „noch nie!“ Die Fußballstars gehen auch so bei ihm ein und aus, auf das Feld rennt er inzwischen halt nur noch bei Einsätzen mit der Nationalmannschaft. Zuletzt beim Confed Cup im Juni, und zwar mit gebrochenem Fuß. Nachts beim Joggen im Englischen Garten umgeknickt, Eigendiagnose, konservative Behandlung. „Ich bin der schlechteste Patient auf Erden. Als Arzt müsste ich mich verurteilen.“ Mindestens ein Gips, womöglich eine Operation wäre nötig gewesen. Sein Blick geht auf die knöchelhohen Schuhe, die er trägt. „Immerhin.“

In Russland wollte er unbedingt dabei sein, weil er, der bald 75-Jährige, die Jugend so gerne um sich hat. Das DFB-Team, das den Titel holte, bestand zum Großteil aus U-21- Spielern, Jungs, denen die Zukunft gehört. Eine Zukunft, die Müller-Wohlfahrt begleiten will.

EURO 2016 - Round of 16 Germany vs Slovakia
Jerome Boateng feiert mit Hans-Wilhelm Mueller-Wohlfahrt (R) das 1:0 bei dem EM-Spiel gegen die Slowakei. © dpa

Er mag es nicht, der Doc mit dem wehenden Haar zu sein. Das ist oberflächlich, für ihn zählt die Arbeit auf dem Feld. Sie läuft ab wie in der Praxis, Augen zu, auch vor 70 000 Zuschauern. Regeln, die besagen, dass Behandlungen auf dem Platz nicht mehr erlaubt sind, ignoriert er gerne. Lachend sagt er: „Ich tue dann so, als ob ich den Schiedsrichter nicht verstanden habe.“ Das bringt wertvolle Momente, die er braucht, um eine erste Diagnose zu stellen und zu wissen: Der Spieler kann weitermachen. Oder eben nicht.

Unerfreuliche Mitteilungen bleiben nicht aus. Müller-Wohlfahrt hat den Riberys, Robbens und Bolts dieser Welt schon sagen müssen, dass eine lange Pause ansteht. Der Sprint-Olympiasieger aus Jamaika ist inzwischen ein Freund, „Sie müssten mal sehen, wie der mich begrüßt, mein lieber Scholli!“ Er selbst genießt das Vertrauen der Sportler, weil auch er ein Sportsmann aus Leidenschaft ist. Dass Müller-Wohlfahrt in seiner Jugend die 100 Meter in 11 Sekunden bewältigt hat, wissen nur die wenigsten.

Überhaupt ist die Leichtathletik ihm gelegen, in all ihren Facetten. So sehr, dass er ohne Trainer und ohne Sportplatz einst der drittbeste deutsche Mehrkämpfer seiner Jahrgangsstufe war. Im Garten seines Elternhauses hatte er sich Weit- und Hochsprunganlagen gebaut, gesprintet wurde auf der Zufahrtsallee, und der Speer am Strand geworfen („werfen, hinterherlaufen, werfen, hinterherlaufen“) oder hinter dem Haus auf der Kuhwiese. Die Starkstromleitung störte ihn nie, „da habe ich drüber geworfen“. Bis zu diesem einen Tag, an dem der Speer ihm auskam und das Dorf Leerhafe ohne Strom war. „Das weiß bis heute keiner. Ich habe mich verpieselt.“

„Ich war schon so oft der Spielverderber“

Sport war immer wichtig, zur Bestimmung aber wurde die Medizin, gegen den Willen seines Vaters, eines Pastors, für den Ärzte „Halbgötter in Weiß“ waren. Die Bücher, aus denen er Anatomie paukte, um als Quereinsteiger einen Studienplatz zu ergattern, schmücken noch heute sein Bücherregal. „Unser Hausarzt hat sie mir geschenkt, ich habe sie aufgesogen.“ Inzwischen sind sie knapp 100 Jahre alt. Sammlerstücke, Erinnerungen. Und wer Müller-Wohlfahrt reden hört, weiß: Sie werden da noch länger stehen.

„Ich bin kein Rentner“, sagt er, „ich könnte mich nicht anderweitig beschäftigen.“ In nächster Zeit abzutreten? „Nicht vorstellbar.“ Allein ein paar Wochen weg zu sein, wie nun zu seinem Geburtstag, ist für ihn eine echte Qual.

Es hilft nichts, Ehefrau Karin hat „das Zepter in die Hand genommen“: Urlaub, mit der Familie, auch Tochter Maren hat Geburtstag, zwei Enkelinnen noch dazu. „Und ich war schon so oft der Spielverderber.“ Sein Handy nimmt er mit, für Glückwünsche, und für alle Fälle.

Der Flieger damals aus Antigua ging übrigens noch am selben Tag zurück.

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