Hitzfeld über Luxusprobleme und Peps Zukunft

"Intern hat man meist schon Lösungen…"

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Ottmar Hitzfeld.

München - Der FC Bayern sucht noch seinen Spielrhythmus, dabei ist nächste Woche schon der Einstieg ins Champions-League-Achtelfinale. Muss man sich da Sorgen machen? Die tz hat bei Ottmar Hitzfeld nachgefragt.

Das Interview über die Spielstärke des FCB, scheinbar unersetzliche Stars und die Kompatibilität des Sechser-Duos Schweinsteiger/Alonso.

Herr Hitzfeld, hätten Sie erwartet, dass der Bayernmotor in der Rückrunde so stockt?

Hitzfeld: Man ist natürlich in der Vorrunde auch verwöhnt worden von Bayern München. Durch den super Start hat man die Konkurrenz distanziert und dementsprechend auch die Erwartungshaltung für die Rückrunde sehr hoch gesteckt. Nach einer Winterpause ist es immer eine Art Neubeginn, man weiß nie, wo man steht. Vielleicht hat man sich auch zu sicher gewiegt, dass man gegen Wolfsburg nicht diese Spannung hatte. Alles in allem war es ein Schuss vor den Bug zum richtigen Zeitpunkt.

Heißt: Lieber jetzt stolpern als in den entscheidenden Wochen?

Hitzfeld: Richtig, ja.

Sie sprechen von einer veränderten Erwartungshaltung nach der starken Hinserie. Ist die nicht auch aufgrund der großen Triumphe zuletzt größer?

Hitzfeld: Das hat sich der FC Bayern mit tollen Ergebnissen und Leistungen aufgebaut und hart erarbeitet: dass die Luft nach oben immer dünner wird. Darüber hinaus bin ich auch der Meinung, dass die Bayern einen Kader haben – und damit meine ich nicht ausschließlich die ersten Elf –, über den in Europa kein anderes Spitzenteam verfügt.

Auch nicht Real Madrid und der FC Barcelona?

Hitzfeld: Der Kader des FC Bayern ist stärker. Guardiola kann zwei, drei Topspieler ohne Problem ersetzen – so hat er es ja auch mit einer großen Rotation in der Vorrunde durchexerziert. Viele Spieler hatten dadurch die Gelegenheit, sich zu zeigen und Spielpraxis zu bekommen. Und der interne Konkurrenzkampf wurde dadurch ebenfalls angeheizt.

Am Samstag geht es gegen den HSV, am Dienstag in der Champions League gegen Schachtjor Donezk. Hilft dieser Dreitagesrhythmus dem FC Bayern, um wieder in die Spur zu finden?

Hitzfeld: Es ist generell ein Vorteil für Spitzenteams mit breiten Kadern. Denn wenn man mehr spielt, kann man ja auch mehr Spielern Spielpraxis geben. Spielt man nur jeden Samstag, macht es nicht so viel Sinn zu rotieren. Von daher sind diese Mannschaften im Vorteil, weil sie mit größeren Belastungen zurechtkommen.

Nach den jüngsten Resultaten standen auch einzelne Spieler in der Kritik, allen voran das Duo Schweinsteiger/Alonso. Sind die beiden kompatibel?

Hitzfeld: Zwei Weltklasse-Spieler passen immer zusammen. Danach kommt es immer auf die Auslegung und das taktische Konzept des Trainers an: Wer hat welche Aufgaben, wer geht wie Schweinsteiger mehr in die Offensive, wer bewegt sich – in diesem Fall Alonso – mehr auf der Sechs, um von hinten aus das Spiel zu machen, darauf kommt es an. Meiner Ansicht nach passt das aber.

Schweinsteiger wird auch nicht jünger. Wie viele Jahre trauen Sie ihm noch auf allerhöchstem Niveau zu?

Hitzfeld: Schweinsteiger ist ein hochintelligenter, technisch versierter Spieler. Da kann er noch bis ins hohe Fußballeralter spielen. Jetzt ist er ja gerade im besten Alter, um Leistung zu bringen. Seine Präsenz auf dem Platz, seine Leaderfunktion, seine Ausstrahlung, seine Winnermentalität, damit war er ja auch ein tragender Spieler beim WM-Endspiel vor einem halben Jahr. Er war ja der Kopf der deutschen Mannschaft.

"Das 0:4 war ein Schock!"

Auch Robert Lewandowski tut sich im Sturm schwer. Laut einer Statistik war Mario Mandzukic in seinem ersten Jahr bei Bayern doppelt so gut. Braucht Lewy mehr Eingewöhnungszeit?

Hitzfeld: Seine Leistungen sind sicher steigerungsfähig, aber er hat ja auch in Dortmund längere Zeit gebraucht, um sich zu integrieren. Aber selbst wenn er im Moment nicht die Tore macht, beteiligt er sich viel mehr am Spiel als Mandzukic. Von daher erfüllt er ja auch andere wichtige Aufgaben im Team.

Also ist er doch wertvoller als Mandzukic?

Hitzfeld: Ja, ganz einfach weil er mehr mitspielt und so mehr der Philosophie von Guardiola entspricht.

Ob Dante seiner Philosophie entspricht, steht momentan ebenfalls zur Debatte. Nach Wolfsburg wurde er scharf kritisiert, gegen Schalke saß er auf der Bank. Nachvollziehbar?

Hitzfeld: Es ist nicht angenehm, wenn ein derartiger Konkurrenzkampf herrscht und man als Leistungsträger plötzlich auf der Bank sitzt. Auch der Spieler muss erst verinnerlichen, wenn er nicht spielt. Das sind Situationen, die Stammspieler wie Dante nicht gewöhnt sind.

Ein Schicksal, das bei der Vielzahl an Topstars auch anderen Akteuren droht. Ist jetzt neben dem Trainer vor allem der Moderator Guardiola gefragt?

Hitzfeld: Wenn alle fit sind, dann ist es für den Trainer beim FC Bayern eine riesige Herausforderung, die richtigen Elf aufzustellen. Es wird auch unzufriedene Spieler geben. Aber durch die englischen Wochen werden die Spieler auch genügend Spielpraxis bekommen. Alles in allem ist es ein Luxusproblem: lieber zu viel Konkurrenz als zu wenig. Und lieber auch unzufriedene Spieler und dafür Qualität in der Mannschaft. Man hat hohe Ansprüche, das ist einfach so. Wenn man Mitfavorit auf den Gewinn der Champions League und die deutsche Meisterschaft ist, dann braucht man eben diese Qualität in der Breite.

Jupp Heynckes und Sie waren für die Rotation bekannt, auch in den wichtigen Wochen der Saison. Schätzen Sie auch Guardiola so ein, oder hat er schon seine Topelf im Kopf?

Hitzfeld: Jeder Trainer hat ja irgendwo eine Stammelf im Kopf – mit ein, zwei Ausnahmen. Das merkt man daran, wer im Halbfinale spielt. Dann muss der Trainer seine Karten auf den Tisch legen.

Gibt es Spieler, die derzeit unersetzlich sind? Arjen Robben zum Beispiel?

Hitzfeld: Einige Spieler, und zwar die mit den meisten Einsätzen. Das kommt ja nicht von ungefähr. Philipp Lahm, Schweinsteiger, Ribéry und Robben, Neuer – in Hochform sind sie schwer zu ersetzen.

Vor allem bei einem möglichen Wiedersehen mit Real Madrid. Der Stachel aus dem Vorjahr dürfte tief sitzen.

Hitzfeld: Selbstverständlich. Normalerweise war Real in der Vergangenheit immer ein guter Gegner für Bayern, man hat ja eine positive Bilanz. Daher bin ich überzeugt, dass Bayern beim nächsten Aufeinandertreffen eine andere Figur abgeben wird.

Zumal sich Real derzeit in der Liga auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, zuletzt gab’s ein 0:4 gegen Atlético.

Hitzfeld: Das war natürlich ein Schock. So ein Ergebnis hinterlässt schon Spuren, aber vielleicht kam auch diese Niederlage zum rechten Zeitpunkt. Man spielt das ganze Jahr durch, da kann man nicht immer in Hochform sein. Daher muss man sich nicht allzu große Sorgen um Real machen.

Und um Guardiola? Schließlich hat er klargemacht, dass er noch nicht verlängern will.

Hitzfeld: Ich betrachte das Ganze mit einem Schmunzeln. Intern hat man ja meistens schon irgendwelche Lösungen, bevor es an die Öffentlichkeit dringt. Dass spekuliert wird, ist völlig normal, aber ich gehe davon aus, dass Guardiola rundum zufrieden ist bei Bayern und große Ziele hat.

Ist sein Perfektionismus so erschöpfend, dass er nach drei Jahren eine Pause braucht?

Hitzfeld: Das weiß ich nicht, aber drei Jahre sind ja nicht so lang. Ich war sechs Jahre bei Bayern, da war ich dann schon ausgebrannt. Das war die doppelte Zeit, also hat Guardiola Luft nach oben.

Die hatte auch Ihr ehemaliger Schützling Xherdan Shaqiri. War es richtig, Bayern den Rücken zu kehren und zu Inter Mailand zu wechseln?

Hitzfeld: Es war gut, eine neue Herausforderung zu suchen, wo er Stammspieler sein kann. Er ist noch jung. Wenn man da immer nur auf der Bank sitzt, verliert man an Qualität. Sportlich hat er sich natürlich nicht verbessert mit Inter, aber der Klub steht zurzeit unter den Erwartungen, also kann er viel erreichen.

Shaqiri weg, Reus bleibt in Dortmund – wer soll denn nun auf Ribéry und Robben auf der Außenbahn folgen?

Hitzfeld: Ich glaube, dass die beiden noch ein paar Jahre spielen können. Von daher werden die Bayern da noch keine Kopfschmerzen haben, zumal Götze ja auch auf beiden Seiten spielen kann. Oder Müller. Es sind also genügend Alternativen da. Interview:

J. Carlos Menzel Lopez

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