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"Das war absolut gespenstisch"

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Den Adler auf der Brust: Uli Hoeneß, 20, Mittelfeldspieler der deutschen Amateur-Nationalmannschaft, bei Olympia in München. © Imago

München - Uli Hoeneß war 1972 prominentester Spieler der deutschen Fußballmannschaft bei den Olympischen Spielen in München. Der heutige Bayern-Manager erinnert sich im Interview an die schönen und die schrecklichen Dinge.

1972 war ein großes deutsches Fußballjahr. Im EM-Viertelfinale der historische Sieg im Londoner Wembleystadion, beim Finalturnier in Belgien der imponierende Gewinn der Europameisterschaft. Doch bei Olympia spielten die Deutschen trotz des Heimrechts keine Rolle. Was war da los? Uli Hoeneß, heute Präsident des FC Bayern, vor 40 Jahren prominentester Spieler des Olympia-Teams, erklärt es.

Herr Hoeneß, ab wann wussten Sie denn, dass Sie in der deutschen Olympia-Mannschaft stehen würden?

Uli Hoeneß: Das wusste ich schon zwei Jahre vorher. Und Olympia, das war für mich ein großes Ziel.

Dafür mussten Sie ein Opfer bringen und Amateur bleiben. Einen Profivertrag zu unterschreiben, ging also nicht. Franz Beckenbauer hat mal erzählt, Sie seien beim FC Bayern als Gärtner angestellt gewesen.

Hoeneß: Das war ich nicht. Ich war ganz normaler Angestellter und habe 1200 D-Mark im Monat bekommen, dazu 20 000 Mark Handgeld pro Saison. Einen Profivertrag habe ich erst nach den Olympischen Spielen unterschrieben. Der war dann auch angemessen dotiert.

Hat sich das mit Olympia als dem großen Ziel dann relativiert, als Sie 1972 Deutscher Meister mit Bayern, Nationalspieler und gefeierter Europameister wurden?

Hoeneß: Ja klar, es hat sich schon etwas verschoben. Als ich mich für die Olympia-Auswahl entschieden hatte, stand ich kurz vor dem Abitur. Dass sich alles so entwickeln würde, war nicht abzusehen. Die Spiele waren trotzdem ein großes Erlebnis für mich, vor allem die Tage im Olympischen Dorf. Zumindest der erste Teil, bis zum Überfall auf die israelische Mannschaft. Danach war die Stimmung weg.

Wie war das eigentlich für Sie im Dorf? Man kann sich vorstellen: Als aktueller Fußballstar wurden Sie umschwärmt, um Autogramme gebeten.

Hoeneß: Fußball spielte bei den Olympischen Spielen keine große Rolle, es gab ja alle diese Super-Leichtathleten, die Zehnkämpfer, sie waren die Stars. Und natürlich Schwimmer Mark Spitz mit seinen sieben Goldmedaillen.

Für wen hat sich der 20-jährige Uli Hoeneß begeistert?

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Uli Hoeneß im Jahr 2012. © getty

Hoeneß: Für die Zehnkämpfer. Aber ich war und bin ein großer Freund des gesamten Olympischen Sports, doch leider muss ich sagen: Er hat an Stellenwert verloren. Man hat sich früher auch für Schießen und Schwimmen interessiert, doch heute kann man sich das nicht mehr zehn Stunden am Stück anschauen. Der Fußball mit seinen vielen Super-Events hat das alles überlagert. Schade. Ich habe großen Respekt vor allen Athleten in den olympischen Sportarten, auch in den kleinen, weil ich weiß, wie schwer es ist, an die Spitze zu kommen – egal wie.

Warum lief für die deutsche Mannschaft das Fußballturnier 1972 nicht?

Hoeneß: Der Druck war groß, aber wir waren keine A-, sondern eine reine Amateur-Nationalmannschaft. Dagegen konnten die Staaten aus dem Ostblock mit ihren besten Spielern antreten. Und man muss sich vor Augen halten: Da spielte noch die ganze UdSSR, das ganze Jugoslawien – das war ein riesiges Potenzial.

Die exotisch besetzte deutsche Mannschaft konnte aber mit einer Entdeckung aufwarten: Erfolgreichster Torschütze war der in der Schweizer Liga spielende Stürmer Ottmar Hitzfeld.

Hoeneß: Das war das Gute, dass ich ihn kennengelernt habe (Hitzfeld wurde später der erfolgreichste Trainer des FC Bayern, d. Red.). Wir waren 1972 eine gut funktionierende Mannschaft, das Leben im Dorf hat uns zusammengeschweißt.

Die Vorrunde brachte drei klare Siege, die Finalrunde begann mit einem Unentschieden gegen Mexiko. Der Bruch war dann: Am 5. September um 16 Uhr sollte das Spiel gegen Ungarn stattfinden, um 15.38 Uhr wurden die Spiele wegen des Attentats unterbrochen. Saßen Sie und die Mannschaft da schon umgezogen in der Kabine des Olympiastadions?

Hoeneß: Soweit ich mich erinnere, waren wir noch nicht im Stadion und wussten schon vorher Bescheid, dass nicht gespielt würde.

Vom Attentat haben Sie wohl ziemlich viel mitbekommen.

Hoeneß: Der ARD-Journalist Winfried Scharlau hatte sein Büro direkt über dem Hubschrauber-Landeplatz, von dem aus nach Fürstenfeldbruck abgeflogen wurde. Er hat mich gefragt, ob ich mir dieses Spektakel anschauen wolle. Ich habe dann gesehen, wie der Bus vorfuhr und die vermummten Geiselnehmer und die Geiseln in die Helikopter gestiegen sind. Das war absolut gespenstisch.

Dachten Sie, dass die Spiele weitergehen würden?

Hoeneß: Ich hätte Verständnis für jede Entscheidung aufgebracht. Aber ich fand es dann doch gut, als IOC-Präsident Avery Brundage den Satz sagte: „The games must go on.“ Das werde ich nie vergessen.

Mit einem Tag und vier Stunden Verspätung ist die deutsche Mannschaft im Fußballturnier dann gegen Ungarn angetreten und hat 1:4 verloren. War die Luft raus?

Hoeneß: Das Publikum hat uns super unterstützt, das Stadion war wie immer voll. Doch uns hat einfach die Qualität gefehlt, und natürlich war die Stimmung dahin. Als Deutsche waren wir besonders betroffen: Es war in unserem Land passiert, in unserer Stadt. Man hat uns dann auch angeboten, dass wir zu unseren Familien gehen und mal zuhause schlafen – ich habe das dann auch in Anspruch genommen. Doch gegen die DDR, das nächste Spiel, haben wir auch verloren. Die waren einfach besser besetzt.

Fußball hat sich als Bestandteil des Olympia-Turniers nie richtig durchgesetzt. Passen Fußball und Olympia nicht zusammen?

Hoeneß: Es gibt ja immer wieder Bestrebungen, dass da die A-Nationalmannschaften antreten sollen. Das ist aus meiner Sicht total zu unterbinden. Dass da U 23-Teams spielen, das finde ich in Ordnung, ich würde es sogar auf U 21 limitieren. Das wäre okay. Für junge Spieler ist Olympia eine schöne Plattform.

Das Interview führte Günter Klein

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