Er trainierte auch die Portugiesen

Interview: Trapattoni warnt Bayern vor dem Mythos Benfica

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Giovanni Trapattoni trainierte den FC Bayern München und Benfica Lissabon.

München - Giovanni Trapattoni trainierte den FCB und die Portugiesen. Im tz-Interview warnt er den FC Bayern München vor dem Mythos Benfica Lissabon.

Flasche leer? Aber nicht doch! Das, was den FC Bayern heute Abend (20.45 Uhr, ZDF und Sky) bei Benfica Lissabon erwartet, ist ein Kanister voll mit Leidenschaft und Emotion. Frag nach bei Giovanni Trapattoni! Die Trainerlegende der Münchner war in der Saison 04/05 Coach der Portugiesen und weiß nur zu gut, dass die Adler gerade nach dem 0:1 aus dem Hinspiel auf den Einzug ins Halbfinale brennen. Auf was sich Philipp Lahm & Co. gefasst machen können, was Benfica so speziell macht und wem er den Sieg gönnt, verrät Trap im tz-Interview.

Signore Trapattoni, wie geht es Ihnen?

Giovanni Trapattoni: Molto bene, vielen Dank.

Könnte eine enge Kiste werden für die Bayern am Mittwochabend...

Trapattoni: Sie sagen es. Solche Auswärtsfahrten in der Königsklasse sind nie einfach, vor allem bei einem Klub wie Benfica. Ich war ein Jahr lang Trainer dort und kenne den Klub sehr gut. In diesem Jahr spielen sie eine tolle Saison, haben überragende Spieler in ihren Reihen. Auf der anderen Seite kenne ich auch die Bayern und ihre Mentalität. Es wird auf jeden Fall ein umkämpftes Spiel. Wenn sie mich fragen: Die Chancen liegen zu 51 Prozent bei den Bayern und zu 49 bei Benfica.

In der Saison 04/05 haben Sie die Adler trainiert. Welche Atmosphäre erwartet die Münchner heute im Estádio da Luz?

Trapattoni: Leidenschaft pur. In Benficas Stadion kocht die Emotion. Die Fans, die Atmosphäre, das ganze Drumherum ist schon außergewöhnlich und macht es den Gegnern nicht leicht. Internationale Top­spieler, wie sie auch der FC Bayern in seinen Reihen hat, lassen sich in der Regel davon nicht einschüchtern. Sie sind es gewohnt, sie haben ja schon überall auf der Welt gespielt. Lissabon ist vielleicht nochmal ein anderes Pflaster, aber ich bleibe dabei: Bayern bleibt mein Favorit, wenn auch nur zu einem Prozent.

Erzählen Sie uns vom Mythos Benfica, was macht diesen Klub so einzigartig?

Trapattoni: Das Gleiche, was Vereine wie Real Madrid oder Manchester United einzigartig macht: seine Geschichte. Benfica war einer der ersten Klubs, die diesen Pokal gewonnen haben, weshalb in den folgenden Jahren immer wieder große Spieler ihren Weg zu diesem Klub gefunden haben. Was diesen Verein aber wirklich zu dem macht, was er ist, sind seine Fans. Und der Adler. Kennen Sie die Tradition?

Sie meinen den Adler Vitória, der vor jedem Spiel seine Runden im Estádio da Luz dreht?

Trapattoni: Ganz genau! Vor jeder Partie fliegt und fliegt er über die Ränge des Stadions hinweg – ein fantastisches Bild, das es so auch nur bei Benfica gibt. Und es zeigt die Leidenschaft, die diesen Klub durchströmt wie nur wenige andere. Auch die Spieler des FC Bayern wird das beeindrucken und nicht kalt lassen, aber spätestens mit dem Anpfiff werden sie keinen Adler mehr, sondern allein das Leder vor Augen haben. So professionell und erfahren sind die Münchner schon. Fußball bleibt aber eben Fußball, in neunzig Minuten kann alles passieren. Mit den Persönlichkeiten, die Bayern in seinen Reihen hat, sollte es aber für das Halbfinale reichen.

Trapattoni: Darum bleibt Benfica Lissabon für den FC Bayern München gefährlich

Zumal Benficas Topstürmer Jonas ausfällt und Gaitáns Einsatz ebenfalls gefährdet ist.

Trapattoni: Das stimmt, aber auf der anderen Seite wäre es das Gleiche, wenn bei Bayern Robert Lewandowski oder Franck Ribéry ausfallen würden. Beide sind enorm wichtige Spieler für den FCB, Bayern bliebe auch ohne sie Bayern. So ist es auch bei Benfica. Derartige Ausfälle tun weh, letzten Endes bleibt Benfica aber die brandgefährliche, emotionsgeladene Traditionsmannschaft und wird daher nicht minder schwer zu schlagen sein. Sie werden in einer Tour von links nach rechts und von dort wieder zurück laufen, mit Jonas oder – wie am Dienstag – ohne ihn, mit Gaitán oder ohne ihn. Darauf müssen sich die Bayern einstellen und nicht aufgrund der Ausfälle überheblich in die Partie gehen. Fatal wäre das, vor allem in Lissabon.

Hinzu kommt, dass die Bayern aktuell nicht in bestechender Form sind.

Trapattoni: Recht haben Sie, das liegt aber nicht daran, dass sie die Zügel schleifen lassen, sondern an den Unmengen von Spielen, die Klubs wie der FC Bayern in den Monaten April und März zu spielen haben. Die Belastung ist schlichtweg zu hoch, um konstant auf demselben Niveau weiter zu agieren wie in der Hinrunde. Pokal, Bundesliga, Champions League – das ist eine Menge Stoff, die bei dem ein oder anderen auch zu Müdigkeit oder Verletzungen führen kann. Es ist die spannendste Phase der Saison, ohne Zweifel, für die Spieler aber auch die mit Abstand anstrengendste.

Und wem trauen Sie den Titel zu? Bayern? Barcelona und Real schwächeln ja aktuell.

Trapattoni: Das kann man nicht so sagen, womöglich dreht Real jetzt auf und erreicht innerhalb von zwei Wochen Top-Niveau. PSG, Real, Barcelona und Bayern sind die Favoriten. Wobei ich nichts dagegenhätte, wenn sich die Spanier im Halbfinale gegenseitig wegkicken würden und im Endspiel dann auf die Bayern treffen. Mit den Roten als Sieger. Das würde mich freuen. Sehr sogar.

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