Das tz-Interview mit dem Spanier

Martínez: "Mamas Kur war besser als jede Physio!"

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Martínez beim Interview mit tz-Reporter Carlos Menzel-Lopez (o.) Fotos: Sampics (2), AFP

München - Nach dem Totalschaden im Knie steht Javi Martínez  nach langen Monaten der Reha vor seinem Comeback. Die tz traf ihn beim FC Bayern.

13. August 2014, Supercup gegen Dortmund – Javi Martínez setzt im BVB-Strafraum zu einem Scherenschlag an und prallt in der Luft mit dem linken Knie gegen den Ellbogen von Marcel Schmelzer. Die Kurz-Diagnose: Totalschaden im Knie. Jetzt steht der 26-jährige Spanier nach langen Monaten der Reha vor seinem Comeback. Die tz traf ihn beim FC Bayern.

Señor Martínez, Hand aufs Herz: Zählen Sie schon die Tage bis zu Ihrem Comeback?

Javi Martínez: Ehrlich gesagt nicht, wir haben uns kein Datum als Ziel gesetzt. Ich hoffe natürlich, dass es so schnell wie möglich geht, aber noch habe ich etwas Arbeit vor mir.

Aber Sie befinden sich bereits im Endspurt?

Martínez (mit Sokratis) verletzte sich im August 2014 beim Supercup gegen den BVB.

Javi Martínez: Es geht um Tage, vielleicht Wochen. Hoffentlich sind es so wenige wie möglich, aber ich habe schon damals nach der OP gesagt, dass ich nichts überstürzen werde. Das Knie muss zu hundert Prozent bereit sein, ansonsten ist die Gefahr eines Rückfalls zu groß.

Wie fühlt es sich denn an, wenn Sie das Knie belasten?

Javi Martínez: Sehr gut! Bei dem Ausmaß meiner Verletzung ist es ein unheimlicher Fortschritt, dass ich bereits jetzt mit dem Ball arbeiten kann. Bei der einen oder anderen Bewegung zwickt es noch ein wenig, aber das geht weg mit der Zeit.

Also nichts Ungewöhnliches?

Javi Martínez: Ganz und gar nicht, das bestätigen mir auch die Physios jedes Mal, wenn ich sie danach frage. Sie meinen dann, dass die Verletzung einfach sehr schwer war und das seine Zeit braucht.

Zu Beginn war von einer einjährigen Pause die Rede.

Javi Martínez: Genau, in den USA haben mir die Ärzte gesagt, dass ich mir erst für kommende Saison Hoffnungen machen sollte. Die Verletzung sei sehr schwer. Deswegen bin ich jetzt so happy, dass es so gut läuft.

Es war ja alles kaputt im Knie!

Javi Martínez: So ziemlich. Außenband und Kreuzband durch, Meniskus verschoben, dazu hatte es auch noch eine Sehne und einen Muskel erwischt. Es war sehr hart und schwer für mich, aber mit viel Arbeit und der Hilfe eines tollen Teams schafft man alles.

Haben Sie noch die Szene aus dem Supercup vor Augen, als das Ganze passierte?

Javi Martínez: Klar. Und ich frage mich ständig: Was wäre, wenn du vielleicht stehen geblieben wärst? Oder was wäre, wenn ich anders zum Ball wäre? Aber das bringt alles nichts. Wenn es dich treffen muss, dann trifft es dich auch – dieses Risiko haben wir Fußballer. Wäre ich ein Metzger wie meine Mutter, hätte ich jetzt vielleicht keinen Kreuzbandriss, aber dafür zwei Finger weniger. Berufsrisiko.

Wussten Sie von Beginn an, dass es so schlimm war?

Javi Martínez: Ich hatte überhaupt keine Ahnung, davor hatte ich ja nie eine schwere Verletzung. Als der Doc mein Bein nach links und rechts bewegt hat, konnte ich an seinem Gesicht ablesen, dass es nichts Gutes sein konnte. In der Kabine haben sie mir dann gesagt, was ihr Verdacht war – und der hat sich danach leider bestätigt.

Was geht in diesem Moment in einem vor?

Javi Martínez: Ich habe es ganz gut verkraftet, auch weil ich viele Leute um mich herum hatte, die mir Kraft gegeben haben. Das Schlimmste ist nicht der Anfang, sondern wenn du nach drei Monaten den Eindruck hast, dass du keine Fortschritte machst. Aber ich schätze mich glücklich, so einen Stab um mich herum gehabt zu haben, der mir so viel Kraft gegeben hat.

Gab es auch Momente der Resignation?

Javi Martínez: Durchaus. Ich habe aber akzeptiert, dass ich da jetzt durch muss. Ich habe unglaubliche Momente in meiner Karriere erlebt. Heute weiß ich, dass man auch durch tiefe Täler gehen muss, um diese Momente zu schätzen.

Der schlimmste Moment?

Javi Martínez: Bei dem Eingriff war ich vier Stunden lang im OP und war danach zwei Tage benebelt, das war sehr hart. Auch später, als ich dann auf Krücken laufen musste, habe ich mich teilweise wie ein Nichtsnutz gefühlt. Aber ich war stark im Kopf und habe mich nicht unterkriegen lassen. Meine Freunde haben auch großen Anteil daran.

War es die schwerste Prüfung Ihres Lebens?

Javi Martínez: Ja. Aber ich war schon immer jemand, der, wenn er sich ein Ziel steckt, alles dafür gibt. Das habe ich getan.

Jemand, der Ihnen besonders geholfen hat?

Javi Martínez: Meine Familie und meine Freunde. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Meine Eltern waren in Dortmund, als ich mich verletzte, das war auch für sie nicht so einfach. Darauf sind mein Bruder und meine Mutter mit nach Colorado zur OP geflogen, und soll ich Ihnen mal etwas sagen?

Bitte!

Javi Martínez: Die kulinarische Kur, die ich daheim von meiner Mutter bekommen habe, war eh besser als jede Physio.

Und wie sah die tägliche Reha in München aus?

Martínez (l.) beim Interview mit tz-Reporter Carlos Menzel-Lopez.

Javi Martínez: Erst mal musste ich mein Bein anderthalb Monate lang in eine Maschine legen, die es immer wieder gebeugt und gestreckt hat. Vier Stunden täglich, für die Beweglichkeit. Die Playstation wäre fast in die Luft gegangen, so viel haben wir am Tag gespielt. Recht viel mehr als das und die Narbe zu reinigen, war anfangs nicht drin. Ich habe mittlerweile so viel Zeit mit den ganzen Physios verbracht, dass die meisten schon einen Spitznamen haben. Gerry Hoffmann zum Beispiel nenne ich Playmobil, wegen seiner Frisur. (lacht)

Der schlimmste Moment?

Javi Martínez: Als mein Knie aus dem Nichts anschwoll. Ich habe natürlich das Schlimmste befürchtet, zumal der Doc auch nicht so recht wusste, was da passiert war. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sich Blut aus kleinen Fasern im Knie angesammelt hatte. Das wurde dann entfernt, worauf ich mein Knie zum ersten Mal wieder ganz ausstrecken konnte. Die Angst vor einem Rückfall schlug in pure Freude um.

Was haben Sie gelernt?

Javi Martínez: Auf die Ärzte zu hören. Früher habe ich bei Verletzungen ja eher mal auf mich selbst gehört.

Themawechsel: Es wurde spekuliert, Barça wäre an Ihnen interessiert.

Javi Martínez: Da ist nichts dran! Mittlerweile bin ich zehn Jahre im Geschäft und habe Spekulationen dieser Art schon ca. 200 000 Mal erlebt. Ich lese das alles nicht mehr, oft wurden sogar Sachen berichtet, von denen ich nicht mal etwas wusste. Ich weiß von nichts, nur, dass ich mich hier in München beim FC Bayern sehr wohlfühle. Mein einziges Ziel ist es, wieder fit zu werden, und nur daran denke ich.

Interview: J. Carlos Menzel Lopez

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