Abwehr-Stabilisator des FC Bayern

Jerome Boateng: Das hat er Vidal voraus

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Jerome Boateng (rechts) und Arturo Vidal beim Audi Cup 2015.

München - Jerome Boateng führt seinen Job als Abwehr-Stabilisator des FC Bayern eindrucksvoll aus – und hat Neuzugang Arturo Vidal etwas voraus.

Diese Grätsche von Nöttingen hat Eindruck gemacht. Einfach mal einen umnieten, an der Außenlinie, beim Stand von 1:0 nach sechs Minuten: Arturo Vidal wollte in seinem ersten Pflichtspiel früh ein Zeichen setzen. Es gab Zeiten, in denen Jerome Boateng das auf ähnliche Art und Weise getan hätte. Voller Adrenalin. Ohne nachzudenken. Mit viel Wucht.

Als der 26-Jährige gestern auf die Szene des Pokalspiels in Nöttingen angesprochen wurde, musste er grinsen. „In manchen Situationen muss er einfach noch ruhiger und cleverer sein“, sagte er über seinen neuen Mitspieler Vidal. Er blickte in die Luft, als spule er im Kopf noch mal ein Best Of seiner eigenen Grätschen ab – und führte fort: „Ich habe das auch schon mal gemacht.“ In einer Zeit, in der der oft unbeholfen wirkende Bursche auf dem Feld kaum Ähnlichkeit hatte mit dem Jerome Boateng, der heute der wichtigste Mann in der Abwehr des FC Bayern ist. Inzwischen weiß er sich anders zu helfen.

Es gab sie mehrfach, die Momente, in denen einer seiner Trainer Boateng gesagt hat, er habe es gar nicht nötig, zu grätschen. Joachim Löw etwa hat ihm schon zu früh zu verstehen gegeben, dass sein Körper, sein taktisches Verständnis und sein Stellungsspiel in vielen Situationen andere Möglichkeiten böten als ein Foulspiel. Es hat ein wenig gedauert, ehe Boateng dem DFB-Coach glaubte. Spätestens aber, seitdem er unter Jupp Heynckes bei den Bayern trainierte, ist auch er von sich selbst überzeugt. Fehler in Boatengs Spiel gibt es seitdem kaum mehr.

„Ich glaube nicht, dass ich in den letzten Jahren schwächer geworden bin“, sagte er vor dem Start seiner fünften Saison im Bayern-Trikot. Für ihn gleicht diese Aussage einem Gefühlsausbruch. Als Abwehrchef will Boateng nach wie vor nicht gesehen werden – auch wenn er zweifellos als solcher angesehen ist. Egal ob Pep Guardiola mit Dreier- oder Viererkette spielen lässt: Boateng ist der Fixpunkt. Mal hilft ihm Medhi Benatia in der Innenverteidigung, mal ist er tatsächlich auf sich alleine gestellt, wenn die Außenspieler weit nach vorne aufrücken. „Wenn man das nicht gut macht, sieht man schnell schlecht aus“, sagt Boateng. Dann hilft ihm in den meisten Fällen aber immerhin noch seine Schnelligkeit.

Lahm: Das sagt der Kapitän des FC Bayern zu Boateng 

„Er ist einfach eine gestandene Größe, ein Führungsspieler “, sagt Kapitän Philipp Lahm über den Berliner, der sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei den Bayern an seiner Seite gereift ist. Lahm und Boateng sind nicht nur auf den ersten Blick zwei komplett verschiedene Typen. Der gegenseitige Respekt aber scheint durch, wenn man die beiden beobachtet.

Boateng versteckt seine Liebe zu Tattoos genauso wenig wie die zu modebewusster Kleidung. Früher wurde er dafür belächelt, mehrere hundert Paar Schuhe im Schrank stehen zu haben. Inzwischen aber ist sein Auftreten stimmig. Dass er im Sommer in New York war, um bei der von US-Rapper Jay-Z geführten Firma „Rocnation“ einen Vertrag zu unterzeichnen, nimmt ihm keiner übel. Boateng nutzt seine Stellung, um die glamouröse Seite des Fußball-Business auszuleben. Er vernachlässigt dabei aber nicht den Kern des Geschäfts.

„Ich pflege mich, ich achte auf meinen Körper, ich esse bewusst“, erzählt er. Seinen Körper kennt er inzwischen so gut, dass er ihm Pausen gönnt, sobald erste Ermüdungserscheinungen auftreten. In der Nach-WM-Saison war er einer der wenigen, die gesund durchkamen. Und auch vor dem Start der neuen Saison wirkt er extrem austrainiert.

Lahm sieht Boateng als einen aus der Garde um Thomas Müller, Manuel Neuer und David Alaba, die dann, wenn die älteren Spieler nach und nach das Team verlassen, die Führung übernehmen. Dass Boateng nach dem Abgang von Bastian Schweinsteiger nicht jetzt schon in den Kreis des Kapitäne aufgenommen wurde (sondern Müller), stört ihn selbst nicht. „Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich es – egal, ob ich die Binde trage oder nicht“, sagte er gestern. Ohnehin aber gebe er „nicht zu allem meinen Senf dazu. Ich melde mich zu Wort, wenn ich meine, dass es hilft.“

Boateng hat schon einen langen Weg hinter sich, und trotzdem will er die kommenden Saison nutzen, „um noch besser zu werden. Ich erwarte von mir, dass ich meine Leistung bringe und der Mannschaft Stabilität verleihe“. Mit so wenigen Grätschen wie möglich. Im Sinne eines Chefs. Auch wenn dieses Wort nach wie vor auf dem Index steht.

Von Hanna Schmalenbach

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