Im Interview

Boateng: "Wir müssen lernen, eiskalt zu sein"

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"In Anbetracht der Bedingungen war es eine gute Saison."

München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Jerome Boateng über fehlende Killerinstinkte, Bayerns Umbruch – und einen Pep Guardiola, der "Herz und Flamme" ist.

Herr Boateng, war es denn nun eine gute oder schlechte Bayern-Saison? Das Umfeld tut sich mit einer Einordnung schwer – die Mannschaft auch?

Im Anbetracht der Bedingungen war es eine gute. Wir wurden in der schwierigen Nach-WM-Saison früh Meister und standen in zwei Halbfinals. Es war aber auch auf jeden Fall mehr drin. In der Champions League sind wir an einem sehr starken FC Barcelona gescheitert und hatten dabei zu viele verletzte Schlüsselspieler. Das Pokal-Halbfinale gegen Dortmund haben wir verschenkt, das hätte nicht sein dürfen. Wir können aus dieser Saison viel lernen, gerade, was das Verhalten in K.o.-Spielen angeht, in Partien, wo ein Tor entscheidet.

Wie sehr nervt es, wenn ein Jahr beim FC Bayern ohne Triple im Umfeld bedeutet: „Hölle los“?

Wie oft hat der FC Bayern denn das Triple in 115 Jahren schon geschafft? Genau ein Mal. Man muss da realistisch sein: Es gibt auch noch andere starke, tolle Teams in Europa, und genauso in der Bundesliga. Aber wir müssen uns nirgendwo verstecken. Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass wir international jetzt schon seit so langer Zeit oben dabei sind. Es ist doch ein Privileg, dass wir in jedem Jahr überhaupt sagen können: Wir peilen das Triple an. Wer kann so etwas denn noch außer uns? Nicht viele. Und andere Teams gewinnen das Triple auch nicht einfach zwei Jahre hintereinander, im Gegenteil, man sieht ja Jahr für Jahr, das ist bisher keinem gelungen. Ab und zu muss ich schon lächeln: Es gibt jedes Jahr nur einen Klub, der die Champions League gewinnt. Da muss man doch realistisch sein, dass man sie nicht jedes Jahr gewinnen kann. Was aber nicht heißt, dass ich es nicht versuche. Real Madrid holt heuer gar keinen Titel.

"Uns fehlt etwas der Killerinstinkt"

Dennoch läuft natürlich auch intern eine große Fehleranalyse. Wo sagen Sie: Ja, wir haben hier oder hier etwas falsch gemacht?

Manchmal, wenn wir geführt haben, haben wir es schleifen lassen. Im Pokal gegen Dortmund zum Beispiel, da hätten wir längst 3:0 führen müssen. Du musst eiskalt sein in solchen Spielen. Das müssen wir noch lernen: Eiskalt sein. Madrid, Barcelona, wenn die eine Chance haben, ist es sofort ein Tor. Bei uns in der Regel auch, aber insgesamt fehlt uns noch etwas dieser Killerinstinkt, den du in diesen engen K.o.-Spielen brauchst.

Im November sagten Sie, die Chance auf eine Ära sei beim FC Bayern sehr groß: Tolle Mannschaft, toller Teamgeist, tolle Typen, man habe einen Top-Trainer und einen Stil. Wie viel von dieser Bestandsaufnahme ist ein halbes Jahr später noch gültig?

Alles. Man darf doch jetzt nicht alles schlechtreden. Wir haben in meinen Augen einen weiteren Fortschritt gemacht, haben in Pep Guardiolas zweitem Jahr besonders spielerisch seine Ideen noch besser umgesetzt. Klar können wir uns verbessern. Aber Barca und Real können sich auch immer verbessern.

Dennoch fordern Viele nun bereits den großen Umbruch beim FC Bayern.

Ein Umbruch darf aber nicht so schnell passieren, sondern Schritt für Schritt. Klar haben wir ein paar ältere Spieler, in deren Rollen müssen die jüngeren jetzt dann hineinwachsen. Beim FC Bayern hat sich immer bewährt, sich punktuell zu verstärken. Ich finde auch, dass der Verein in diesem Sommer etwas machen muss – aber man muss nicht alles über den Haufen werden. Wir brauchen Verstärkungen, die uns echt helfen.

Philipp Lahm sagt, diese Mannschaft hat die Champions League noch im Kreuz. Hat er Recht?

Pep Guardiola - Herz und Flamme

Natürlich. So, wie wir in diesem Jahr im Halbfinale gegen dieses starke Barcelona ausgeschieden sind, mit unseren ganzen Personalsorgen, kann man nicht sagen: Oh, so haben die künftig keine Chance!

Kann Pep Guardiola 2015/16 die Impulse geben, um nochmal die Champions League zu gewinnen?

Ja, absolut. Er ist immer noch Herz und Flamme, fußballverrückt im positiven Sinne. Wenn wir seine Ideen voll umsetzen, spielen wir einen tollen Fußball, der uns allen Spaß macht. Man muss auch den Trainer mal so sehen: Er hätte natürlich am liebsten alle personellen Optionen gehabt, mit jedem erneuten verletzten Spieler hat er doch selbst am meisten gelitten, gerade in der Phase der Saison, wo es auf Tempo und Taktik ankommt. Wir Spieler haben es auch gespürt, am Ende, man hat die WM in den Knochen, man will alles geben, aber ohne Rotation kommt irgendwann der Punkt, an dem einem ein Zentimeter fehlt – der ist dann entscheidend. Du bist selbst enttäuscht, dass du an die Grenzen kommst, wo du dir doch zuvor alles so mühsam erarbeitet hattest. So ist aber Fußball, auch wenn es für einen selbst schade ist.

"Für Erfolg braucht man auch Reibung"

Wäre es Ihr Wunsch, dass der Trainer bleibt – oder sogar verlängert?

Ich würde mich sehr freuen. Er hat uns nach dem Champions League-Sieg 2013 auf ein noch höheres Level gehoben, spielerisch wie taktisch. Guardiola bereichert jeden Klub, er ist zurecht der gefragteste Trainer der Welt. Ich schätze jeden Tag mit ihm.

Läuft er nicht Gefahr, sich abzunützen? Er fordert ja sehr viel ein.

Ich spüre noch keinen Abnützungseffekt. Ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall: man lernt sich näher kennen, weiß im Laufe der Zeit besser, was verlangt wird und was möglich ist. Bei anderen Vereinen arbeiten Trainer auch mal eine längere Zeit – warum also sollte Guardiola nicht hier auch länger bleiben können? Er bringt ja immer neue Ideen ein, da nützt sich nichts ab.

Mit wem man spricht, jeder sagt: Dieser Jerome Boateng hat sich in den letzten zwei Jahren enorm gewandelt. Wie sehen Sie sich nun in der Hierarchie?

Ich habe heute einen anderen Stellenwert, einen anderen Platz als früher, bei Bayern wie in der Nationalelf. Das habe ich aber nicht durch Reden, sondern durch Leistung erreicht. Große Klappe bedeutet keine Entwicklung.

Sie haben zuletzt als einer der wenigen Bayern offene Worte gefunden, als es holperte. Sie sagten etwa, das 1:2 in Freiburg sei „eines Meisters unwürdig“ gewesen – sehen Sie sich als einen, der den Finger in die Wunde legt?

Wenn es denn sein muss, mache ich das. Ich finde, es gehört auch dazu, nach Niederlagen ehrlich zu sein, und es ist wichtig, Fehler anzusprechen. Sonst hilft es der Mannschaft ja nicht weiter.

"Abwehrchef ist ein blöder Begriff"

Braucht es manchmal einen Wachrüttler, einen wie Stefan Effenberg oder Mark van Bommel früher?

Wir sind keine Maschinen, es kann nicht immer alles absolut perfekt laufen – aber es kann auch nicht immer alles Lachen, Friede, Freude, Eierkuchen sein. Gerade bei Top-Teams ist das so. Wenn es zu geschmiert läuft, wird es oft heikel. Man braucht mal Reibungspunkte für den Erfolg – nur darf man sie natürlich nicht nach Lust und Laune setzen. Wenn du bei jeder Kleinigkeit Alarm machst, wirst du ja unglaubwürdig.

Früher haben Sie sich gegen den Begriff „Abwehrchef“ gewehrt – wie sehen Sie ihn heute?

Ich finde noch immer, dass es ein blöder Begriff ist. Aber ich kann mich inzwischen damit identifizieren. Chef, das hört sich für mich nach einem an, der immer viel rumschreit – so bin ich aber gar nicht. Ich mache meinen Mund auf, Kommunikation ist wichtig, aber ich bleibe dabei ruhig. Ich koordiniere gerne, bin jetzt in diese Rolle hineingewachsen. Meine Trainer sehen mich in dieser Funktion, und ich scheue mich auch nicht, die Verantwortung zu tragen. Bei Bayern wie der Nationalelf.

Sie gelten als fixer Bestandteil der Bayern-Achse der Zukunft, mit Manuel Neuer, Lahm, Thomas Müller, Robert Lewandowski. Wie fühlt sich das an?

Sehr gut, und ich sehe mich auch so. Ich spiele eine zentrale Rolle, bin in einem guten Alter und fühle mich dem Verein sehr tief verbunden.

Ihr Vertrag läuft bis 2018 – wie gut klänge für Sie „für immer FC Bayern“?

Das ist immer schwer zu sagen, weil man im Fußball nie weiß, was passiert. Aber vorstellen kann ich mir ein Karriereende in München schon. Ich fühle mich wohl, meine Familie, meine Kinder fühlen sich wohl, es passt alles. Also, wehren würde ich mich nicht, mich müsste jetzt keiner mit der Pistole zwingen, beim FC Bayern zu bleiben (lacht).

"Kapitänsamt wäre eine Ehre"

In England waren Sie schon – wäre Spanien reizvoll? Barcelona, Real?

Natürlich sind das klangvolle Namen, da würde kein Spieler einen Wechsel kategorisch ausschließen. Aber der FC Bayern ist schon meine fußballerische Heimat geworden.

Wäre das Kapitänsamt hier mal ein Traum?

Ja, das wäre eine Ehre.

Inwieweit sind Sie denn inzwischen schon ein echter Münchner, haben Sie das vielzitierte „Mia san mia“ verinnerlicht?

Ich bleibe immer irgendwo ein Berliner, habe aber dieses „Mia san mia“ tatsächlich tief in mich aufgenommen. Das ist für mich nicht nur so ein Spruch, es gehört alles dazu: Das familiäre Klima, der Respekt, der Druck, immer alles gewinnen zu wollen. Hier knallt es auch mal, aber so muss es sein, wenn man nie verlieren will. Ich hasse Niederlagen – sogar im Training.

Als Sie nach München kamen, hatten Sie das Ziel, der beste Innenverteidiger der Welt zu werden. Haben Sie das Ziel erreicht?

Das müssen andere beurteilen. Ich finde einfach, man sollte sich immer große Ziele setzen. Als ich damals vom Hamburger SV zu Manchester City gewechselt bin, habe ich meinem Bruder George dieses Ziel verraten. Er sagte, ich muss dafür hart arbeiten, das Talent hätte ich, aber er traut es mir zu. Man muss auf lange Sicht konstant sein, das ist bei mir heute schon gut geworden. Früher hatte ich immer zwei, drei gute Spiele und dann wieder einen Aussetzer. Heute bin ich stabiler.

Nach dem WM-Coup gab es mal einen Empfang beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Auf den offiziellen Fotos sieht man Joachim Gauck mit dem Pokal, dann kommt Kanzlerin Angela Merkel – und dann gleich Sie. Zufall oder Ausdruck, dass Sie prägende Figur wurden?

(lacht) Ich wurde das jetzt schon öfter mal gefragt, aber da steckte tatsächlich keine tiefere Botschafter dahinter. Erst stand ich bei dem Foto ganz hinten, aber dann sagten ein paar Leute, ich sollte ein bisschen nach vorne kommen. Dass ich da bei Herrn Gauck und Frau Merkel gelandet bin, war purer Zufall.

Interview: Andreas Werner

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