Nachwuchsleistungszentrum des Rekordmeisters

Jetzt spricht Sammers Schattenmann

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Viele Pläne, wenig Zeit: Der FC Bayern hat bemerkt, dass die Jugendarbeit angeschoben werden muss. Das neue Leistungszentrum an der Ingolstädter Straße ist längst im Bau – Fortschritte sieht man Tag für Tag. Über die Wichtigkeit, Eigengewächse wieder an die erste Mannschaft heranzuführen, referierte Karsten Schumann am Institut für Fußballmanagement. Im Alltag tauscht sich der wissenschaftliche Mitarbeiter eng mit Matthias Sammer aus.

München - Dieser eine Satz von Karsten Schumann war im Scherz gemeint, das hat jeder der rund 100 Teilnehmer der „1. Expertentagung zur Talentförderung im bayerischen Fußball bemerkt“. Und trotzdem sprach er – wenn auch versteckt – für das Selbstverständnis des FC Bayern.

„Bilde die Talente mal gut aus, wir holen sie dann zu uns“, sagte Schumann am Donnerstag auf dem Podium des „Instituts für Fußballmanagement“ in Richtung von Ernst Tanner. Der Leiter der Nachwuchsabteilung von Red Bull Salzburg hatte gerade über die Vorzüge des in Österreich üblichen Akademien-Systems im Jugendbereich gesprochen, erzählt, wie gut die Talente im Nachbarland geschult und gefördert werden. Da achtete selbst Schumann auf jedes Detail. Denn es ist so und bleibt zunächst dabei: Im Jugendbereich geben andere den Takt an.

Die Probleme, die der deutsche Branchenführer in der Ausbildung der Jugend hat, sind hinreichend bekannt. Zuletzt 2004, vor zwölf Jahren, haben die Bayern die A-Jugendmeisterschaft gewonnen, das letzte Eigengewächs, das den Sprung zu den Profis geschafft hat, war David Alaba. Zwar verweist auch Schumann auf Spieler wie Alessandro Schöpf, Pierre-Emile Hojbjerg (beide Schalke 04), Emre Can (FC Liverpool) und Gianluca Gaudino (St. Gallen), die den Weg aus der Jugend des FC Bayern in die erste Liga geschafft haben – aber er gibt zu: „Auch der FC Bayern braucht deutsche Spieler.“ Wenn Typen wie Thomas Müller (wenn auch im Spaß) am Zuarbeiter von Sportvorstand Matthias Sammer vorbeigehen und sagen „Hier wird gar nicht mehr deutsch gesprochen“, stimme ihn das nachdenklich.

Es wird beim Rekordmeister viel dafür getan, die Jugendmannschaften mit Nachdruck konkurrenzfähig zu machen. Schumann stellt vor allem das Engagement von Uli Hoeneß heraus, der in seiner Zeit als Freigänger und auch noch jetzt „Dinge anschiebt, die ohne ihn länger gedauert hätten“. Auch der Bau des neuen Nachwuchsleistungszentrums an der Ingolstädter Straße ist ein Zeichen an die Konkurrenz: Schaut her! Wir rüsten auf! Abteilungsleiter Wolfgang Dremmler ist im Moment fast jeden Tag auf der Baustelle, stimmt im Team zig Details ab. „Die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren“, sagt er, „helfen da enorm“. Die guten, aber vor allem die schlechten.

Sammer integrierte Schumann 2012 in den Verein, um mit ihm im Hintergrund die Weichen zu stellen. Er hat in der DDR promoviert, beim DFB gearbeitet und wird in München offiziell als wissenschaftlicher Mitarbeiter geführt. Interviews gibt er keine, manche reden von ihm als „Sammers Schattenmann“. Schumann ist das egal. Er macht sein Ding, auf einer Position, die im Rest der Fußballwelt selten zu finden ist. Über genaue Tätigkeitsfelder weiß man noch weniger als bei seinem prominenten Gefährten.

Sammer spricht gerne davon, das „große Ganze“ zu koordinieren. Schumann sagt, er mache das Tag für Tag mit „einer Siegermentalität, wie er sie schon als Spieler gezeigt hat“. Er nennt Sammer als Vorbild für die Jugend im Verein, für die neben dieser Mentalität der Faktor Disziplin entscheidend sei. Bringen Jugendspieler die Voraussetzungen mit, bietet der FC Bayern drei Säulen: Organisation, Individualisierung und Trainer, die Schumann als „Schlüsselfiguren“ sieht. Zumindest in der Theorie würde bei perfekter Abstimmung der perfekte Profi ausgebildet werden können. Die Praxis sieht aber trotzdem meist anders aus.

Die Hinterfragung der zurückliegenden erfolglosen Jahre hat Schwachpunkte aufgedeckt. Die Konsequenzen: Schumann spricht davon, „das Scouting im bayerischen Raum zu intensivieren“ und „Partnervereine zu suchen“. Es sei der Anspruch des FC Bayern, „den Jungs den Weg in den Fußball zu ebnen“. Er verweist aber auch darauf, „dass Talente Zeit brauchen“. Zeit, die man beim FC Bayern – zumindestvon der Öffentlichkeit – oft nicht bekommt. Und für die, die so weit sind, ist der Sprung von den Amateuren aus der vierten Liga in die Bundesliga oft zu groß.

Der Traum der Verantwortlichen ist es, früh Mannschaften mit „FC Bayern-DNA zu formen“. Der Input, der dazu vom jeweiligen Trainer der Profis kommt, wird berücksichtigt, man müsse aber der eigenen Linie unabhängig vom verantwortlichen Chefcoach treu bleiben. Die ideale Jugendmannschaft spielt offensiv dominant und verteidigt kompakt als Mannschaft. Nur die Spieler dazu sind nicht immer vorhanden.

Den Plan, „aggressiver auf den Markt zu gehen“, bekräftigt Dremmler erneut. Die Verpflichtung von einem halben Dutzend Nachwuchsspielern vom FC Augsburg hatte zuletzt für Wirbel gesorgt. Dremmler spricht von einer „internationalen Anpassung“ und stellt klar: „Wir arbeiten für uns und für niemand anderen.“

Tanner blickt etwas komisch drein, als er die Worte des Bayern-Kollegen hört. Von dieser „Scouting-Veranstaltung“ im Jugendbereich hält der ehemalige 1860-Mann nichts, sagt er. Eine eindeutige Einschätzung – auch zu dem Scherz, den Schumann zu Beginn gebracht hatte.Wie weit der Bau des Jugendzentrums ist, lesen Sie hier.

Hanna Schmalenbach

Quelle: fussball-vorort.de

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