Jürgen Muth im großen Interview

Arena-Boss über den Umbau: „Größer als Wembley? Hört sich toll an“

In der Sommerpause erhält die Allianz Arena unter anderem neues Flutlicht und neue Videowände.
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In der Sommerpause erhält die Allianz Arena unter anderem neues Flutlicht und neue Videowände.

Die Allianz Arena wird in der Sommerpause für zehn Millionen Euro umgebaut – wie, wo und warum, erzählt Geschäftsführer Jürgen Muth im großen Interview.

München – Auf dem Schreibtisch von Jürgen Muth (52) ist ein großer Bauplan ausgebreitet. „Viel zu tun“, sagt der Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH beim Blick auf seine Unterlagen. Denn wenn der Ball ab der kommenden Woche nicht mehr rollt, wird es in der Allianz Arena ernst. Das zwölf Jahre alte Stadion wird an zahlreichen Stellen modernisiert. Zehn Millionen Euro sind für die umfangreichen Umbauten eingeplant – wie, wo und warum, erzählt Muth im Interview.

Herr Muth, der TSV 1860 muss womöglich in die Relegation. Wirft das die Baupläne für die Sommerpause durcheinander?

Jürgen Muth: Ein Relegationsspiel am 30. Mai hätte natürlich Einfluss auf die Umbauten, denn ursprünglich war der Beginn für den Umbau am 22. Mai geplant. Jetzt müssen wir womöglich die eine oder andere Maßnahme bis 30. Mai mit angezogener Handbremse machen. Optimal ist das aus baulicher Sicht natürlich nicht.

Gibt es einen Plan B – oder einen Plan A im Schnelldurchlauf?

Muth: Wir hatten schon einen Plan B – den müssen wir wahrscheinlich jetzt umsetzen. Wir werden aber keine Maßnahme deswegen stoppen. Wir haben jetzt eben die Aufgabe, in weniger Zeit dasselbe Volumen zu stemmen. Am Bau spricht man in diesem Fall von sogenannten Beschleunigungsmaßnahmen. Wir werden also verstärkt in den Zweischichtbetrieb gehen und auch an Samstagen arbeiten müssen.

Gibt es nun überhaupt noch einen zeitlichen Puffer, falls etwas schiefläuft?

Muth: Wenig. Aber das ist für uns Business as usual. Wir wissen, dass wir nur die Sommerpause haben, das ist jedes Jahr so. Dass nun – wie immer in Jahren mit ungerader Jahreszahl – auch noch der Audi Cup drei Wochen vor Saisonbeginn stattfinden wird, macht die Zeitspanne aber noch kleiner.

Arena-Geschäftsführer Jürgen Muth in seinem Büro.

Arena-Events: EM 2020, EM 2024 - und wieder ein CL-Finale?

Sommerpause gilt für Sie also nicht, oder?

Muth: Kein bisschen. Ich sage immer zu meiner Familie und meinen Freunden: Sommerpause ist für mich das Unwort des Jahres. Jedes Jahr (lacht).

Die stolze Summe von 10 Millionen Euro ist für den Umbau kalkuliert. Nickt der FC Bayern so etwas einfach mal ab?

Muth: Nein. Aber es ist natürlich schon so, dass der FC Bayern nicht nur sportlich, sondern auch mit seiner Allianz Arena „State of the Art“ sein und bleiben will. Und das geht nur mit einer Entwicklung in allen Bereichen. Wir setzen diese Entwicklung baulich um. Wir holen uns Informationen: Was ist die modernste Technik bei LED-Video und Flutlicht? Was machen wir beim Rasen? Wo besteht Verbesserungsbedarf? Vor diesem Hintergrund beschäftigen wir uns damit Jahr aus Jahr ein.

Wann wurden die diesjährigen Maßnahmen beschlossen?

Muth: Ich sage immer zum Spaß: Meine schönste Arbeitswoche ist die erste Januarwoche. Weil wir uns da in Ruhe Gedanken machen können, was wir eineinhalb Jahre später machen wollen. Das war dann also der Januar 2016. Später haben wir die Pläne unserem Gesellschafter FC Bayern vorgetragen, der sie letztlich abgesegnet und damit beschlossen hat.

Sind zehn Millionen Euro eine Summe, die man nun jedes Jahr in die Hand nehmen muss?

Muth: Mit der Summe sind wir privilegiert. Es gibt viele Kollegen in anderen Stadien, die nicht diese Möglichkeiten haben. Man muss aber bei uns sehen: Wir hatten 2012 das Champions League-Finale, wir spielen 2020 die EURO, ich bin kein Prophet, wenn ich sage, dass wir 2024 bei der EURO wieder dabei sein könnten. Und wir würden uns auch sehr über ein weiteres Champions League-Finale freuen. Wenn man also den Anspruch hat, in Europa eines der besten Stadien der Welt zu betreiben, muss man entsprechend investieren.

Dabei sagen sogar Sie als Chef der Allianz Arena, Sie sehen jeden Tag Verbesserungspotenzial.

Muth: Das stimmt. Alle hier laufen mit offenen Augen durch die Arena. Gerade beim Mittagessen kam ein Vorschlag, den ich super fand. Ich lebe fest in der Überzeugung, dass wir jeden Tag besser werden können.

200 Quadratmeter große Leinwände: „Wir spielen mit Wembley in einer Liga“

Nun werden die größten Videoleinwände Europas installiert, größer als in Wembley. Treiben Sie Rekorde und Superlative an?

Muth: Unser Ansporn ist es, die Erwartungen unserer Fans zu erfüllen. Und größere Videoleinwände sind eben heutzutage „State of the Art“. Wegen der Größe war das bei den Videowalls ein spannendes Verfahren, weil wir im Rahmen unserer Traglast bleiben mussten. Als am Ende feststand, dass wir es schaffen würden, war die Freude natürlich groß. Aber ich gebe zu: Größer als in Wembley hört sich toll an (lacht). Wir spielen mit Wembley in einer Liga – und das sieht Gott sei Dank auch die UEFA so.

Wie wird der Aufbau ablaufen?

Muth: Wir werden große Gerüste in den Unterrang bauen, auf denen die beiden Videowalls in Teilstücken zusammengebaut werden. Und irgendwann wird dann entweder eine Anzahl an Modulen oder aber die ganze Videowall nach oben gezogen. Da diskutieren wir noch. Das Problem ist, dass wir ja nicht mit einem Kran von oben arbeiten können. Aber wir kennen das Prozedere ja schon von 2004.

Diesmal sind die Walls doppelt so groß wie damals, 200 Quadratmeter.

Muth: Die ist imposant. Aber wir haben großes Vertrauen in unser technisches Team.

Wie lange wird der technische Standard halten?

Muth: Das ist gerade in Bezug auf Video und LED-Flutlicht eine interessante Frage, weil die Technik sich in den letzten Jahren enorm entwickelt hat. Wir bauen ja nicht nur die größten Videowalls, sondern auch jene, mit dem geringsten Pixelabstand. Der Standard ist so gut, dass wir damit auch in den Ultra-HD-Bereich gehen können. Die letzte Wall hat zwölf Jahre gehalten – ich bin zuversichtlich, dass auch die neuen mehr als zehn Jahre halten.

Mit dem neuen LED-Flutlicht sind nun wahre Lichtshows möglich

Gilt das auch für das neue Flutlicht?

Muth: Mit Sicherheit. Das LED-Flutlicht hat uns auch gereizt, weil man wesentlich weniger Wartungen und Reparaturen vornehmen muss als bei normalem Licht. Außerdem kann man es im Gegensatz zu unserem heutigen Flutlicht gewissermaßen auf einen Schlag an und ausmachen und auch dimmen. Wenn man zum Beispiel an unsere Weihnachts-Show denkt, war das schon jedes Mal ein Theater mit der verzögerten Abdunklung. Das geht künftig auf Knopfdruck. Ab der neuen Saison können wir dann eine Lichtshow machen.

Wird also jedes Abendspiel zur Show?

Muth: Für uns ist es wichtig, die Infrastruktur zu schaffen. In welchem Umfang der FC Bayern es dann nutzt, werden wir sehen. Wir bauen das aber sicherlich nicht nur wegen der Effekte, sondern auch weil die nationalen und internationalen Anforderungen an das Flutlicht immer höher geworden sind. Wir waren an der Grenze mit unserer Beleuchtung. Jetzt machen wir einen Riesensprung von 1400 auf 2200 Lux. Damit sind wir wieder prädestiniert, im Rennen um die Ausrichtung von Finals ganz vorne dabei zu sein.

Auch der Zugang zur Arena wird umgestaltet. Was ändert sich ab der kommenden Saison für den Arena-Besucher?

Muth: Wir werden ab sofort im Stadion 16 sogenannte „Kerne“ haben, also viel weniger Orientierungspunkte als bisher. Ein Beispiel: Ein Zuschauer sieht auf seinem Ticket den Buchstaben F und weiß gleich auf der Esplanade, ob er links oder rechts rum gehen muss. Und wenn er dann beim Kern F ist, geht er entweder nach unten in den Unterrang oder eben die Kaskadentreppe nach oben. Die Beschilderung wird komplett angepasst und neu gemacht.

Bereits im November vergangenen Jahres berichteten wir über weitere Baupläne an der Allianz Arena. Dabei ging es um ein neues Parkhaus und einen neuen Arena-Zugang. Diese Pläne riefen allerdings den Garchinger Stadtrat auf den Plan, der verärgert reagierte.

„Ohne Geld aus den Hospitality-Bereichen wäre so ein Umbau nicht möglich“

Auch die Hospitality-Gäste sollen anders geleitet werden.

Muth: Genau. Denn inzwischen sind das nicht mehr rund 4500 pro Bayern-Spiel, sondern bis zu 6500. Es wird zwei neue Welcome-Zonen geben, insgesamt gibt es dann vier. Damit auch der Gast dann möglichst schnell in seinen Bereich kommt.

Ist dieser Bereich irgendwann ausgelastet?

Muth: Unsere Räumlichkeiten sind irgendwann begrenzt, unsere Küche wird auf 2500 Quadratmeter erweitert, 120 Köche sollen dort beschäftigt sein.

Was entgegnen Sie eigentlich Kritikern, die von „Champagner-Publikum“ in der Arena sprechen?

Muth: Mittlerweile gibt es ein gutes Miteinander zwischen den Besuchern der unterschiedlichen Bereiche. Und man muss auch sagen: Ohne das Geld aus den Hospitality-Bereichen wären auch solche Umbauten in diesem Stil nicht so leicht möglich.

Auch der Terrorschutz wird im Sommer verstärkt.

Muth: Wir sind ständig mit externen Beratern und Kollegen im Dialog. Wir werden uns wie immer an die jeweilige Sicherheitslage anpassen.

Auf der Esplanade sind „Poller“-Lösungen geplant. Wie werden diese aussehen?

Muth: Wenn Sie die Baustelle ab Ende Mai sehen, werden Sie merken, dass wir nicht irgendwelche Beton-Pollerchen in den Boden schrauben, sondern richtig tief runter gehen. Die sind dann darauf ausgelegt, dass ein Schwerlast-LKW gestoppt werden würde. Der würde dort – also im Norden und Süden der Zugänge – hängen bleiben. Abgesehen von Sicherheitsaspekten können wir durch die Poller auch unkontrollierten Lieferverkehr eindämmen.

Wie sehr merken Sie die Terrorbedrohung im Fußball in ihrem Alltag?

Muth: Die Bedrohung an sich gab es schon immer, die Herausforderungen haben sich natürlich schon verändert. Damit müssen wir umgehen.

Ab 2018 soll die Esplanade umgestaltet werden

Die Poller sind in diesem Jahr die einzige Änderung außerhalb der Arena. Wann wird die Esplanade neu gestaltet?

Muth: Heuer konzentrieren wir uns auf die Arena. Wir planen aber bereits eine Umgestaltung der Esplanade. 2018 wollen wir mit der Umsetzung beginnen.

Wissen Sie auch schon, ob die dauerhafte Aufstockung auf 75.000 Zuschauer genehmigt wird?

Muth: Wir erwarten sie jede Woche.

Und wann erwarten Sie das nächste Champions League-Finale in München?

Muth: Was realistisch ist, weiß ich nicht. Wir können nur die Infrastruktur weiter auf einem sehr hohen Niveau halten und verbessern, so dass die UEFA an uns nicht vorbeikommt. Von unserer Qualität gibt es vielleicht ein Dutzend Stadien in Europa. Wir sind selbstbewusst genug, um zu sagen, dass wir mit dem Finale 2012 ein Benchmark gesetzt haben. Die Kollegen der UEFA kommen gerne zu uns – so soll es auch bleiben.

Zuletzt sprachen Sie von einer Zeitspanne von zehn Jahren.

Muth: Ich sage: EURO 2020, hoffentlich EURO 2024 – und in dieser Zeitspanne auch noch ein Champions League-Finale. Das wäre perfekt.

Interview: Hanna Raif

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