Ex-Bayern- und Juve-Spieler im Interview

Kohler: Das sind die Schwachstellen von Juve

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Jürgen Kohler kennt sich sowohl mit dem FC Bayern, als auch mit Juventus Turin aus.

München - Jürgen Kohler spielte in seiner aktiven Zeit beim FC Bayern und bei Juventus Turin. Im Interview verrät er, was die Schwachstellen der Alten Dame sind.

Jürgen Kohler steht ganz oben. In der Oberliga Rheinland Pfalz/Saar führt er als Trainer mit dem SC Hauenstein die Tabelle an. Ein Job in der Bundesliga reizt ihn nicht, aber mit den kleinen Hauensteinern in die vierte Liga, das würde ihm gefallen. 

Als Spieler bewegte sich Kohler (50) in anderen Sphären. Er wurde Welt- und Europameister, Champions-League- und UEFA-Pokal-Sieger sowie dreimal Deutscher Meister, zwei Jahre spielte er beim FC Bayern (1989 bis 1991), anschließend vier bei Juventus Turin. Am Dienstag treffen seine Ex-Klubs aufeinander – und als Innenverteidiger ist Kohler in dieser verletzungsintensiven Zeit ein besonderer Bayern-Experte. 

Herr Kohler, in Dortmund rief man Sie „Fußballgott“. Wie hießen Sie in Turin? 

Piede di ferro. Eisenfuß. 

Das war aber als Kompliment gemeint. 

Ja. Oder Il Tedesco Panzer, der deutsche Panzer.

Deutsche Verteidiger standen damals in Italien sehr hoch im Kurs. 

Ich habe ein bisschen die Türen aufgestoßen für deutsche Verteidiger, weil es vorher in Italien sehr unüblich gewesen war, reine Abwehrspieler zu verpflichten. Das hat für mich damals einfach gepasst. 

Welcher Verein hat Sie mehr geprägt? 

Beide. Uli Hoeneß hat mal zu mir gesagt: „Wenn du ein großer Verteidiger werden willst, musst du viele Titel gewinnen. Zeige ich dir einen ewigen Zweiten, dann zeige ich dir einen ewigen Verlierer.“ Vielleicht habe ich fußballerisch nicht meine Glanzzeit gehabt bei Bayern, auch wenn wir Meister geworden sind und ich auch international spielen konnte. Aber von der Leistungsfähigkeit war ich vielleicht bei 80, 85 Prozent. Dann habe ich den nächsten Schritt gemacht und von Bayern sehr viel mitgenommen. 

Juve war damals eine europäische Premium-Adresse, noch ein Stück feiner als der FC Bayern. 

Wir waren damals hochmodern, haben schon mit Viererkette gespielt. Als dann Marcello Lippi kam, haben wir ein frühes Mittelfeldpressing gehabt. Vorne hatten wir sehr laufstarke, physisch beeindruckende Spieler drin – Vialli, Ravanelli, Torricelli –, die da abgegangen sind wie Schmidts Katze. Dann hast du ein Lauftier gehabt wie Deschamps. Da war schon Qualität.

"Buffon ist längst über seinen Zenit hinaus"

Bis vor kurzem hätte man Bayern im Achtelfinale als Favoriten bezeichnet. Dann kamen die Verletzungen in der Defensive. 

Ich glaube, dass Bayern offensiv sicherlich stärker besetzt ist. Umgekehrt ist Buffon bei aller Wertschätzung längst über seinen Zenit hinaus. Er ist ein Torwart, der in einzelnen Spielen noch seine Klasse beweist, aber bei dem international hohen Standard sieht das anders aus. Er hat seine Verdienste für Juventus, so ist das auch bei Chiellini, bei Barzagli. Da haben sie ihre Probleme hinten drin. 

Die Bayern aber jetzt auch. Da fehlt die gesamte Innenverteidigung. 

Das kann schon gefährlich werden. Juve hat ja auch mit Morata, Pogba und wie sie alle heißen da vorne Leute, die nicht viele Chancen brauchen. Das ist ein Qualitätsmerkmal großer Mannschaften, dass sie aus wenig viel machen. Es ist einfach bekannt: Wenn die Italiener in Führung gehen, ist es schwer, gegen sie zu spielen. Taktisch sind sie alle sensationell ausgebildet, stellenweise auch besser als bei uns.

Was erwarten Sie von der Bayern-Defensive? 

Die Bayern-Abwehr wird wahrscheinlich sehr klein sein: Alaba, Alonso, vielleicht der kleine Kimmich. Von der Körperlänge wird die Mannschaft ein paar Defizite haben. Gerade bei Standardsituationen kann es gefährlich werden. 

Pep Guardiola hält David Alaba für einen potenziellen Weltklasse-Innenverteidiger. Gleichzeitig fehlt er den Bayern dann aber als Weltklasse-Außenverteidiger. 

Alaba hat ein ganz großes Plus: Er ist ist sehr vielseitig. Er hat schon Qualitäten im Zweikampf, aber er ist kein reiner Innenverteidiger. Das sehe ich nicht wie Guardiola. Ich glaube, dass er es spielen kann, auch ganz gut. Aber es ist sicherlich weder seine Haupt- noch seine Lieblingsposition. Weil er auch Qualitäten nach vorne hat, sehr schnell ist, Situationen schnell erkennt und Räume erkennt, in die er sich bewegen kann. Das ist in der Defensive zwar auch gefragt, aber da sind die Räume anders. 

Ganz gut ist in Turin womöglich nicht gut genug. 

Die Champions League ist eine andere Liga. Da ist noch einmal ein höheres Tempo, da wird jeder Fehler noch extremer bestraft als in der Bundesliga. 

Kohler: "Ich würde mit Alaba, Alonso und Lahm spielen"

Sie als Trainer und Abwehrspieler: Wie würde Ihre Defensivformation aussehen? 

Ich würde mit Alaba, Alonso und Lahm spielen. Philipp ist ein Spieler, der sehr intelligent ist, der viele Situationen vorausahnen kann, ein gutes Stellungsspiel hat. Und die Defizite, die Alonso bei der Schnelligkeit hat, kann er für ein Spiel auch mal aufwiegen. Klar, wenn dann natürlich ein paar Große kommen, hat er den einen oder anderen Nachteil. Aber in der Spieler- öffnung, im Lesen des Spiels, da sehe ich größere Vorteile für den Philipp als für den jungen Kimmich. Das ist halt auch ein Spiel, da kannst du dir als Junger nichts erlauben. Aber das kann Dir natürlich auch als Alter passieren. 

Was bedeutet es für die Psyche einer Mannschaft, wenn innerhalb weniger Wochen drei Türme wegfallen?

Das muss man auch als Chance sehen. Das ist nicht nur ein Nachteil. Bei uns war das damals in Dortmund ähnlich: Sammer war weg, Julio Cesar war weg, aber dann sind andere Spieler in die Bresche gesprungen. Ein Wolfgang Feiersinger, der am Anfang ganz große Probleme hatte, oder ein Martin Kree. Der hat dann plötzlich eine überragende Champions LeagueSaison gespielt. Aber im Fuß- ball brauchst du auch Glück. Alle, die sagen „Nee, das kann man alles planen“, denen sage ich: Stimmt nicht. Es gibt Momente auf dem Feld, die kannst du nicht nachstellen. Die sind einmalig. 

Hätte Bayern sich in der Defensive früher wappnen müssen? 

Wenn man weiß, Martinez ist verletzungsanfällig, Badstuber sehr verletzungsanfällig, Benatia ganz oft schon verletzt, dann muss man schauen, ob man im Winter reagiert oder drauf vertraut, ob Spieler zurückkommen. In den seltensten Fällen bringen Spieler, die lange ausgefallen sind, über einen längeren Zeitraum konstant gute Leistungen. In der Regel sagt man, die ersten zwei bis vier Spiele machen sie es noch richtig gut. Weil sie heiß sind, weil sie frisch sind, weil sie noch ausgeruht sind. Da ist die Wahrscheinlichkeit schon groß, dass es eng werden kann. Für die Bayern ist das zum ungünstigsten Zeitpunkt gekommen.

Was ist Ihr Tipp?

Juve ist ein Traumverein, perfekt organisiert. Aber da ich Deutscher bin, ist ja klar, für wen mein Herz schlägt.

Das Interview führte Marc Beyer

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