Kahn: "Als Bayern-Spieler polarisiert man einfach"

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Kritischer Begleiter der DFB-Elf: ZDF-Experte Oliver Kahn

München - Im tz-Interview spricht Oliver Kahn über die Lage der Nationalmannschaft, über Michael Ballack sowie über die Pfiffe gegen das DFB-Team und insbesondere Bastian Schweinsteiger.

Herr Kahn, Dienstag Abend spielt die deutsche Nationalmannschaft gegen Australien (Anpfiff: 20.45 Uhr, live im ZDF). Ein Freundschaftsspiel gegen einen vermeintlich kleinen Gegner. Besteht dort die Gefahr, dass es wieder ein müdes Spiel wird, so wie lange Zeit gegen Kasachstan?

Kahn: Ich glaube nicht. Denn das werden ja alles Spieler sein, die neu in die Mannschaft kommen, die sich anbieten wollen. Wir haben in Deutschland mittlerweile so eine große Konkurrenzsituation, dass sich die Spieler in der Nationalelf nicht erlauben können, bei diesen Testspielen kein Vollgas zu geben.

Die werden also um ihren Platz kämpfen?

Kahn: Das denke ich schon. Zumal es ja langsam auch keinen WM-Bonus mehr gibt. Denn so ein Bonus ist ganz schnell aufgebraucht, wenn sich ein anderer Spieler anbietet.

Als linker Verteidiger bietet sich gerade niemand an.

Kahn: Ja, hinten links wurde viel ausprobiert. Boateng, der eigentlich rechts spielt, Marcell Jansen, jetzt Aogo, der sich da auch erst noch durchsetzen muss. Da ist sicher noch ein Fragezeichen. Wenn es da einen Spieler gibt, der das überzeugend spielen kann, hat er eine Möglichkeit, schnell in die Mannschaft reinzukommen. So ist das eben, wenn die Konkurrenz groß ist. Ich kenne das von früher. Was in der Vergangenheit war, spielt keine Rolle. Man muss sich immer neu anbieten, immer neu Gas geben. Die Zuschauer stehen nicht auf und klatschen Beifall, weil du vor einem Jahr eine gute WM gespielt hast. Die bewerten das, was sie momentan sehen und wofür sie Eintritt gezahlt haben. Deswegen haben sie gegen Kasachstan gepfiffen.

Deswegen haben sie gegen Kasachstan gepfiffen.

Kahn: Ich empfinde das gar nicht als so eklatant. Es ist doch normal, dass die Zuschauer einen hohen Anspruch haben, wenn sie die Nationalmannschaft sehen, zumal nach der guten WM.

Aber die Spieler und Trainer waren empört.

Kahn: Ich kenne das aus meiner eigenen Zeit, da reagiert man schon mal übersensibel. Als Spieler sollte man da einfach cool bleiben, das nicht überbewerten.

Hat die Mannschaft sich etwas vorzuwerfen?

Kahn: Überhaupt nicht. Diese Spiele gibt es zuhauf. Es ist normal, dass du gegen einen unterklassigen Gegner beim Stand von 3:0 irgendwann mal zwei Gänge zurückschaltest. Jeder, der mal Fußball gespielt hat, kennt das.

Warum haben die Fans bei Schweinsteiger so gepfiffen?

Kahn: Dieses Problem hat doch jeder Bayern-Spieler. Da polarisiert man einfach.

Schweinsteiger hat es abgelehnt nach Hause zu fahren, will unbedingt gegen Australien spielen.

Kahn: Wenn es damit zusammenhängt, wäre es ein gutes Zeichen, aber ich würde die Pfiffe wirklich nicht überbewerten.

Welche Erkenntnisse kann man aus dem Kasachstan-Spiel ziehen?

Kahn: So gut wie keine!

Nicht einmal, dass Klose zu recht die Nummer eins ist?

Kahn: Ich finde es schwierig, aus Spielen gegen solche unterklassigen Gegner irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Michael Ballack wurde jedenfalls nicht vermisst. Ist das eine Erkenntnis?

Kahn: Nein, das würde ich aus so einem Spiel auch nicht herausziehen. Denn wenn Ballack bei einem Spiel gegen Kasachstan vermisst wird, dann müssten wir uns ganz schwer Gedanken machen.

Sie sagte, es sei nur fair ihm gegenüber, wenn ihm der Bundestrainer langsam mal sagte, in welchen Richtung es gehe?

Kahn: Er ist ein verdienter Spieler und er hat viel für den deutschen Fußball getan. Deswegen ist es auch an der Zeit, dass man ihm ganz klar sagt, wohin die Reise geht. Auf der anderen Seite aber hat er sich ja auch selber in diese Situation gebracht, dass er jetzt von der Meinung des Bundestrainers abhängig ist. Der soll nun entscheiden, ob er noch gebraucht wird oder nicht.

Also wäre er besser längst zurückgetreten?

Kahn: Er ist mittlerweile 34 Jahre alt, hinzu kommt, dass es sehr verletzungsanfällig ist. Und es ist doch so: du brauchst heute im internationalen Fußball – und gerade bei EMs und WMs – Spieler, die 90 Minuten Vollgas geben können. Und die sich vor allen Dingen danach sehr schnell wieder regenerieren. All diese Facetten bringen mich dazu, dass es schwierig für ihn in der Nationalmannschaft werden wird.

Glauben Sie Löw hat sich schon entschieden?

Kahn: Das weiß ich nicht. Ich habe nur das Gefühl, dass es bei solchen Themen immer die Tendenz des Aussitzens gibt. Man hätte doch sagen können: Lieber Michael Ballack, aus den eben genannten Gründen, planen wir nicht mehr mit dir, wir setzen jetzt auf andere Spieler. Was wäre daran so schlimm? Wieso ist das so problematisch? Das steht doch einem Bundestrainer zu, so eine Entscheidung zu fällen und die dann auch zu formulieren. Auch wenn das hart ist.

Interview: Jan Janssen

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