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Internationaler Top-Klub oder Bundesliga? Mentor Schwabl hat einen Rat für DFB-Star Karim Adeyemi

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Von: Armin Gibis

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Jung-Nationalspieler Karim Adeyemi ist einer der gefragtesten Nachwuchspieler der Welt.
Jung-Nationalspieler Karim Adeyemi ist einer der gefragtesten Nachwuchspieler der Welt. © Imago Images / Uwe Kraft

Manfred Schwabl, Präsident der SpVgg Unterhaching, spricht im großen Merkur-Interview über Shootginstar Karim Adeyemi und die Nachwuchsförderung im deutschen Fußball.

München – Nachwuchsarbeit ist eine mühselige Sache. Manfred Schwabl, Präsident des Regionalligisten SpVgg Unterhaching, hat damit Erfahrung. Unter seiner Regie entstand eine Talentschmiede, aus der zuletzt Karim Adeyemi hervorging, der rechts im Foto zu sehen ist. Der 19-Jährige brachte den Hachingern bei seinem Wechsel zu Red Bull Salzburg* 3,35 Millionen Euro ein. Nun winkt den Münchner Vorstädtern ein üppiger Nachschlag. Wechselt Adeyemi, inzwischen Nationalspieler, zu einem großen Club, partizipiert die SpVgg mit 22,5 Prozent. Borussia Dortmund*, der FC Barcelona* und RB Leipzig* buhlen um den Jungstar. Dortmund bietet angeblich 35 Millionen, die Katalanen wollen sogar 40 Millionen locker machen – für Haching wären das satte neun Millionen Euro oben drauf. Adeyemi ist ein Glücksfall und eine Ausnahme zugleich. Wir sprachen mit Schwabl über Chancen und Widrigkeiten in der deutschen Talentförderung.

Herr Schwabl, das Beispiel Karim Adeyemi zeigt, wie sehr sich eine gute Nachwuchsarbeit auszahlen kann. Welcher Aufwand ist nötig, dass sich ein Talent zum Profi entwickelt?

Schwabl: Du musst als Verein zuerst so viel investieren, dass du überhaupt in der Lage bist, mit einem 15-Jährigen eine Vereinbarung zu schließen. Das heißt, du musst DFB-Leistungszentrum sein – brauchst also Trainer mit entsprechender Qualifikation, eine Infrastruktur mit Stadion, Trainingsplätzen, Unterbringungsmöglichkeiten und qualifiziertem Personal wie Physiotherapeuten, Sportpsychologen, Betreuern usw. Ansonsten darfst du erst einem 18-Jährigen einen Vertrag geben. Aber dann kannst du deine Nachwuchsarbeit zusperren.

Wieso?

Schwabl: Es ist doch so, dass die Vereine aus der ersten und 2. Bundesliga* alle nur schauen, dass sie ganz günstig Talente von den kleinen Vereinen bekommen. Somit ist es ungemein wichtig, dass wir als ausbildender Verein einen 15-Jährigen schon vertraglich binden können. Und zwar über einen Fördervertrag. Das ist rechtlich vergleichbar mit einem Arbeits- bzw. Lizenzspielervertrag.

„Das ist wie bei einem Bauern, der Mais züchtet und den dann verkauft. Wer sät, wird ernten, ein altes Naturgesetz.“

Manfred Schwabl über die Nachwuchsarbeit der SpVgg Unterhaching.

Worin liegt der Vorteil?

Schwabl: Mit einem Fördervertrag, der mit einer monatlichen Unterstützung für den Spieler von mindestens 275 Euro losgeht, sind Ablösesummen frei verhandelbar. Für Karim haben wir auf diese Weise 3,35 Millionen Euro von Salzburg bekommen. Ohne Fördervertrag wäre für uns vielleicht eine Entschädigung von 25.000 Euro geblieben. Das Geld für Karim konnten wir wieder in die Nachwuchsarbeit und die Infrastruktur investieren. Das ist wie bei einem Bauern, der Mais züchtet und den dann verkauft. Wer sät, wird ernten, ein altes Naturgesetz.

Trauen Sie Adeyemi zu, dass er sich im internationalen Fußball durchsetzt?

Schwabl: Karim hat ein Wahnsinnstempo, eine brutale Coolness vor dem Tor und eine absolute Torgeilheit. Er verfügt über eine besondere mentale Stärke und ist zu Höherem berufen. Diese Gaben hat ihm der liebe Gott einfach in die Wiege gelegt. Derzeit werfen alle möglichen europäischen Großvereine den Hut in den Ring. Ich würde ihm allerdings raten, nicht den dritten vor dem zweiten Schritt zu machen. Für ihn wäre es wohl besser, zunächst in der deutschen Bundesliga* zu spielen, nicht zuletzt im Hinblick auf die Heim-EM 2024.

„Wenn einer in Lernfächern lauter Fünfer hat, dann ist er ein fauler Hund, dann kannst du ihn, das zeigen unsere Erfahrungen, gleich vergessen. „

Manfred Schwabl legt großen Wert auf den Einklang zwischen Schule und Sport.

Adeyemis rasante Entwicklung war nicht selbstverständlich. Als Bub galt er als schwierig und labil.

Schwabl: Für die Nachwuchsarbeit musst du generell die richtigen Trainer haben, die psychologisch für Kinder und Jugendliche geschult sind und den Menschen im Mittelpunkt sehen. Wichtig ist im goldenen Lernalter, den Jungs am Platz alles zu zeigen und nicht an der Taktiktafel. Und die Individualisten ihre Stärken ausspielen zu lassen. Als Fußballtrainer bist du immer auch Sozialarbeiter. Bei Karim wussten wir: Wenn wir den von der Persönlichkeit her hinkriegen, dann kann er voll durchstarten. In solch einem Fall muss man aber stetig dahinterbleiben. Das kostet schon Kraft. Man muss zum Beispiel immer schauen: Passt es in der Schule? Dafür brauchst du Personen, die sich nicht zu schade sind, sich bei einem 13-Jährigen die Zeugnisse anzuschauen und mit der Lehrerin zu telefonieren. Und wenn es nicht passt? Dann gibt’s Trainings- und Spielverbot so lange, bis es wieder passt.

Wieso interessieren einen Fußballverein die schulischen Leistungen?

Schwabl: Ich sage immer: Körper und Geist musst du zusammen schulen. Wer gut durch die Schule kommt, tut sich auch im Sport leichter. In den Zeugnissen sind besonders die soziale Bewertung und die Lernfähigkeit aufschlussreich. Ob einer in Mathe mal einen Dreier oder Vierer hat, ist nicht so wichtig. Aber wenn einer in Lernfächern lauter Fünfer hat, dann ist er ein fauler Hund, dann kannst du ihn, das zeigen unsere Erfahrungen, gleich vergessen. Ich brauche bodenständige und demütige Jungs, die die Schule sehr ernst nehmen und von ganzem Herzen Lust haben, Profi zu werden. Wobei man das mit der letzten Konsequenz machen muss. Da gehört wahnsinnig viel dazu, das muss man den Eltern klarmachen, denn je weiter es nach oben geht, desto mehr Schmerzen gibt es.

„Wenn du so eine ambitionierte Nachwuchsförderung unternimmst, musst du auch die Vision haben können, eines Tages erste oder zweite Bundesliga zu spielen.“

Manfred Schwabl über die Ziele der SpVgg Unterhaching.

Ist das Modell Unterhaching übertragbar?

Schwabl: Im Prinzip ist unser Ansatz standortunabhängig. Das Know-how haben viele, auch kleinere Vereine. Der Unterschied ist aber oft die Infrastruktur. Wenn du so eine ambitionierte Nachwuchsförderung unternimmst, musst du auch die Vision haben können, eines Tages erste oder zweite Bundesliga zu spielen. Das geht bei vielen Vereinen gar nicht, weil sie das Stadion und was sonst noch dazu gehört nicht haben. Vereine wie Buchbach oder Pipinsried werden deshalb nur Regionalliga spielen können, außer sie mieten sich woanders ein.

Was können Sie anderen Vereinen für ihre Nachwuchsförderung raten?

Schwabl: Als Erstes musst du intern die Vision haben, total auf den Nachwuchs zu bauen. Dann braucht man vor allem Geduld. Und die erste Führungsebene muss ruhig bleiben, wenn es darum geht, ein Konzept nachhaltig durchzuziehen. Man muss unbedingt Kontinuität reinbringen.

„Vorrang sollte immer die Talentförderung hin zur ersten Mannschaft haben. Das würde ich immer eintauschen gegen einen guten Tabellenplatz.“

Manfred Schwabl über den Ergebnisdruck im Jugendfußball.

Wie ist das zu verstehen?

Schwabl: Ein Verein braucht den Weitblick, mit möglichst vielen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs möglichst hochklassig zu spielen. Dabei ist es aus meiner Sicht immer besser, mit eigenen Leuten beispielsweise in der Landesliga zu spielen, als mit fremden in der Bayernliga. Du musst deinen Talenten die Perspektive geben, dass sie den Sprung in die erste Mannschaft schaffen können, damit erreichst du auch Identität im Verein. Andernfalls macht eine gute Nachwuchsarbeit doch gar keinen Sinn. Wir haben zum Beispiel 2015 nach dem Abstieg unserer ersten Mannschaft aus der Dritten Liga gegen den Trend weiter voll in den Nachwuchs investiert. Nur so hast du das Fundament, auf das du bauen kannst.

Die Unterhachinger U17 ist Zweiter in der Bundesliga Südwest – vor dem Nachwuchs des FC Bayern*. Aber lassen sich Erfolge beim Nachwuchs an Tabellenständen messen?

Schwabl: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Meine Meinung: Vorrang sollte immer die Talentförderung hin zur ersten Mannschaft haben. Das würde ich immer eintauschen gegen einen guten Tabellenplatz. Natürlich will man gewinnen, aber nicht um jeden Preis. Es darf nicht passieren, dass man im Schülerbereich Talente, die noch körperliche Nachteile haben, draußen lässt und dafür zwei Lackel aufstellt, nur um vielleicht zwei Standardtore zu schießen oder hinten die Null zu halten. Absolute Priorität muss die Nachwuchsentwicklung haben. Es kommt darauf an, möglichst viele eigene Talente in die erste Mannschaft zu bringen, und nicht, ob wir Dritter oder Achter werden. Man darf dann aber die Nachwuchstrainer auch nicht nur am Tabellenplatz messen.

„Kommt noch mal so ein Cut, wird es noch schwieriger, alle bei Laune zu halten.“

Manfred Schwabl über die Gefahren der Corona-Pandemie für den Jugendfußball.

In den letzten beiden Jahren wurde die Nachwuchsarbeit durch Corona beeinträchtigt. Inwieweit hat das Spuren hinterlassen?

Schwabl: Es hat bei den Kleineren schon ein bisserl Schneisen reingehauen, als nicht trainiert werden durfte. Die meisten Burschen sind aber stärker zurückgekommen. Weil sie halt auch die Aufgabe bekommen haben, daheim was zu machen. Und da hat man auch gemerkt, dass sich schon bei den 12-, 13-Jährigen die Spreu vom Weizen trennt. Die einen haben was gemacht, die anderen haben sich auf die faule Haut gelegt. Es hat eben die Talente gegeben, die sich sagten: Ich will mir den Traum von Corona nicht nehmen lassen, jetzt kann ich mich nicht hinlegen oder nur an der Konsole spielen. Aus solch einem Holz sind spätere Profis geschnitzt. Wir haben immer versucht, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen – und nicht zu jammern.

Inzwischen steht die Corona-Ampel wieder auf Rot. Wie groß ist die Angst vor neuen Rückschlägen?

Schwabl: Kommt noch mal so ein Cut, wird es noch schwieriger, alle bei Laune zu halten. Aber ich glaube, es wird nicht mehr so drastisch. Auch weil man gesehen hat, dass bei Sportarten im Freien die Ansteckungsgefahr vor allem bei den Kleinen eher gering ist.

„Ich glaube sogar, dass es in Fußball-Deutschland erst richtig scheppern muss, dass jeder sagt: Jetzt müssen wir auf unseren eigenen Nachwuchs bauen, ansonsten können wir wirtschaftlich nicht überleben.“

Manfred Schwabl

Nicht gut zu sprechen sind Sie beim Thema Nachwuchsarbeit auf DFB* und DFL*. Sie fühlen sich viel zu wenig unterstützt ...

Schwabl: Wenn ich schau, wie viel Einsatzzeiten deutsche Talente in den ersten drei Profiligen haben, muss man sich als deutscher Fußballfunktionär schon fast schämen. Sicher, es gibt jetzt den Nachwuchsfördertopf, mit dem Einsatzzeiten belohnt werden. Aber das ist ja nur ein Fördertöpfchen, mit dem man abgespeist wird. Auf mittlere Sicht fürchte ich, dass wir im Nachwuchs in Deutschland noch weiter hinterherhinken werden. Für den Unterbau interessiert sich im Verband und bei vielen Vereinen eigentlich fast niemand. Das Gleiche gilt für das Ehrenamt und die ganz kleinen Vereine – ohne die es gar keinen Spitzensport gäbe. Aber ich warne: Wenn die Wurzeln ausdörren, kommt irgendwann kein Ertrag mehr. Man muss das System mit viel mehr Wasser füllen.

Was schlagen Sie vor?

Schwabl: Man muss wohl den Fördertopf im Übergangsbereich für den Profisport, also die Dritte Liga, so groß machen, dass die Vereine endlich aufwachen und merken: Es geht auch anders. Krass ausgedrückt: Man muss die Vereine mit Geld locken. Das ist eigentlich traurig. Womöglich muss es aber so weit kommen, dass es einige Vereine zerreißt, damit man kapiert, dass es wirtschaftlich so nicht weitergehen kann. Ich glaube sogar, dass es in Fußball-Deutschland erst richtig scheppern muss, dass jeder sagt: Jetzt müssen wir auf unseren eigenen Nachwuchs bauen, ansonsten können wir wirtschaftlich nicht überleben. Und die Arbeit an der Basis in den Regionen nicht vernachlässigen.

„So ein Ausnahmetalent wie Karim hilft uns da natürlich wahnsinnig, sowohl wirtschaftlich als auch vom Image her.“

Manfred Schwabl will mit der SpVgg Unterhaching weiterhin die Stars von morgen ausbilden.

In Unterhaching hat man die Zeichen der Zeit ja längst verstanden ...

Schwabl: Es geht für uns nicht anders, als es mit Nachwuchsarbeit zu versuchen. Wir wollen es auch nicht mehr anders und ziehen das gnadenlos durch. Ansonsten hätten wir auch überhaupt keine Berechtigung im bezahlten Fußball. Wer braucht sonst Unterhaching auf der Fußball-Landkarte? Also haben wir darauf gesetzt, unsere eigene Idee und Identität zu entwickeln. Das musst du auch durchstehen und ein paar Fußballverrückte haben, die das alles machen. Das haben wir allmählich geschafft. Und so ein Ausnahmetalent wie Karim hilft uns da natürlich wahnsinnig, sowohl wirtschaftlich als auch vom Image her. (Das Gespräch führten Reinhard Hübner & Armin Gibis) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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