Ex-Haching-Talent erhält goldene Fritz-Walter-Medaille

Karim Adeyemis Geschichte: Fehler des DFB, vergessene Zirkel und brutales Tempo

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Wechselte vor gut einem Jahr nach Österreich: Karim Adeyemi. 

An einem Spätsommertag vor sieben Jahren steht Manfred Schwabl auf einem Kunstrasenplatz in Unterhaching und glaubt kaum, was er da sieht.

Später an diesem Tag spielt die erste Mannschaft der SpVgg Unterhaching, doch Schwabl, damals erst seit wenigen Wochen Präsident des Vereins, ist früher gekommen, zur E-Jugend, um 11 Uhr, das weiß er noch ganz genau. Da steht er also und es dauert nicht lange, bis ihm in seiner Mannschaft ein Junge auffällt, zehn Jahre alt, den er vorher noch nie gesehen hat, der aber die Gegenspieler ausdribbelt, oft einfach an ihnen vorbeirennt. Und wenn man Schwabl heute anruft und zu Karim Adeyemi, dem Buben vom Kunstrasen, befragt, sagt er: „Dieses Tempo! Brutal!“

Es hat seit diesem E-Jugendspiel im Jahr 2012 noch sehr viele in der Branche erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit Adeyemi – in München geboren, nigerianischer Vater, rumänische Mutter – Fußball spielen kann. Vor einem Jahr bezahlte der FC Red Bull Salzburg drei Millionen Euro, um ihn aus Unterhaching zu sich zu holen. Und an diesem Montag hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ihn mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet, als talentiertesten Nachwuchsspieler der Altersklasse U 17. Diese Medaille erhielten auch Leon Goretzka, Timo Werner oder Mario Götze – und jetzt eben Karim Adeyemi.

Die Geschichte von Adeyemi, mittlerweile 17 Jahre alt, ist besonders, denn sie erzählt neben seiner eigenen drei andere. Eine von der SpVgg Unterhaching, einem Verein, der sich vorgenommen hat, mit seinen Talenten ganz besonders umzugehen. Eine von einer Branche, in der man mit Jugendlichen inzwischen Millionengeschäfte macht. Und wenn man genauer hinschaut auch eine über den DFB, der gerade versucht, seine Fehler aus der jüngeren Vergangenheit zu korrigieren.

Die Geschichte der SpVgg Unterhaching ist eng verbandelt mit jener von Manfred Schwabl, der überzeugt davon ist, dass ein guter Fußballprofi nur wird, wer sich um Dinge kümmert, die auf den ersten Blick nichts mit Fußball zu tun haben. So lehrt er es in seinem Verein und so lehrte er es auch den jungen Karim Adeyemi, der im Matheunterricht ein paar Mal zu oft den Zirkel vergaß. „Ich war oft bei Lehrern und Rektoren“, sagt Schwabl, „und er war oft bei mir im Büro.“ Es gab eine Phase, da sind sie oft aneinandergeraten, weil Adeyemi, wenn es in der Schule nicht passte, nicht trainieren und so auch nicht spielen durfte. Einmal, so Schwabl, habe er ihm dann gesagt, dass der Junge, der an seiner Stelle spielen durfte, eine echte Vollgranate sei und bestimmt bald einen Vertrag bekomme. Von da an habe er den Zirkel nicht mehr vergessen und irgendwann sogar angefangen, manchen Mitschülern bei den Hausaufgaben zu helfen. Und ruft Schwabl heute Michael Feichtenbeiner an, der Adeyemi erst in der Nationalmannschaft und nun beim FC Liefering (dem Farmteam von Red Bull Salzburg, wo er als Jugendlicher schon in der 2. Liga gegen Männer spielen kann) trainiert, freut Schwabl sich zu hören, dass Adeyemi die Bälle und die Koffer trägt.

Ab und zu kommt Adeyemi dann auch persönlich in Unterhachings Sportpark. Sein bester Kumpel arbeitet in der Gaststätte, seine Mutter in der Geschäftsstelle. Mit Adeyemis Eltern versteht Schwabl sich gut. Er wünscht sich, dass in der hysterischen Fußballwelt mehr so handeln wie sie. „Als Eltern muss man unterstützen, darf aber nicht drängen.“

Die Geschichte der Fußballbranche ist eng verbandelt mit jenen drei Millionen Euro, die Salzburg für einen 16-Jährigen aus Unterhaching bezahlt hat, den auch andere wollten: der FC Bayern (wo er noch vor seiner Zeit in Unterhaching aufgrund einer Disziplinlosigkeit fortgeschickt wurde), der FC Liverpool oder der FC Chelsea. Vielleicht hätten diese Vereine noch mehr Geld ausgegeben. Der Jugendfußball hat sich ja zum Millionengeschäft entwickelt, was sich auch nicht mehr ändern dürfte. In Salzburg wissen sie nämlich ganz genau, dass sich eines Tages ein Club meldet, der bereit ist für den Spieler, der damals drei Millionen Euro kostete, das Vielfache zu überweisen.

Die Geschichte des DFB ist eng verbandelt mit dem WM-Debakel in Russland, als hinterher die Einsicht reifte, dass es dem deutschen Fußball an Angreifern fehlte, die einfach mal losdribbeln können, am besten mit Zug zum Tor. Also müht sich der Verband nun, solche Spieler zu finden und zu fördern, so deutet Schwabl die Goldmedaille. Und sollte dieser Karim Adeyemi irgendwann tatsächlich in der Nationalelf tricksen, sollten sie sich beim DFB an die SpVgg Unterhaching erinnern, wo man ihm vom ersten E-Jugendspiel an das Dribbeln erlaubt hat und zum Glück auch an jene Dinge gedacht hat, die auf den ersten Blick nichts mit Fußball zu tun haben.

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