Zum Geburtstag

Rummenigge wird 60: So denkt Hoeneß über "Karl-Heinz"

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Karl-Heinz Rummenigge (links) und Uli Hoeneß im Juni 2013.

München – Vom „Rotbäckchen“ zum Chef: Karl-Heinz Rummenigge führt den FC Bayern an – heute feiert er seinen 60. Geburtstag.

Kinderaugen können ein endloser Wasserspeicher sein, und es kam früher öfter mal vor, dass Karl-Heinz Rummenigge ganz bitter weinte. Immer, wenn ihn die Älteren nicht mitkicken ließen, damals, zwischen den Häuserblöcken in Lippstadt.

Da hockte er am Rand, er hockte und heulte, ehe sie ihn dann doch mitmachen ließen. Und dann strafte er die Großen ab, er, der kleine Pimpf, mit Dribblings, Beinschüssen, Toren. Ein Nachbar öffnete ein Fenster und rief hinunter: „Kalle, du wirst ein Großer!“

Als er 19 war, rief der FC Bayern an. Kalle packte seine Koffer, zog nach München.

Und wurde ein Großer.

Seinen 60. Geburtstag feiert er heute als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rekordmeisters, und hinter diesen Wortungetümen mit den mächtig vielen Silben steckt in erster Linie eines: mächtig viel Macht. „Karl-Heinz hat sich schön nach oben gearbeitet“, sagte Uli Hoeneß diese Woche zum „kicker“. Er sei inzwischen „einer der mächtigsten Männer im europäischen Fußball“. Uli Hoeneß sagt immer „Karl-Heinz“, nie „Kalle“, denn das empfindet er als ungebührliche Verniedlichung. Man kann sich nun streiten, was der größere Ritterschlag ist: das Zitat mit der Machtfülle in Europa – oder die stets respektvolle Anrede.

Hoeneß: Er soll bis 65 bleiben – mindestens

Rummenigge hat sich heute längst positioniert und etabliert in der Münchner Hierarchie. 1991 wurde er mit Franz Beckenbauer als Vizepräsident hinter Fritz Scherer und an der Seite von Hoeneß installiert, damals kämpfte der Klub mit Strukturnöten. Erst tat er sich schwer, zwischen der Lichtgestalt und dem Tausendsassa seinen Platz zu finden. Mittlerweile hat sich der „Kaiser“ längst verabschiedet, und während Hoeneß gerne den Bauch, das Herz, die Seele, zur Not die Faust des FC Bayern spielt, ist Karl-Heinz Rummenigge: der Kopf.

Nach mehr als 40 Jahren im Geschäft erzählen etliche Fotos unendlich viele Geschichten. Ein sehr frühes, Mitte der 70er, zeigt Rummenigge mit blondem Wuschelkopf, wie er im Bayern-Training Beckenbauer aus der Hüfte stemmt. Das Motiv ist schwarz-weiß, beide sehen eigenartig aus, als wären sie grotesk miteinander verwachsen. Es existiert noch eine weitere Aufnahme, einige Augenblicke später geschossen. Auf diesem Bild thront der „Kaiser“ lachend auf den Schultern des Jungspunds. „Das wird nie einer“, soll Beckenbauer einst über den Stürmer gesagt haben, und nachdem er ihn sogar mal als „Bratwurst“ abgefranzelt hatte, quälte sich der junge Kalle im Sommerurlaub auf Sylt mit Sonderschichten. Das mit der Bratwurst werde er nie vergessen, sagte er seiner Frau: „Denen zeig’ ich’s!“

Seither erzählen etliche Fotos unendlich viele Geschichten von Rummenigges Erfolgen. Bis auf die WM gewann er alles, und selbst da scheiterte er nur denkbar knapp, 1982 und 1986 erst im Finale. Als er sich in den Büroräumen des FC Bayern etablierte, machte er als Funktionär mit seiner Titelsammlung weiter. Früher nannten sie ihn „Rotbäckchen“. Heute sagen sie zu ihm einfach: Chef. Hoeneß wünscht sich, dass sein Vertrag über 2016 hinaus verlängert wird; Karl-Heinz soll bis zum 65. Lebensjahr weitermachen – mindestens, sagt er.

Die Fans sind nie so richtig warm mit ihm geworden, ihm fehlt das Volksnahe von Hoeneß und dieser einzigartige Charme von Beckenbauer. Er wirkt oft hölzern, erst letzte Woche ging seine Bankettrede nach dem Champions League-Spiel bei Olympiakos Piräus als kürzeste in die Klubgeschichte ein. Hinter seinem Rücken strahlte die Akropolis, historische Vokabeln fielen ihm aber nicht ein. Auch zum 60. gewährte er nur zwei Exklusivinterviews, bei anderen Ikonen hatte der Verein da anders verfahren, nahbarer. Dabei ist es schade, dass sich Rummenigge rar macht. In Interviews kann sich dieser Mann nämlich durchaus entfalten, man bekommt dann eine Idee davon, warum er europaweit bei den Großen der Branche Gehör findet. Auch hier konkurrieren Fotos mit Zitaten um Aussagekraft, die die Zeiten überdauern: Rummenigge hebt in Gesprächen in kleiner Runde die Faust, den Zeigefinger, er lacht, er feixt, er kann streng sein und jovial – kurz: ein Weltmann sein, der Ostwestfale, der Münchner wurde, sich in Italien neu erfand und nun seit 2002 den bedeutendsten Fußballklub Deutschlands leitet.

Schwerer Spagat: Shanghai/Scheidegg

Seine Aufgabe ist es, den Verein auch für die Zukunft salonfähig zu gestalten. Beckenbauer hat sich zurückgezogen, Hoeneß’ Rückkehr ist vage, dem Verein sind auf der Führungsebene in letzter Zeit die Identifikationsfiguren flöten gegangen, und auch generell der Kontakt zur Basis in der Umgebung. Der Fokus ist aktuell mehr auf New York und Shanghai statt auf Niederalteich und Scheidegg gerichtet, es wird eine Herkulesaufgabe, den Spagat zu schaffen zwischen modernen Anforderungen und traditionellen Werten. Als Aktiver rettete Rummenigge die Bayern einst in höchster Not, als er 1984 für elf Millionen Mark zu Inter Mailand transferiert wurde. Nur Diego Maradona war damals teurer, die Ablöse sorgte für eine dringend nötige Entschuldung. Heute liegt der Jahresumsatz bei rund 500 Millionen Euro. Das ist ein Vermächtnis – aber auch eine Verpflichtung, die Top-Möglichkeiten top zu nutzen.

Rummenigge ist sich dieser Verantwortung bewusst, und auch wenn er als Chef der ECA, dem Zusammenschluss der wichtigsten Vereine von Europa, über den Tellerrand der Klubpolitik hinausschaut, reizt ihn ein Wechsel auf die Verbandsebene nicht. Er will seinen Bayern erhalten bleiben, sagt er, er braucht sie, diese Freude Woche für Woche mit der Mannschaft.

Seinen Geburtstag begeht er im engsten Familienkreis, aber nächsten Freitag wird er die 450 Angestellten des FC Bayern zu einer Feier in die Allianz Arena einladen – „weil sie uns alle gut aussehen lassen“, sagte er der „Deutschen Presse-Agentur“. Da klingt kurz der Sohn des Werkzeugmachermeisters durch. Und der Junge, der heulte, weil er sich ungerecht behandelt fühlte, weil er nicht mitkicken durfte.

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