Mehr Hirn, bitte! 

Kreativcoach Nowak: Der FC Bayern scheut das Risiko

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„Früh übt sich“, heißt es. Seit diesen Sommer betreibt der FC Bayern seine Nachwuchsakademie.

Im tz-Interview spricht Gehirncoach Matthias Nowak über sein besonderes Training, Langeweile im Fußball und die Juwelen des FC Bayern.

Er machte den Nachwuchs und die Frauen des FC Bayern fit im Kopf! Gehirncoach Matthias Nowak gab an der Säbener Straße knapp acht Jahre lang Kreativtraining. Jetzt hat er den deutschen Rekordmeister verlassen, um sich im Profi-Bereich zu etablieren. Im tz-Interview spricht Nowak über sein besonderes Training, Langeweile im Fußball und die Juwelen des FC Bayern.

Sie sind Kreativtrainer. Was bedeutet das?

Matthias Nowak: Der heutige Fußball erfährt – gerade im Nachwuchsbereich – eine Art Evolution. Das bedeutet, dass die technischen Fähigkeiten eines Spielers eigentlich nur die Voraussetzungen sind für höchste Ansprüche. Es ist immer wichtiger geworden, dass die Spieler kognitive Höchstleistungen vollbringen können. Stichwort: verengte Räume, Variabilität in der Taktik. Dafür bin ich zuständig.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Training?

Nowak: Wir brauchen – gerade was das letzte Drittel angeht – überraschende Lösungen. Das geht nur in der Form, dass ein Gehirn mit wichtigen Informationen nicht überfordert ist. Es geht darum, dass der Spieler seiner Intuition trauen kann. Nach dem Motto: intuitiv handeln statt denken.

Wie sah das Training mit dem FCB-Nachwuchs aus?

Nowak: Es ist ein Stück weit ein Geheimnis, aber gehen Sie davon aus, dass es wöchentlich war. Gerade in der Saisonvorbereitung und in der Winterpause kann man noch genauer arbeiten. Es braucht aber auch Resultate, ich kann einem Fußballprofi nicht sagen: Wir schauen in einem Jahr mal weiter. Dann kann er sonst wo sein. Ich habe brutal gefeilt, damit man in drei Monaten erste sichtbare Erfolge erzielt.

Matthias Nowak hat mit Autor Jörg Seewald das Buch Beweg dein Hirn veröffentlicht.

Wie früh fangen Sie mit Ihrem Training an?

Nowak: Das Gehirn lässt sich sehr gut formen, wenn es jung ist. Die letzte große Optimierungsphase ist das 15. bis 18. Lebensjahr. Ab 25 bauen die kognitiven Fähigkeiten wieder ab.

Haben sich die Anforderungen an Fußballer verändert?

Nowak: Ein Fußballer auf Top-Niveau braucht Top-Werte in Sachen exekutive Funktionen. Es sind jene höheren kognitiven Leistungen, die die Spieler heutzutage benötigen, um ihre Emotionen, ihr Verhalten und ihre Aufmerksamkeit während des Spiels gezielt und schnellstmöglich steuern zu können. Kurzum: sich im Griff haben, wenn es darauf ankommt. Der schwedische Wissenschaftler Torbjörn Vestberg hatte vor der WM 2014 das Glück, Xavi und Iniesta vermessen zu können. Deshalb wissen wir in etwa, wo die Messlatte anzusetzen ist.

Kreative Spieler wie Arjen Robben und Franck Ribéry fördern.

Ist kognitives Training in der Bundesliga angekommen?

Nowak: Ich kann sagen, ohne dass ich persönlich vor Ort war, dass die TSG Hoffenheim da sehr weit vorne ist. Sie versuchen das – dank SAP – sehr technisch zu lösen. Ich bin der Gegenpart und sage: Der eigene Körper reicht.

Sie scheinen von der Situation in Deutschland nicht überzeugt zu sein…

Nowak: Die DFB-Ausbildung ist richtig gut. Aber was mir fehlt, ist das Neue. Dass auch mal Wagnisse eingegangen werden. Stichwort: Beidfüßigkeit. Die sollte eigentlich ein Muss sein, wenn ein Spieler in die U 15 kommt. Beidfüßige Spieler sind in der Box eine Waffe.

Emotionen im Griff haben - ein Kandidat dafpür wäre Arturo Vidal.

Gilt das auch für das Thema Kreativität?

Nowak: Es wird gefordert: Wir brauchen mehr kreative Spieler. Aber ich finde nie einen Ansatz, wie wir zu Kreativität kommen. Wenn man jetzt mal nicht Real Madrid, FC Barcelona oder FC Bayern nimmt, ist der Fußball sehr langweilig geworden, weil sich das Spiel gegen den Ball perfektioniert hat. Gerade im letzten Drittel fallen den Spielern nicht viele überraschende Elemente ein. Fußballtrainer wissen, dass es mittlerweile kognitive Höchstleistungen braucht. Das kann man mit herkömmlichem Training nicht mehr bewerkstelligen.

Hat Deutschland nach dem WM-Titel 2014 an Boden verloren?

Nowak: Es ist etwas Menschliches, sich ausruhen und genießen zu wollen. Aber der Fußball verträgt keinen Stillstand. Andere Nationen schlafen nicht. Auch wir als Weltmeister sind gezwungen, neuen Ideen eine Chance zu geben. Wir müssen frecher und risikofreudiger werden. Nach meinem Bauchgefühl sind wir etwas halbherzig.

Blicken wir nach München: Nach der Campus-Einweihung ist der FCB-Nachwuchs mehr denn je im Fokus. Wird der Druck zu groß?

Nowak: Bei den jungen Spielern gibt es einen brutalen Erwartungsdruck, von außen und an sich selbst. Aber da hat der FC Bayern sich sehr gut aufgestellt, man lässt die Jungs nicht alleine. Mia san mia beflügelt viele Spieler sicherlich. Aber sicher nicht alle – sondern es ist ein Stück weit auch Erwartungsdruck dahinter.

Wieso haben Sie den FCB verlassen?

Nowak: Ich bin fast acht Jahre permanent beim Training an der Säbener Straße gewesen und sehe meine Herausforderung jetzt im Profi-Fußball. Es ist die nächste Challenge, meine Trainingsmethode auf dem höchsten Niveau zu etablieren.

Handeln statt denken, wie es Manuel Neuer tut.

Gab es diese Chance nicht beim FCB?

Nowak: Ich bin nur ein Nebentrainer, bin über den Frauenfußball zum FC Bayern gekommen und dann im Junior-Team gelandet. Es ist keine falsche Bescheidenheit, aber die Profis vom FCB wären jetzt nicht die richtige Herausforderung für mich. Hier ist bereits höchste Qualität – selbst in der Breite – gegeben. Sicher wäre es auch interessant gewesen, zu sehen, wie viel noch ‚nach oben‘ gehen würde. Aber einem No-Name-Trainer in diesem sehr sensiblen Bereich die Verantwortung zu übertragen – bei einer der weltbesten Mannschaften – so risikofreudig ist man dann doch nicht beim FC Bayern.

Fehlte das Vertrauen in Ihre Arbeit?

Nowak: Peter Wenninger, der Jugendkoordinator, war einer der größten Zweifler dieses Trainings. Nachher ist er einer der größten Befürworter geworden. Das Feedback der einzelnen U-Trainer war immer positiv. Es tut mir irgendwo auch weh, ich hätte gerne weitergemacht. Gerade im unteren Bereich beim FC Bayern sind wirklich Juwelen dabei. Der FC Bayern ist in der Jugendarbeit jetzt richtig gut aufgestellt. Das sind jetzt vom Alter her keine Spieler, die in den nächsten zwei Jahren in den Profikader stoßen werden, aber aus meiner Wahrnehmung heraus darf sich Herr Hoeneß freuen, denn da kommt in den nächsten Jahren richtig was nach!

Aus Sicht eines Kreativtrainers: Welchem Spieler sehen Sie gerne zu?

Nowak: Amin Younes hat dieses Gen des Dribblers noch, er kann virtuos dribbeln, hat gute Ideen. Er traut sich, das Ganze zu präsentieren. Das Passen haben wir über alle Dinge gelegt. Jetzt stellen wir fest, dass das im letzten Drittel nicht mehr funktioniert. Wir brauchen wieder die Individualität der Spieler. Natürlich ist ein Spieler wie Ribéry ein Virtuose, der auch mal ins Eins-gegen-zwei geht. Er lebt von seiner Fantasie und von seiner Art „Schaun wir mal, was bei rumkommt“. Dabei vertraut er seiner Intuition.

Interview: Jonas Austermann

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