FCB-Aufstieg vor 50 Jahren

Kupferschmidt: "Alle wollten so sein wie der Franz"

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Peter Kupferschmidt erinnert sich gerne an den Aufstieg des FC Bayern vor 50 Jahren.

München - Peter Kupferschmidt spricht im großen Merkur-Interview über Bayerns Aufstieg, das Idol Beckenbauer, Schnaps als Mutmacher – und blutige Zehen

135 Spiele hat Peter Kupferschmidt von 1960 bis 1971 für den FC Bayern gemacht, war Meister, DFB-Pokalsieger und hat den Europapokal der Pokalsieger gewonnen – sein größter Erfolg aber war ein anderer: Heute vor 50 Jahren stand der 73-Jährige in der Startelf der Mannschaft, die mit einem 8:0 gegen Tasmania Berlin den Aufstieg des heutigen Rekordmeisters in die Bundesliga perfekt machte. Im Interview erinnert sich der ehemalige Abwehrspieler an jenen 26. Juni 1965 und die Erfolgszeit, die folgte.

50 Jahre danach – ist der Aufstieg dieser Tage so präsent wie selten?

Das kann man so sagen. So etwas bleibt in Erinnerung – vor allem, weil wir es im ersten Jahr ja nicht geschafft hatten. Da haben wir es ein bisschen zu leicht genommen, besonders der Trainer Tschik Cajkovski. Von den ersten drei Spielen haben wir zwei auswärts gewonnen gehabt, waren also auf Kurs, bevor die letzten Heimspiele kamen. Und dann haben wir zwei Spiele verloren. Das war der Wahnsinn. Wir hatten in Saarbrücken nach dem Sieg gegen Neunkirchen schon im Swimming Pool den Aufstieg gefeiert – und am Ende hat es doch nicht gereicht. Aber im Nachhinein kann man sagen, dass das ein Vorteil war. Denn im Jahr danach haben wir eine neue Mannschaft aufgebaut – und es dann geschafft.

Die jungen Wilden haben es 1965 gerichtet.

Genau. Nichts gegen die Älteren – aber es war gut, dass einige dann keinen Vertrag mehr bekommen haben. Franz Beckenbauer ist dann gekommen, Rudolf Nafziger und Dieter Brenninger. Da haben wir eine Mannschaft gebildet, die dann fünf, sechs Jahre zusammengespielt hat. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Erzählen Sie vom Aufstiegsspiel in Berlin!

Oh ja. Da habe ich bis heute Gänsehaut. Die entscheidenen Spiele waren schon gegen Aachen gewesen. In Berlin war das schon fast eine sichere Sache, 8:0, aber trotzdem war die Euphorie wahnsinnig groß. Als wir dann nach München geflogen sind und in Riem aus dem Flieger wollten, kamen wir erst gar nicht raus. In der Halle war so viel los. Danach waren wir im Salvator und haben gefeiert. Das war ergreifend.

Es heißt, die Leute hätten Ihrer Mannschaft im Berliner Olympiastadion alles vom Leib gerissen.

Ja, das stimmt. Die wollten unsere Trikots. Damals gab es ja noch keinen Trikot-Tausch. Wir haben ja nur ein, zwei Garnituren für die ganze Saison gehabt. Das war alles verwaschen, das Wappen war zusammengezogen, weil es schon zig mal zu heiß gewaschen worden war. Man durfte nicht Trikot tauschen oder es abgeben. Das war aber schwer an diesem Tag (lacht).

Haben Sie auch Verluste hinnehmen müssen?

Nein. Ich hatte tatsächlich noch alles an, als ich in die Kabine kam. Wir waren ja folgsam – so war das bei uns Kriegskindern.

Kann man die Euphorie von damals vergleichen mit der, die dem FC Bayern heute entgegenschlägt?

Nein, das war ganz anders. Die Freude damals war einfach unbeschreiblich. Bei uns ist immer eine Steigerung drin gewesen. Aufstieg, Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger, Sieger im Europapokal der Pokalsieger. Heute ist das eher Gewohnheit. Es ist toll, dass der FC Bayern jedes Jahr ins Halbfinale der Champions League kommt und nebenbei auch noch Deutscher Meister wird. Aber die Fans erwarten das ja auch. Bei uns war das damals nicht so.

War die Aufstiegs-Euphorie noch größer als die bei den ersten Titeln?

Das war schon eine der schönsten Parties – auch wenn wir später dann die Erfolge erzielt haben. Das Gerippe hat damals schon gepasst. Wenn man mal bedenkt: 15 Jahre diese Mittelachse beinander zu halten – das ist doch Wahnsinn. Es gab viele Angebote für Beckenbauer und Co. Aber sie sind geblieben. Weil dieses Team gemeinsam nach dem Aufstieg gewachsen ist.

Hat die junge Mannschaft damals begriffen, was sie geschafft hat?

Nein. Eine ganze Zeit lang nicht. Wir waren ja so lange so enttäuscht, dass wir in den ersten zwei Jahren nicht in der Bundesliga waren. Nur weil der DFB nicht zwei Mannschaften aus einer Stadt in der Liga haben wollte und die Löwen schon drin waren. Aber was dann geschaffen worden ist, das war einmalig. Wir haben den Grundstein gelegt. Die nächsten 40, 50 Jahre war der Erfolg da. Nichts gegen die Löwen, aber bei uns ging es von da an bergauf – und bei denen bergab.

Woran lag das?

Der FC Bayern hat immer das Gefühl für den richtigen Trainer gehabt. Tschick hat uns fünf Jahre trainiert, als wir sehr jung waren. Dann kam Branko Zebec, der uns geformt hat. Und Udo Lattek hat dann die Erfolge erzielt. Weil da die Mannschaft im besten Fußballalter war. Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier. Dann kamen Klaus Augenthaler, Karl-Heinz Rummenigge, später Uli Hoeneß – da könnte ich ja noch ewig aufzählen.

Wäre der FC Bayern ohne Ihre Mannschaft da, wo er heute ist?

Ohne die Mittelachse von damals nicht. Man hat es sehr gut gemeistert, eine Mannschaft lange beinanderzuhalten. Da ist nicht viel gewechselt worden. Heute ist das ja ein Handel, den gab es damals noch nicht. Das war für unsere Zeit das Beste.

Es heißt, Sie hätten Ihre Prämien alle in ein Sparschwein geworfen.

Das stimmt. Zum Pokalsieg und zum Sieg im Europapokal haben wir je 10.000 D-Mark bekommen. Da war es schon eng im Sparschwein (lacht). Es konnte ja niemand ahnen, dass wir so schnell so viele Erfolge feiern würden. Ich war sehr sparsam, das habe ich von zuhause so mitbekommen. Ich bin 1942 in Jugoslawien geboren, mit drei Jahren geflüchtet. Ich war doch froh, dass ich durchgekommen bin.

Wie kamen Sie dann zum FC Bayern?

In Österreich habe ich angefangen, Fußball zu spielen. Noch nicht im Verein. Aber ich habe dort gelernt, beidfüßig zu sein. Wir hatten keine Schuhe, haben barfuß gespielt. Und wenn man technisch nicht gut war, hat man ab und zu mit dem Zehen in den Boden gehauen. Weil man aber trotzdem mitspielen wollte, hat man dann eben mit dem linken Fuß gespielt. Deshalb war ich mit beiden Beinen ganz gut, als ich zum FC Bayern kam.

Sie waren auch beim Vorstand des Vereins angestellt.

Zum Aufstieg war ich beim Präsidenten Wilhelm Neudecker angestellt, der hatte eine Baufirma. Während der entscheidenden Phase waren wir aber alle von unseren Arbeitgebern freigestellt. In der Bundesliga sind wir dann alle Profis geworden. Bei mir war aber das Problem: Ich bin genau dann zum Militär gekommen und konnte die Vorbereitung auf das erste Bundesliga-Jahr gar nicht mitmachen. Deshalb musste ich erst mal in die Reserve. Mein Glück war, dass ich mehrere Positionen spielen konnte. Ganz früher war ich sogar mal Mittelstürmer. Deshalb bin ich dann recht schnell wieder ins Team gekommen.

Ihr Spitzname in der Mannschaft war „Psycho“. Warum?

Stimmt. Ich war einfach so nervös vor jedem Spiel. Ich habe immer gesagt: Vom Krieg her. Irgendwann hat mir jemand den Tipp gegeben: Trink vorher einen Schnaps!

Und das haben Sie gemacht?

Ja klar. Ganz für mich allein.

Was für einen Schnaps?

Das war egal. Und wenn es mal zwei Stamperl waren, war es noch besser (lacht). Da war ich dann frei, da habe ich mehr riskiert. Auch wenn ich noch mehr hätte riskieren müssen.

Sie stehen wie viele andere aus der Aufstiegsmannschaft im Schatten der Großen Maier, Müller und Beckenbauer. Nervt das?

Ich habe das eingesehen. Man muss es akzeptieren, alleine wenn man die Zahlen anschaut: Gerd Müller hat 365 Tore geschossen, Sepp Maier hat 473 Spiele am Stück gespielt, Franz Beckenbauer knapp 400. Wenn man da mitspielen darf, dann ist das doch toll. Ich habe da keine bösen Gedanken. Ohne die Drei wäre ich nirgendwo hingekommen. Nicht nach Nordamerika, nicht nach Afrika. Das waren doch unsere Stars, die jeder sehen wollte. Wir haben alle von ihnen profitiert.

Waren das die geheimen Vorbilder der anderen?

Wir wollten alle so sein wie der Franz. Aber manchem – wie mir – hat die Schnelligkeit gefehlt, manchem die Gewandtheit, manchem die Reaktion. Er war schon einmalig.

Ein Star zu Ihrer Zeit – aber nicht zu vergleichen mit jenen von heute, oder?

Ach. Was heute passiert, ist doch übertrieben. Wir hatten 15, 16 Spieler, die einsatzfähig waren. Da gab es ein Vorspiel, in dem ausgewählt wurde, wer spielt. Und dann musste man das Pflichtspiel schon gewinnen, sonst war man ganz schnell wieder draußen. Das war schon Druck genug – aber heute ist das doch noch viel krasser. Manchmal schütteln wir da schon den Kopf. Die freie Marktwirtschaft macht das möglich. Alle können wechseln, wohin sie wollen.

Einen Zusammenhalt wie in Ihrem Team gibt es dann aber wohl nicht mehr. Sie treffen sich bis heute mit Ihren Kollegen.

Genau. Wenn es geht, jeden Freitag bei unserem damaligen Kapitän Adi Kunstwadl. Mit Jakob Drescher, Dieter Brenninger, manchmal Rudi Grosser. Früher haben wir noch zusammen in der „alten Liga“ gespielt. Heute sitzen wir lieber da und ratschen.

Über was am liebsten?

Wir haben viel zu erzählen, weil wir ja viel Erfolg hatten. Und es ist bis heute interessant, von früher zu erzählen. Im Moment geht es viel um den Aufstieg – aber auch um die aktuelle Mannschaft.

Bekommen Sie bis heute Autogrammanfragen?

Aber hallo! Ich habe jetzt erst wieder 1000 Autogrammkarten drucken lassen. Ich lasse immer ein paar Anfragen zusammenkommen. Und wenn wir beim Adi sind, bearbeiten wir die alle zusammen. Das macht uns bis heute Spaß.

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