Was taugen die Neuzugänge?

tz-Interview: Lothar Matthäus redet Klartext über den FC Bayern München

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Sky-Experte Lothar Matthäus: „Ich spare nicht mit Kritik“.

München - Im Interview mit der tz spricht Lothar Matthäus ausführlich über den FC Bayern. Der Rekordnationalspieler über Mario Götze, Coman und Costa, Robben und Ribéry sowie Pep Guardiola.

Herr Matthäus, der FC Bayern startet heute Abend in die Champions League. Als Topfavorit auf den Titel neben Real Madrid und dem FC Barcelona?

Lothar Matthäus: Ja. Aber ich gehe davon aus, dass auch ein englischer Verein in den Favoritenkreis mit reinrutscht. Ich kann zwar noch nicht genau sagen, welcher, aber die Teams aus der Premier League haben alle viel Qualität. Und dazu habe ich noch Paris St. Germain auf dem Zettel. Die Mannschaft ist in den vergangenen Jahren dreimal knapp im Viertelfinale gescheitert, darunter zweimal an Barcelona. Da hat man gesehen, dass nicht viel fehlt. Jetzt haben sie mit Kevin Trapp einen guten Torhüter und mit Angel di Maria einen Weltklassespieler verpflichtet.

Wie groß schätzen Sie die Titelchancen der Bayern ein? Was hat im Vorjahr zum Triumph gefehlt?

Matthäus: Im Halbfinale gegen Barcelona hat durch die Ausfälle von Arjen Robben und Franck Ribéry das Tempo im Offensivspiel gefehlt. Barça konnte dagegen aus dem Vollen schöpfen, da waren die Bayern im Spiel nach vorne unterlegen. Ihnen fehlten zwei ganz wichtige Spieler, die zu dem Zeitpunkt nicht eins zu eins zu ersetzen waren. Und das sind sie nach wie vor noch nicht.

Mit Douglas Costa und Kingsley Coman hat der FCB zwei neue Flügelstürmer geholt. Können sie nicht wie Robben und Ribéry den Unterschied machen?

Lothar Matthäus: Man sollte beiden erst mal noch Zeit geben. Coman hat ja erst einmal gespielt. Zu Costa muss ich sagen: Er hat mich in den ersten Spielen begeistert. Er ist unglaublich schnell und verfügt über große Qualitäten. Aber die Latte liegt sehr hoch, wenn man mit Robben und Ribéry verglichen wird. Deshalb wäre es nicht fair, jetzt schon ein Urteil zu fällen.

Dennoch waren ihre Verpflichtungen richtig…

Lothar Matthäus: …aber ein Jahr zu spät. Beim FC Bayern hat man in der Vorsaison gemerkt, dass es neben Robben und Ribéry keinen Spieler mit einem ähnlichen Tempo gab. Deshalb haben die Verantwortlichen reagiert und auf diesen Positionen sehr viel Geld in die Hand genommen, um einen Fehler aus dem vergangenen Jahr zu korrigieren.

Auch Mario Götze konnte die Lücke nicht schließen, dabei hat er seine Klasse gerade erst wieder in der Nationalelf unter Beweis gestellt. Fehlt ihm im Verein die Leichtigkeit, die ein Costa mitbringt?

Lothar Matthäus: Dann würde es mich aber wundern, warum er sie in der Nationalmannschaft besitzt. Ich glaube, dass das Ganze ein bisschen mehr vom Kopf abhängt. Vielleicht macht sich Mario Götze beim FC Bayern doch mehr Gedanken, als der Verein immer zugeben will. Beim DFB ist es für ihn einfacher, da hat er mehr Spaß, mehr Sicherheit. Costa hat bei Bayern München von Anfang an das Vertrauen und seine Einsätze bekommen. Er spielt immer von Anfang an, immer 90 Minuten. Dann merkst du, wie wichtig du bist. Wenn du aber meist nur zehn oder 15 Minuten zum Einsatz kommst oder weißt, dass du nach der Rückkehr von verletzten Spieler der erste bist, der raus ist, dann hemmt das. Dieses Gefühl wird Mario beim FC Bayern wahrscheinlich nicht los.

Gerade für ihn scheint Vertrauen, wie er es von Jogi Löw bekommt oder auch in Dortmund damals erfahren hat, sehr wichtig zu sein.

Lothar Matthäus: Jeder Spieler braucht Vertrauen. Das kriegt man aber nicht durch Worte in der Öffentlichkeit, sondern durch Einsatzzeiten. Beim FC Bayern wird Mario nach außen immer in Schutz genommen, aber im Endeffekt sitzt er beim nächsten Spiel wieder auf der Bank und darf in der Schlussphase auch noch mal ran. Die ganzen Worte drum herum sind ja schön und gut, aber als Spieler möchte ich die Unterstützung anders spüren. Ich will von Anfang an spielen, und zwar in wichtigen Spielen. Und nach einem schwächeren Spiel nicht gleich auf der Bank landen. Erst dann kann man befreit aufspielen. Und das hat Götze in der Nationalmannschaft gezeigt, so wie Costa es beim FC Bayern zeigt.

Einen weiteren Neuzugang haben sie schon vor seinem ersten Spiel hoch gelobt: Arturo Vidal. Tut er dem FCB-Spiel gut?

Lothar Matthäus: Er ist ein aggressiver Leader. Einer, der in ganz engen Spielen oft den Unterschied ausmacht. Bayern München braucht Arturo Vidal nicht, um Deutscher Meister zu werden. Aber in den Topspielen, den engen Duellen, kann er die Mannschaft das ein oder andere Prozent stärker machen. Obwohl er ein Spielertyp ist, der nicht unbedingt zu Pep Guardiolas Philosophie passt. Aber vielleicht hat man beim FC Bayern gemerkt, dass man in engen Spielen nicht nur mit Schönspielerei weiterkommt, sondern auch das körperbetonte Spiel wichtig ist. Da kann Vidal der Mannschaft einiges geben.

Kann der Titelkampf denn mit der wiedererstarkten Borussia aus Dortmund dieses Jahr mal wieder spannend werden?

Lothar Matthäus: Die Dortmunder haben bisher überzeugt. Das ist wieder die Borussia, die die Fußballfans über einige Jahre begeistert hat. Letztes Jahr waren viele Probleme beim BVB hausgemacht. Auch wenn Bayern München nach wie vor Favorit auf die Schale ist: Wenn die Dortmunder so weitermachen, wird es an der Spitze wieder den Zweikampf zwischen dem FCB und dem BVB geben.

Auch mit Pep Guardiola? Ihr Sky-Kollege Dietmar Hamann hat Pep harsch kritisiert und gezweifelt, ob ein anderer Trainer mit seiner Bilanz noch im Amt wäre. Auf einer Skala von null bis zehn gab er ihm eine Fünf. Mittelmaß.

Lothar Matthäus: Mit Kritik spare ich ja auch nicht. Ich habe auch schon die ein oder andere Sache bei Pep bemängelt. Aber trotzdem muss ich sagen, dass er eine hervorragende Arbeit macht. Auch wenn beim FC Bayern der Meistertitel erwartet wird, muss man das Wie und das Wann berücksichtigen. Einmal wurden sie es schon im März, dann im April. Und dabei haben sie das ganze Jahr über konstant gespielt. Und warum wollen die Bayern mit ihm verlängern? Weil sie zufrieden mit ihm sind. Und das wären sie nicht, wenn er nur mittelmäßige Arbeit leisten würde. Ich würde ihm eine Acht geben. Wenn er in der vergangenen Saison den Pokal gewonnen hätte, sogar eine Neun. Aber da hat er sich im Halbfinale gegen Dortmund vercoacht, diese Niederlage kreide ich ihm an. Guardiola ist kein Messias, aber er hat eine gute Handschrift und zählt ohne Frage zu den Toptrainern der Welt.

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