Bayern-Keeper in den Schlagzeilen

Kommentar zur Causa Neuer: Wo ist die Grenze?

Mit mehreren Einheimischen hat Manuel Neuer im Kroatien-Urlaub einen Song gesungen, dessen Interpreten wohl rechtes Gedankengut vertreten. Kann man ihn dafür verurteilen? Ein Kommentar.

München - Manuel Neuer hat im Kroatien-Urlaub an einer Strandbar mit ein paar Männern ein Lied gesungen. So weit die bloßen Fakten. Weil sich daraus aber keine Schlagzeilen machen lassen und Manuel Neuer eben nicht irgendwer ist, sondern Kapitän des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft, blieb es nicht bei dieser nüchternen Betrachtung.

Gemeinsam mit der Gruppe um seinen kroatischen Kumpel und Bayern-Torwarttrainer Toni Tapalovic stimmte Neuer das Lied „Lijepa li si“ an (zu Deutsch: Du bist schön). Wer bei Kroaten nachfragt, erfährt: Es ist eine Hymne auf die Schönheit des Landes, bisweilen kitschig.

Neuer singt im Urlaub: Band soll kroatischen Faschismus verherrlichen

Problematischer ist, wer dieses Lied geschrieben hat. Die Band heißt Thompson - in Anlehnung an den Spitznamen ihres Frontmannes Marko Perkovic und die von ihm im Kroatienkrieg benutzte Maschinenpistole der Marke Thompson. Dazu passend wird der Gruppe die Verherrlichung des kroatischen Faschismus vorgeworfen.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Im kroatischen Sport - allen voran im Fußball - gilt „Lijepa li si“ als eine Art inoffizielle Nationalhymne. Sie sollte vor der EM 2016 verboten werden. Ex-Löwe Davor Suker, der Präsident des kroatischen Verbands, erklärte daraufhin sinngemäß: „So lange ich hier etwas zu sagen habe, wird diese Hymne gespielt.“

Und selbstAngela Merkel tappte schon in die vermeintliche Falle. Bei einem Empfang in Zagreb 2019 klatschte die Bundeskanzlerin mit, als der Song von Thompson erklang.

Neuer singt im Urlaub: Erinnerungen an die WM 2006 und Naidoo-Hit

Weder Merkel noch Neuer sind bisher in den Verdacht geraten, rechtes Gedankengut zu unterstützen - im Gegenteil. Einigen mag die Ausrede, die beiden hätten nicht gewusst, was sie da mitsingen oder beklatschen, zu wenig sein. Für mich ist sie akzeptabel.

Außerdem stellen sich die Fragen: Wo ziehen wir die Grenze? Wer bestimmt, was gesungen werden darf und was nicht? Ich erinnere an die WM 2006, das Sommermärchen. Überall waren deutsche Flaggen zu sehen, das Lied „Dieser Weg“ erfreute sich - auch in der DFB-Kabine - großer Beliebtheit. Heute feiert die rechte Szene den Interpreten Xavier Naidoo für homophobe, antisemitische und rassistische Texte.

Kann an Manuel Neuers Gesangsauftritt nichts Verwerfliches entdecken: tz-Sportredakteur Jonas Austermann kommentiert den Aufschrei zum Facebook-Video.

(Jonas Austermann)

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