Spanier über Schönspielerei und Antizipationskunst

Martinez im Interview: „Mia san mia - Das gilt auch als Ausländer!“

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Javi Martinez wechselte für 40 Millionen von Athleti Bilbao zum FC Bayern München

Javi Martinez verkörpert den FC Bayern München wie wenige. Im Interview mit der tz erklärt er, warum Antizipation eine Kunst ist und auch Ausländer Bayern und den FCB verkörpern.

Señor Martínez, lassen Sie uns über Ihr Tor in Leverkusen sprechen. 

Javi Martínez: Das allererste Bundesligator 2018. 

Uns interessiert eher der anschließende Jubel. 

Martínez: So, so. Aline (Martínez’ Lebensgefährtin, d.Red.) und ich sind sehr glücklich. Nach Luca wollten wir bald ein zweites Kind bekommen, und jetzt ist Aline glücklicherweise schwanger. Wir hoffen, dass sie genauso gesund auf die Welt kommt wie Luca. Es wird nämlich ein Mädchen. 

Herzlichen Glückwunsch! Wann ist es denn soweit? 

Martínez: Juni oder Juli. 

Und Luca weiß auch schon Bescheid? 

Martínez: Wir haben es ihm gesagt, so ganz verstanden hat er aber wohl nicht (lacht). 

Wird Luca vom Papa eigentlich brav zum Bayernfan erzogen? 

Martínez: Bälle bereiten ihm eine Menge Spaß, soviel ist sicher. Er weiß nur noch nicht so recht, ob er ihn treten oder doch werfen soll (lacht). Das mit den Mannschaften versteht er noch nicht, Bayern scheint ihm aber zu gefallen. Jedes Mal, wenn er seinen Papa auf einem Foto sieht, läuft er hin und knutscht es ab. Ein gutes Zeichen. 

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Sie klingen glücklich. 

Martínez: Das bin ich auch. Ein Kind liebst du mehr als alles andere auf der Welt, das weiß ich jetzt. Windeln wechseln klappt auch ganz gut. Ich dachte, das Ganze wäre kniffliger, ist es aber nicht. Gerade auf Reisen fehlt Luca mir enorm, daher versuche ich, mich voll einzubringen, wenn ich mal daheim bin. Auch wenn Aline da schon mit etwas mehr Talent ausgestattet ist als ich. 

Und wann steht die Hochzeit an? 

Martínez: Ehrlich gesagt denken wir im Moment nicht daran. Ich weiß, dass eine Hochzeit gerade meiner Mutter eine Menge Freude bereiten würde, aber wir sehen die Geschichte mehr aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts. 

Wunschlos glücklich also? 

Glücklich: Martínez überzeugt nicht nur auf dem Platz, auch privat läuft’s: Das zweite Kind ist im Anmarsch.

Martínez: Ich wünsche mir nur, dass Luca nicht ganz so ein großer Chaot wird wie ich damals. Meine Eltern mussten rund um die Uhr auf mich aufpassen in Ayegui, weil ich schon ein rechter Schlawiner war. Kommt er nach mir, könnte es lustig werden. 

Schlawiner also. Sie scheinen das bayerische Vokabular mittlerweile verinnerlicht zu haben. 

Martínez: Wenn du fünf Jahre an einem Ort verbringst, wird er zu einem Teil von dir. Ich habe hier sowohl gute als auch weniger gute Dinge erlebt – fühle mich hier aber zuhause. Natürlich vermisse ich Ayegui, aber ich fühle mich sehr wohl hier. Das Münchner Lebensgefühl ähnelt sehr stark dem in Nordspanien, was ich anfangs nie gedacht hätte. Daher hat die Integration auch sehr gut geklappt. Hoffentlich kann ich noch viele weitere Jahre Münchner bleiben. 

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Sieht so aus, als müsse man gar kein Bayer sein, um das Mia san mia vorzuleben? 

Martínez: Nicht zwangsläufig, nein. Es kommt immer auf den Charakter des Einzelnen an und ob er dazu bereit ist, sich zu integrieren. Sehen Sie sich Franck Ribéry an. Kaum ein Mensch denkt nicht an ihn, wenn er auf Bayern München angesprochen wird. Ganz einfach wegen dem, was er repräsentiert und den Fans bedeutet. Er ist das beste Beispiel dafür, dass in ausländischen Spielern ebenso Mia-san-mia-DNA stecken kann. 

Und was kann der Spanier vom Bayern lernen? Oder umgekehrt? 

Martínez: Ihr solltet auf jeden Fall lernen, eine gute Paella oder Tortilla de patata (spanisches Kartoffelomelette, d.Red.) zu machen. Wenn meine Mutter nicht gerade da ist, verzweifle ich oft. Spaß beiseite: Bevor ich hierherkam, dachte ich, das Leben sei viel stiller und kälter. In Wahrheit ist es aber das komplette Gegenteil. Die Bars, Restaurants und Straßen sind voll – und zwar ganz egal, welcher Tag gerade ist. München ist eine sehr lebendige Stadt, die einem wahnsinnig viel Spaß machen kann. Und soll ich Ihnen mal etwas sagen? 

Bitte! 

Martínez: Wir Spanier können uns in Sachen Ehrlichkeit eine Scheibe abschneiden. Was meinen Sie, was los wäre, wenn es bei uns Zeitungskästen mit Selbstbedienung geben würde? Oder diese Blumenfelder! Auch wenn niemand da ist, bezahlen die Leute hier für die Blumen, die sie pflücken. 

Nicht machbar scheint auch eine Verlängerung mit Jupp Heynckes. Hätten Sie eine Taktik für Uli Hoeneß & Co. parat? 

Martínez: Unsere erfahrene Führung braucht da sicherlich keine Tipps. Über Heynckes’ Qualitäten jedenfalls brauchen wir nicht zu reden, da genügt allein der Blick in seine Vitrine. Dazu kommt, dass er des Spanischen mächtig ist, was Spielern wie James zum Beispiel eine Menge erleichtert. 

Heynckes beharrt darauf, dass Ende der Saison Schluss sei

Martínez: Sein Engagement hier darf man auch nicht als selbstverständlich erachten, sondern muss es als großen Gefallen sehen. Ich kann mir schon vorstellen, dass das gemeinsame Leben mit seiner Frau in Mönchengladbach um einiges angenehmer ist, als uns Quälgeister hier jeden Tag ertragen zu müssen. Wir sollten ihm für dieses Intermezzo dankbar sein und respektieren, falls er nach der Saison nicht weitermachen würde. Auch wenn wir das nicht hoffen. 

Immerhin spielen Sie unter Jupp wieder auf der Sechs. 

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Martínez: Stimmt. Nicht, dass ich mich in davor in der Abwehr unwohl gefühlt hätte, aber die Sechs war schon immer meine Stammposition. Dort fühle ich mich am wohlsten.

Das Magazin 11Freunde schrieb neulich, Sie seien die menschgewordene Kombination aus englischer Härte und Joga bonito, dem schönen Spiel der Brasilianer.  Klingt nicht schlecht, oder? 

Martínez (lacht): Ich glaube, dass es da draußen schon noch ein paar Spieler gibt, die noch bonitoer spielen als ich. Mir gefällt es, einfach zu spielen und in jedem Spiel alles zu geben. Das beinhaltet, keinen Rückzieher zu machen, wenn es mal wehtut. Ich kann dir keine zehn Assists pro Saison garantieren, auch keine zehn Tore. Was ich hingegen schon garantieren kann, sind 100 Prozent Aufopferung in jedem Spiel. Denn genau das ist es, was mich erfüllt. Was für die Einen ein Tor ist, ist für mich ein Spiel ohne Gegentor. 

Ist Antizipieren eine Kunst? 

Javi Martínez ist in München sehr glücklich. 

Martínez: Im Fußball braucht es keine elf Zauberer auf dem Platz. Fußball ist ein Mannschaftssport, bei dem jeder Spielertyp für das Gesamtkonstrukt fundamental ist. Ich bin beispielsweise ein großer Football-Fan und kann Ihnen garantieren, dass kein Team mit 15 Quarterbacks erfolgreich wäre. Und so könnten auch wir nicht mit elf Robbens, elf Jeromes oder elf Javis gewinnen. Eine Mannschaft braucht Typen, die bonito spielen, aber eben auch Typen, die grätschen und alles geben, um den Ball zurückzuerobern. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe es, schön zu spielen, gute Pässe zu geben und Tore zu erzielen. Ich weiß aber, dass meine Arbeit eine andere ist, die nun mal nicht so oft in den Schlagzeilen steht. Aber ich liebe sie. 

 

Neben Joga bonito hieß es in jenem Artikel auch, dass Pep Guardiola Sie schlechter gemacht habe. Ihre Meinung dazu? 

Martínez: Da stimme ich nicht zu. Es war sehr schade, dass ich die drei Jahre unter Pep nicht genießen konnte, weil ich 18 Monate davon verletzt war. Hinzu kamen die ganzen Probleme im Nachhinein, weshalb ich unter ihm praktisch keine zwei Monate am Stück beschwerdefrei spielen konnte. Und genau das brauche ich, um wirklich gut zu spielen: Kontinuität. Dazu eine Anekdote: Als ich noch in Bilbao war, wollte Bielsa (Von 2011 bis 2013 Trainer bei Athletic, d. Red.) von uns wissen, ob wir in der Woche vor einem hypothetischen CL-Finale lieber spielen oder Kraft tanken würden. Ich war damals Anfang 20 und sagte ihm, dass ich mich lieber ausruhen würde. Heute sehe ich es anders. Um mich wirklich topfit zu fühlen, muss ich drei, vier Tage vorher gespielt haben. Ich brauche diese Müdigkeit. 

Am liebsten würden Sie auch am Abend des 15. Juli müde sein, nicht? 

Martínez (lacht): Die WM ist immer ein Ziel. Ich weiß aber auch, dass ich dafür jedes Wochenende das Maximum aus mir herausholen muss. Im Moment mache ich eine gute Phase durch und glaube, dass unser Nationaltrainer auch die Bundesliga verfolgt und das auf dem Schirm hat. Die Konkurrenz ist riesig, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und hoffe, dass ich mein Land bei der WM repräsentieren darf und wir zusammen einen weiteren Stern holen. Die Chance ist da, immerhin spielen wir aktuell so gut und sind so überlegen wie nur sehr selten in der Vergangenheit.

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jml

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