Merkur-Interview

Maurizio Gaudino: Der Vater-Sohn-Check

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Maurizio und Gianluca Gaudino.

München - Maurizio Gaudino spricht im Merkur-Interview über seinen Sohn und FCB-Spieler Gianluca, Schnaps bei Manchester City und Sprints in knöcheltiefer Vulkanasche.

Maurizio Gaudino wurde 1992 mit Matthias Sammer beim VfB Stuttgart Meister. Bei der WM 1994 gehörte er zum deutschen Kader, man traf damals auf Pep Guardiolas Spanien. Heute arbeitet der 47-jährige als Berater – sein prominentester Klient ist Sohnemann Gianluca, 17, der gerade beim FC Bayern unter Guardiola und Sammer erste Sporen verdient. Wie fühlt sich das an?

Herr Gaudino, Sie sind derzeit ein gefragter Mann in den Medien – sagt Ihr Sohn Gianluca allmählich: Papa, es nervt?

(lacht) Nein, gar nicht. Nur mir selbst wird es langsam ein bisschen zu viel. Es geht ja um ihn, um seine Karriere, da will ich mich zurückhalten. Aber ich weiß auch, dass es natürlich zum Geschäft gehört: Vater/Sohn – sowas weckt Interesse, und wenn man es nicht übertreibt, kann ich ja ein bisschen was erzählen, ohne dabei Druck aufzubauen.

Wie nervös war der Papa, als der Sohn gegen Wolfsburg plötzlich sein Bundesliga-Debüt feierte?

Als ich nach zehn Minuten gemerkt hatte, er hat Ballkontakte, er bekommt Sicherheit, hat sich das schnell gelegt. Wenn man selber gespielt hat, weiß man, wie es ist, wenn einer in Rhythmus kommt. Außerdem hat mein Handy die ganze Zeit gebrummt vor lauter Kurznachrichten – ich hatte also Ablenkung (grinst).

Ihr eigenes Debüt, Sie waren sogar noch jünger, lief so: 1:0-Sieg mit Mannheim in Braunschweig, aber Sie flogen vom Platz.

Ja, das war kurios. Der Schiedsrichter hatte mich mit Jürgen Kohler verwechselt. Er hatte die „6“, ich die „9“ – daher kam der Dreher. Ich wurde vier Wochen gesperrt, für nichts. Das wirft dich als jungen Spieler schon zurück.

Damals standen die Namen noch nicht auf den Trikots, eine andere Zeit. Ist Fußballprofi mehr denn je ein Traumberuf – oder war es früher schöner?

Es ist immer ein Traumberuf. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich zu meiner Zeit spielen durfte, die Jungs heute genießen sicherlich ihre Zeit. Das Einzige, um was ich die Jungs heute beneide, sind diese Wahnsinns-Stadien. Ich habe damals beim VfB Stuttgart und in Frankfurt mit Tartanbahn gespielt. Zum Glück gab es diese Regel damals noch nicht – aber wäre da einer nach einem Tor zum Fanzaun gerannt, hätte er am Hinweg Gelb gesehen und dann auf dem Rückweg gleich nochmal – Gelb-Rot für ein Tor, so wäre es gelaufen.

Gianluca rannte beim Debüt 13 km – hätten Sie das damals auch geschafft?

Auf keinen Fall. Heute ist der Fußball viel dynamischer, eines ist aber unverändert: Keiner muss schneller als der Ball sein. Allerdings wirst du ganz anders geschult, damit du das hohe Tempo gehen kannst. Ich hatte in der Jugend zwei Mal die Woche Training, wobei sich keiner geschert hat, ob einer da war oder nicht. Und als ich mit 17 Profi wurde, hatte ich auf einen Schlag zwei Mal am Tag Training. Mit der medizinischen Abteilung wurde nichts abgestimmt, es lief so: Wenn die Oberschenkel brennen, musst du erst recht noch einen drauflegen. Ich hatte erst beim VfB – da war ich schon drei Jahre Profi – Laktatwerte, die heute ein A-Junior hat.

Sie trainierten damals oft allein, zu Rocky-Songs – sind Sie auch Treppen raufgesprintet, und gab es rohe Eier zum Frühstück?

Nein, ich habe auch nie im Schlachthaus gegen Rinderhälften geboxt. Mannheim ist generell flach, ich lief viel im Wald, nur im Urlaub, an der Grenze zu Österreich, habe ich mir immer einen Berg gesucht und bin rauf. Es ist einfach so: Bei Waldhof hatten wir nicht mal einen richtigen Fitnessraum. Heute wirst du von jung auf geschult, früher musstest du allein auf Rocky machen. Und ich war schon früh sehr ehrgeizig, ich wollte zu einem großen Verein und in die Nationalmannschaft.

Als Sie Nationalspieler wurden, war es noch nicht so Multikulti wie heute.

Ich war meiner Zeit vielleicht ein bisschen voraus. Anfangs haben mich die Leute nicht so gerne in der deutschen Nationalelf gesehen: Als Ausländer-Sohn, was will man da? Dazu hatte ich diese lange Haare, den Ohrring, den Ruf des Rebellen – aber so richtig gestimmt hat das ja gar nicht: Ich kann die Trainingseinheiten, die ich in meiner Karriere versäumt habe, an einer Hand abzählen. Und ich war 20 Jahre immer eine Führungskraft, auf all meinen Stationen. Meine Eltern kamen aus Italien als Gastarbeiter, sie waren hier, um zu arbeiten, um zu überleben. Ich hatte fünf Brüder, mir wurde immer vermittelt, dass man arbeiten muss, um etwas zu erreichen.

Wie liefen Ihre ersten Schritte als Profi ab?

Wenn man mit 17 bei Klaus Schlappner anfängt, ist das eine gute, harte Schule. Der fasst dich nicht mit Samthandschuhen an. Wir hatten in seinem Büro viele Kontroversen, aber es wuchs immer was Gutes daraus. Ich wusste immer: Ich muss Gas geben, sonst bin ich nicht lange Profi. Heute würde man vielleicht mentales Coaching zu Schlappners Stil sagen – früher sagte man einfach: Er tritt dir in den Hintern (lacht).

Später erlebten Sie beim Club America in Mexico City ein anderes Extrem. Dort arbeitete Marcelo Bielsa, ein Coach, der bis heute als ein großes Idol von Pep Guardiola gilt.

Eine ganz andere Welt: Bielsa war ein Taktik-Fanatiker. Er teilte das Feld in Vierecke auf und verschob uns dann da. Alles wurde auf Video aufgezeichnet. Club America war wie der FC Bayern – nur die Meisterschaft zählt. Es gab auch Krafttraining, alte Schule: Jeden Dienstagvormittag rauf auf einen Vulkan, auf 3000 Meter. Da hatte dann jeder Gewicht auf den Schultern, individuell ausgerechnet, und dann gab es nach eineinhalb Stunden Übungen noch Sprints den Hang hoch. Die Asche war knöcheltief, ich glaube, heute ginge das als Überlebenstraining durch (lacht) – oder zumindest als Teambuilding-Maßnahme.

Viele wissen das nicht mehr, aber Sie spielten als Leihgabe mal bei Manchester City. Wie sind Ihre Erinnerungen an England?

Es war traumhaft, auch wenn es eine Umstellung war. Die spielten echtes Kick’n’Rush – ich bin dem Ball nur hinterhergerannt. Nach vier Spielen war Chaos, wir stellten um. Wenn ich mich angeboten habe vor der Abwehr, wurde ich auch angespielt. Wir haben Liverpool geschlagen, den Abstieg verhindert, am Ende wollte man mich zwei Jahre verpflichten. Aber Frankfurt spielte nicht mit. Im Nachhinein wäre ich gern geblieben.

Ist dieses ManCity, das heute bei Bayern Gast ist, vergleichbar mit damals?

Nein, eine ganze andere Welt: Neuer Investor, neue Möglichkeiten, neue Ziele. Bei uns war es damals professionell – und familiär. Nach meinem ersten Spiel kam der Präsident in die Kabine, mit einer Art Schnaps. Jeder musste einen Kurzen trinken, ich bin schwankend zum Duschen. Es läuft in England ganz anders zu: Die Spieler gehen mal bis 5 Uhr weg, aber am nächsten Tag im Training gibt es trotzdem kein Erbarmen. Wenn der Schiedsrichter anpfeift, geben die 100 Prozent. Das ist heute noch genauso.

Als Gianluca sechs war, zog er mit seiner Mutter nach München. Sie sahen sich nur in den Ferien. Wie haben Sie seine fußballerische Entwicklung erlebt?

Wenn er zu Besuch war, habe ich ihn zum Kick mit meinen Bekannten mitgenommen. Da musste er sich gegen Ältere durchsetzen und konnte aber auch zaubern, das waren nicht alles ehemalige Aktive. Da hat man schon gesehen, wie er spielerische Lösungen findet. Mit 12, 13, 14 hatte er dann bereits seine Trainingspläne vom FC Bayern mit: Intervallläufe etc. Die haben wir zusammen umgesetzt. Beim Laufen bin ich aber oft nebenher geradelt – ich konnte nicht mehr mithalten.

Sie sagen, Ihr Sohn sei stärker als Sie. Warum?

Ganz einfach weil er gerade dabei ist, den Sprung beim FC Bayern zu schaffen. Ich war damals nur bei Waldhof Mannheim. Er trainiert mit Weltmeistern – ich habe erst in Stuttgart mit Guido Buchwald zu tun bekommen. Ich war 1990 leider nur auf Abruf, als Deutschland Weltmeister wurde. Generell finde ich Vater/Sohn-Vergleiche nicht zulässig: Andere Zeit, andere Typen. Ich war offensiver, heute spielen die 10er praktisch vor der Abwehr: Ein Xabi Alonso, ein Andrea Pirlo.

Anfang dieser Woche wurde über Gianluca geschrieben, er sei ein „Mozart am Ball“. Wie klingt das für Sie, als Papa und als Berater dieses Talents?

Das hört sich natürlich gut an und macht einen Papa stolz. Aber wichtig ist, dass wir das gut einordnen können. Er hat dem FC Bayern viel zu verdanken und hat es sich erarbeitet, da reinschnuppern zu dürfen. Er darf nicht abheben und nicht denken, es geht immer so weiter. Er muss viel tun, um dranzubleiben.

Sie selbst fuhren recht früh einen Ferrari – wann hat Gianluca einen?

(lacht laut) Heutzutage ist es den jungen Leuten, so glaube ich, nicht mehr so wichtig, ein schnelles Auto zu fahren – es kommt eher auf die Surfgeschwindigkeit im Internet an. Er kann sich Zeit lassen.

Das Interview führte Andreas Werner.

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