Neue CD des Ex-Profis

Scholl: Die anderen mochten meine Musik nicht

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Mehmet Scholl im Baader Café.

München - Als Mittelfeldspieler der Bayern war Mehmet Scholl (43) einer jener brillanten Köpfe, die mit ihrer Kreativität und Lust umhauten. Ein Kicker mit Kick. Doch der Vater dreier Kinder hat noch andere Passionen.

Eine davon ist die Musik, auch wenn er selbst kein Instrument spielt. Am Freitag erscheint seine jüngste CD-Zusammenstellung mit Songs und Bands, die er liebt.

Herr Scholl, können Sie sich an Ihre allererste Platte erinnern?

Mehmet Scholl: Ja, aber das darf man gar nicht mehr sagen. Das war Sometimes von Erasure. Ich hatte sie damals einer Mitschülerin geliehen – und sah, wie sie nach der Schule mit der Scheibe auf dem Gepäckträger davonradelte! Das war das erste und letzte Mal, dass ich eine Platte oder CD verliehen habe.

War Musik schon immer eine große Leidenschaft?

Scholl: Wenn ich eine Mark zu viel hatte, dann ging ich in den Plattenladen. Aber der erste Klick im Kopf weg vom Pop-Mainstream kam 1996 während der Fußball-EM in England.

Welcher Song?

Scholl: Einer war Don’t Look Back In Anger von Oasis. Doch es

17 Songs hat der Ex-Bayern-Star Mehmet Scholl versammelt, die er liebt – echte ­Indie-Perlen. Ab heute ist Miss Milla im Handel (Millaphon Records).

dauerte noch mal, bis ich endgültig Feuer gefangen hatte. So drei Jahre später sah ich auf MTV im Nachtprogramm drei Songs von drei Bands hintereinander, an die ich mich jetzt noch erinnere: Echo and the Bunnymen, Filter und Eels. Dann war’s um mich geschehen.
Und wie ging’s weiter?

Scholl: Ich ging in den WOM, habe mich schlau gemacht und mich dann ganz klassisch im Laden mit Kopfhörern durchgehört.

Spielen Sie denn selbst ein Instrument?

Scholl: Nein. Ich bin Theo­retiker und Genießer. Meine Hände sind zu nichts zu gebrauchen, und Notenlesen ist mir ein Gräuel. Das ging bei mir einfach nicht rein. Aber ich kann bei einem Lied Dur und Moll unterscheiden – das müsste reichen.

Sie sollen ja versucht haben, auf Ihre Kollegen vom FC Bayern während Ihrer aktiven Karriere geschmacksbildend einzuwirken …

Scholl: Es blieb beim Versuch. Bis ich gemerkt habe, dass es keinen Sinn hat. Wenn von 28 Leuten zehn im Bus sagen: Weg damit!, dann ist das vergebene Liebesmüh. Selbst Arcade Fire sind durchgefallen.

Hat Sie das persönlich verletzt?

Scholl: Nein, überhaupt nicht. Wir Spieler haben sehr offen miteinander geredet, da war in der Regel keiner mit dem anderen beleidigt.

Was muss ein guter Song in Ihren Augen und Ohren haben?

Scholl: Er muss mich zunächst mal neugierig machen. Er muss bei jedem Hören besser werden. Das ist ein Kriterium für Kunst: dass sie immer noch besser wird, je häufiger man sich mit ihr beschäftigt. Und: Ein Song darf nicht zu fröhlich sein, sonst nutzt er sich schnell ab. Die Lieder auf der neuen CD sind allesamt großartig. Sie sind zeitlos, weil sie keinem Trend folgen. Bis auf vier, fünf Bands auf der Scheibe habe ich alle live gesehen.

Wollen Sie mit Ihrem Mix den Jungs auch zu Erfolg verhelfen?

Scholl: Auch. Die meisten sind kaum bekannt und alles andere als reich. Dennoch beeinflussen sie schon wieder die nächste Generation. Da wächst ein großer Pool heran, der gegen den Mainstream schwimmt.

Was ist denn eines der wichtigsten Konzerte, das Sie besucht haben?

Scholl: Arcade Fire. Die spielten nach ihrem Debütalbum Funeral vor 200 Leuten in München. Diesen Zorn habe ich noch nie gehört. Wir sind sprachlos aus dem Konzert gegangen, bis ich zu meinem Spezl sagte: Wir haben gerade eine kommende Superband erlebt. Wenn man sie heute hört: Die Wut ist weg, die jüngste Scheibe ist ein reines Hipster-Album. Damit haben sie viele, viele echte Fans verloren – und wahrscheinlich ein Vielfaches an Mainstream-Hörern gewonnen.

Wie gefällt Ihnen eigentlich Rap?

Scholl: Ist nicht meines. Ich finde es schräg und schwierig, wenn junge Leute aus Deutschland aus gutbürgerlichem Haus einen auf Gangsta machen. Ich komme aus einem sozialen Brennpunkt in Karlsruhe, und man wollte nicht so sein wie diese Leute. Man ging ihnen aus dem Weg. Außerdem fehlt mir bei Rap und HipHop die Seele, das Handgemachte.

Sahen Sie den Fußball als Chance, berühmt und reich zu werden?

Scholl: Fußball war mein Anker. Ich habe das nie gemacht, um mal viel Geld zu haben. Es war meine Leidenschaft, es gab keine Alternative.

Gibt es Parallelen zwischen Fußball und der Musik?

Scholl: Ja, für mich ist es so: Bei beidem sind Menschen am Start, die fehlbar sind beim Ausüben ihrer Leidenschaft. Das macht sie verletzlich, und damit identifiziert man sich. Freud und Leid liegen nah beieinander.

Matthias Bieber

 

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