Vor dem Spiel gegen Bayern

Sky-Experte Erik Meijer über PSG: „Das ist ihre DNA: Tor, Tor, Tor“

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Sky-Experte Erik Meijer ist als meinungsfreudiger Analytiker bekannt.

Erik Meijer wird Dienstagabend wieder viel zu erklären haben. Bei Sky analysiert der Niederländer, der in der Bundesliga für den KFC Uerdingen, Bayer Leverkusen, den Hamburger SV und Alemannia Aachen spielte, die Champions League-Partien. Das Duell zwischen dem FC Bayern und Paris St. Germain ist für Meijer (48) immer noch ein Spitzenspiel. Ungeachtet der Ausgangslage nach dem 3:0 im Hinspiel.

Herr Meijer, zu Beginn der Gruppenphase schien die Partie Bayern – PSG das ganz große Finale zu sein. Entgeht Ihnen nun, da die Vorentscheidung um Platz eins bereits gefallen zu sein scheint, ein Spektakel?

Erik Meijer:  Nein, ich sehe das immer noch als sehr guten Test für beide. Für Paris, um zu sehen: Wie gut sind wir wirklich, wenn wir schon in der französischen Liga keine Gegenwehr bekommen? Selbst bei Mannschaften wie Monaco gewinnen sie ohne Probleme. Sie haben in der Liga schon 45 Tore geschossen. Eigentlich können sie sich den Druck nur in der Champions League holen. Celtic und Anderlecht waren keine Gegner, die haben sie weggefegt. Ich sehe Paris Saint Germain im Moment richtig, richtig stark.

Sie freuen sich uneingeschränkt auf das Spiel?

Meijer: Ich freue mich richtig drauf, weil ich interessant finde, wie große Trainer mit solchen Spielen umgehen. Wenn wir ehrlich sind, geht es ja um nichts, weil beide qualifiziert sind. Aber: Das ist der Moment, wo die Trainer den Reiz finden, um der Welt zu zeigen, auf welch gutem Weg sie sind. Um ihr Markenzeichen zu setzen.

„Ulreich hält jetzt zwei Klassen besser“

Und es steckt ja auch viel Zündstoff drin.

Meijer: Die Städte München und Paris. Deutschland und Frankreich. Große nationale Spieler, die wissen, dass sie im Spotlight stehen. Wenn die Bayern ihre beste Abwehr bringen können – Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba, davor Martinez –, dann bin ich mal gespannt, wie die Zaubertruppe aus Paris da auftrumpft. Auch gegen Sven Ulreich, der übrigens zwei Klassen besser hält als vor zwei Monaten. Da muss man ihn einfach mal loben.

Nicht nur sportlich ist die Brisanz ja enorm. Paris ist durch seine Wirtschaftskraft aktuell der Münchner Lieblingsfeind. Erst vor zehn Tagen auf der Jahreshauptversammlung haben die Bayern wütende Attacken geritten.

Meijer: Das finde ich ein bisschen übertrieben. Auch die Bayern schauen ja nicht zu sehr auf die Kleinen in Deutschland. Was das angeht, ist es Heuchelei. Jetzt, wo sie selber kleiner werden, wehren sich die Bayern plötzlich gegen die Entwicklung . . .

. . . von der sie umgekehrt profitieren. Am selben Abend wurde bekanntgegeben, dass der Transfer von Douglas Costa nach Turin perfekt ist. Für 46 Millionen Euro. Vor fünf Jahren wären es deutlich weniger gewesen.

Meijer: Acht Millionen. Und alle hätten gesagt: Guter Transfer.

Die Bayern müssten Dienstagabend 4:0 gewinnen, um Gruppensieger zu werden. Das wäre ein Weihnachtswunder, oder?

Meijer: Denke ich schon. Das kann man sich unter dem Christbaum wünschen. Nicht nur die Offensive von Paris ist ja stark, sondern auch die Defensive. Ein Gegentor in der Champions League, zwölf in der Liga. Das zeigt, dass da nicht viel anbrennt. Überwiegend sind das brasilianische Verteidiger, aufgestockt mit französischen Talenten.

Im Hinspiel hatte man trotz all der denkwürdigen Umstände, die schließlich zu Carlo Ancelottis Entlassung führten, phasenweise den Eindruck, die Bayern wären gegen PSG nicht chancenlos.

Meijer: Das hatte damit zu tun, dass Bayern in dieser Phase sehr gut gespielt hat. Wenn sie das mit noch höherer Qualität und Präzision hinbekommen, können sie es Paris sicherlich schwermachen und sie schlagen. Das wäre schön. Für Jupp Heynckes wäre es eine Bestätigung, dass er auch in den absoluten Topspielen Ergebnisse liefert. Die letzten Champions League-Spiele waren nicht überragend. Fast schon schwach.

Diese Art Verwaltungsfußball hatte viel damit zu tun, dass man Kräfte sparen und Verletzungen vermeiden wollte.

Meijer: Das verstehe ich auch. Im Gegensatz dazu haut Paris aber jeden Gegner 4:0, 5:0, 6:0 weg.

Mats Hummels hat als einziger Bayern-Profi vom Gruppensieg gesprochen.

Meijer: Das freut mich. Er hat einen gesunden Verstand und den Anspruch, der Beste sein zu wollen. Natürlich ist die Chance immer noch da. Du hast 90 Minuten. Stell dir vor, einer geht durch, Elfmeter, Rote Karte, 1:0! Direkt danach das 2:0, und du hast noch 70 Minuten, um gegen zehn Mann zu spielen. Wieso nicht?

Selbst dann hat Paris noch diese brandgefährlichen Individualisten.

Meijer: Das Hinspiel war ja so. Bayern hatte mehr Ballbesitz, und PSG hat Reaktionsfußball gespielt, das aber in Perfektion. Mit ihren schnellen Leuten Mbappé, Neymar, mit Cavani vorne – und mit ein bisschen Hilfe von Ulreich. Die können sie jetzt vergessen.

Erinnerungen an einen schlimmen Abend: Cavanis 2:0 im Hinspiel.

Worauf konkret muss Bayern am meisten aufpassen?

Meijer: Paris hat drei Spieler, die Tore schießen. Alle drei machen 15 bis 20, Minimum. Und jetzt schauen Sie mal auf Bayern: Wer macht da mehr als zehn? Nur Lewandowski! Sowohl der rechte als auch der linke Nebenmann kommen nicht auf diese Zahl. Das ist der Unterschied zwischen vielen Mannschaften und Paris St. Germain: Du hast drei Offensive, die Tore machen können, du hast noch Draxler in der Hinterhand. Und dahinter sind Leute, die auch in diesem Starensemble gerne diejenigen sind, die den finalen Pass auf Neymar und Cavani spielen. Thiago Motta, ein großer Mann, der schon alles gewonnen hat. Der opfert sich total auf, weil er weiß: Wenn ich mein Ding gut mache, sind wir als Mannschaft zehn Prozent besser.

Das ist ein großer Unterschied zu den letzten Jahren.

Meijer: Ja. Die Balance in dieser Mannschaft ist noch ein Stück weit gewachsen.

Paris St. Germain war jahrelang der Inbegriff eines zusammengekauften Teams. Jetzt nicht mehr?

Meijer: Ich denke, dass diese Jungs auf so hohem Niveau spielen, mit so viel Fußball-Intelligenz, dass sie sich ganz schnell gefunden haben. Das hat man ja schon im zweiten Spiel gesehen, das die drei zusammen bestritten haben. Die finden sich blindlings. Das Einzige, wovon man als Gegner profitieren kann, sind die großen Egos. Wenn in einem wichtigen Spiel der eine nicht querlegt, sondern selber den Erfolg sucht. Wenn das passiert, hat Bayern eine gute Chance.

Letzte Woche hat Cavani einen Elfmeter verschossen. Und Neymar war sauer.

Meijer: Oje. Das hatten wir schon.

Es war das große Thema vor dem Hinspiel. Haben Sie inzwischen eigentlich verstanden, was sich Ancelotti bei dieser Aufstellung gedacht hat?

Meijer: Darüber werde ich wahrscheinlich auch in meiner Analyse bei Sky reden: Ich hatte das Gefühl, dass Ancelotti unbedingt die Mitte zumachen wollte. Dadurch, mit zwei Sechsern, wollte er sechs Mann hinter den Ball bekommen. Und die anderen vier sollten die Freiheit haben, nach vorne alles zu machen, was möglich ist. Doch dann gerätst du 0:1 in Rückstand und hast eigentlich eine defensiv aufgestellte Mannschaft, die ein Tor machen muss. Das ist eine Weile gutgegangen, bis dann die Organisation mal nicht richtig klappte. Dann bekommst du das zweite. Und danach das dritte. Ancelotti wollte unbedingt zumachen, das war mein Gefühl.

Das erklärt, warum Leute wie Robben und Ribery fehlten. Aber warum Hummels? Warum der Abwehrchef?

Meijer: Das fanden wir alle seltsam.

Wir haben viel über PSG und den Reifeprozess gesprochen. Aber wie haben sich die Bayern international entwickelt?

Meijer: Bayern gehört international unter die besten Vier bis Acht. Aber es gibt jetzt einige, die so richtig an die Tür klopfen, um ihnen die Position streitig zu machen. 2013 hat Bayern den Titel gewonnen, aber jetzt sehen wir Manchester City, die bis vor ein paar Jahren immer in der ersten K.o.-Runde rausgeflogen sind. Wir sehen Paris, die echt gefestigt sind. Wir sehen wahrscheinlich fünf englische Mannschaften . . .

„Lewandowski ist die Achillesferse“

. . . wahrscheinlich sogar alle fünf als Gruppensieger. Alle könnten Bayerns nächster Gegner sein.

Meijer: Ja. Und jetzt ist es die Aufgabe der Bayern, dran zu bleiben und sich zu verstärken. Die Außenspieler sind noch immer gut, aber bald braucht man Neue. Bei Lahm und Kimmich hat es funktioniert. Boateng und Hummels, das geht noch eine Weile. Das ist Qualität in der Mitte. Alaba ist noch jung. Martinez hat das richtige Alter auf der Position. James hat sich echt gut entwickelt, das hätte ich nicht gedacht. Coman hat gute und schlechte Tage, aber immer mehr gute. Über Lewandowski brauchen wir nicht zu sprechen. Aber er ist auch die Achillesferse der Bayern. Wenn ihm etwas passiert, kannst du einen dicken schwarzen Stift nehmen und Bayern durchstreichen.

Sie reden die ganze Zeit von den Stammspielern. Dahinter wird es schon dünner.

Meijer: Ja. Rafinha ist ein netter Ersatz, aber er sollte keine 25 Spiele machen. Wenn Rafinha fünf Spiele am Stück macht, dann weißt du, dass das Niveau bei Bayern runtergeht. Süle – ein guter Einkauf! Aber für die Spiele, die zwischendurch sind. Er muss da reinwachsen. Vielleicht wird er der neue Boateng, aber momentan sicher noch nicht.

Im Herbst ist es immer schwierig zu sagen, wer im Sommer die Champions League gewinnt. Auf Real Madrid wäre man in den vergangenen Jahren um diese Zeit auch nicht unbedingt gekommen. Aber wer ist Ihr Favorit?

Meijer: Für mich am beeindruckendsten sind bisher die vielen Tore, die Paris geschossen hat. Und das unglaublich schnelle, agile Spiel von Guardiolas Truppe ManCity. Das sind die zwei, die in der Gruppenphase sehr auffällig waren. Dazu kommt das sehr schlechte Abschneiden von Atletico Madrid, das mäßige vom FC Bayern, das mäßige von Real. Und dann die englischen Mannschaften. Die könnten ein Stolperstein sein.

Mit 24 Toren hat PSG den Vorrundenrekord schon jetzt verbessert. Aber der Hunger wird noch nicht gestillt sein.

Meijer: Die da vorne haben das in der DNA. Tor, Tor, Tor. Schauen Sie Cavani mal in die Augen: Der will ein Tor machen.

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