Beckenbauer im Interview: "Wir waren an absoluten Weltstars dran"

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Ehrenpräsident Franz Beckenbauer erinnert sich gerne an früher

München - Im Interview spricht Franz Beckenbauer über Vergangenheit und Zukunft, erinnert sich an Weltstars, die beinahe gekommen wären und wie er selbst fast zum Sechz'ger geworden wäre.

Ehrenpräsident Franz Beckenbauer sieht neben dem Bundesliga-Aufstieg 1965 vor allem die Visionäre und Stars der „goldenen 70er Jahre“ als das große Fundament des heutigen Unternehmens FC Bayern München.

Im Bayern-Magazin spricht Franz Beckenbauer über Vergangenheit und Zukunft. Lesen Sie hier das Interview.

Franz Beckenbauer, Sie waren Jugendspieler, Profi, Kapitän, Trainer, Vizepräsident, Präsident, Aufsichtsratsvorsitzender, sind jetzt Ehrenpräsident, Ehrenspielführer und Ehrenmitglied. Welche Funktion in den über 50 Jahren hätten Sie gerne noch ausgeübt beim FC Bayern?

Beckenbauer:Wenn ich mir das so überlege, gibt es ja eigentlich gar nichts mehr, was ich nicht gemacht habe. Ich habe nichts ausgelassen – außer vielleicht Rasenmähen.

1958 kamen Sie als Jugendspieler vom SC 1906 München zu den Bayern. Die Watsch’n eines Sechz’gerspielers hat da sicherlich einen Beitrag geleistet. Trotzdem: Warum haben Sie bislang dem FC Bayern über 50 Jahre die Treue gehalten?

Beckenbauer: Die Watschn war damals der Auslöser, ganz klar. Ich war eigentlich ein Sechz’ger, ein Giesinger. Die Löwen-Spieler Zausinger und Mondschein waren meine Helden und dann kam eben die Watsch‘n, die alles veränderte und mich quasi zum FC Bayern trieb. Dass ich dem Verein so lange treu bleiben würde, konnte ich damals nicht wissen. Es gab 1964 auch noch einmal eine kritische Phase, in der ich fast zu 1860 gewechselt wäre. Wir spielten in der Regionalliga, die Löwen aber schon in der Bundesliga – da haben sie um mich geworben.

Wie konkret war das?

Beckenbauer:Ich hatte damals einen Zweitberuf in einem Stoffgeschäft. Da bin ich morgens hin, habe drei Meter Stoff für einen Anzug abgemessen und bin dann wieder gegangen. Der Besitzer hatte mich mehr oder weniger pro forma angestellt, weil er mich mochte – und mit dem Fußball durfte man damals ja noch nicht wirklich Geld verdienen. Jedenfalls stellte sich heraus, dass der Mann eingefleischter Sechz’ger war und vom Präsidenten über den Trainer bis zu den Spielern bei ihm alle ein- und ausgingen. So habe ich die alle kennengelernt und hatte auch engeren Kontakt. Wären wir 1965 nicht in die Bundesliga aufgestiegen, wäre ich sogar wahrscheinlich gewechselt, weil ich als junger Nationalspieler unbedingt in der Bundesliga spielen wollte. Der Aufstieg bildete also das Fundament, dass ich so lange beim FC Bayern blieb.

Erinnern Sie sich noch gerne an Ihre Anfänge als Jugendspieler Ende der 50er Jahre und als Jungprofi in den 60er Jahren? Was war schon damals das Besondere am FC Bayern?

Beckenbauer:An uns war noch nichts besonders, wie gesagt, die Sechz’ger waren die große Nummer in der Stadt: die waren Meister, Pokalsieger, standen im Europapokal- Endspiel. Die haben damals über Ingolstadt aus dem Flugzeug-Fenster geschaut und gelacht: „Da unten spielen heute die Bayern und wir fliegen nach London.“ Aber so war das Verhältnis damals. Die hatten eine recht alte Mannschaft, wir dagegen eine junge, hungrige Truppe. Und irgendwann haben wir sie dann überholt.

Hat es schon zu Ihrer Profizeit den heute viel gerühmten Familien-Charakter gegeben?

Beckenbauer:Das musste man damals nicht extra heraufbeschwören – es war einfach so. Natürlich auch dadurch bedingt, dass die meisten Spieler ohnehin aus der Region kamen: Der Gerd, der Sepp, Nafziger, Brenniger, ich. Der Rainer Ohlhauser kam aus Sandhausen, das war damals schon eine halbe Weltreise weg, heute ist es ein Vorort von München, wenn’st so willst. Es war alles sehr bodenständig und hatte auch einen familiären Charakter. Aber das war in jedem Klub so. Als ich angefangen habe, war die Geschäftsstelle noch in der Sonnenstraße – da gab es zwei Angestellte: Geschäftsführer Walter Fembeck und seine Sekretärin Frau Maier. Da haben wir unser Gehalt tatsächlich noch in Lohntüten bekommen, bar ausgezahlt. Und es lief jedes Mal gleich ab: Man musste zu Fembeck ins Büro, höflich nach dem Lohn fragen, dann hat er dir die Tüte hingeworfen und dich mit einem „und jetzt schleichst di!“ verabschiedet. Das war einmalig!

Aber der Betrag hat jedes Mal gestimmt?

Beckenbauer:Da fehlte nix – obwohl mehr drin war, als eigentlich erlaubt. Damals war gehaltstechnisch ja alles reglementiert, ich glaube, das höchste für Spieler wie Uwe Seeler waren 400 Mark im Monat – inklusive Prämien! Deswegen wurden uns Spielern ja durch diese Jobs weitere finanzielle Hilfen zugeschanzt, so dass wir auch damals schon ganz gut verdient haben.

Hätten Sie damals, vor den ersten großen Erfolgen, dem Klub diese famose Entwicklung zugetraut?

Beckenbauer:Schwer zu sagen, weil uns ohne das Fernsehen die Vergleiche mit europäischen Topklubs wie Inter oder AC Mailand fehlten. Wir sind damals mehr oder weniger von einem Schritt in den nächsten gestolpert. Der Schub kam erst Anfang der 70er Jahre, mit Udo Lattek als Trainer und dem Stamm von sechs Spielern, die zunächst Europameister und dann Weltmeister wurden. Damals haben wir, auch durch den Umzug ins Olympiastadion, einen Quantensprung gemacht vom Amateurstatus hin zu professionellen Strukturen, die die großen Erfolge im Europapokal der Landesmeister – und damit den Unterbau des heutigen Vereins – erst ermöglichten.

Sie galten Anfang der 70er Jahre als einer der ersten „fußballspielenden Pop-Stars“. Wie erklären Sie sich, dass der Fußball plötzlich diesen Stellenwert bekam?

Beckenbauer:In den 60er Jahren war Fußball noch ein Proletensport, freilich haben die Spieler zu Oberligazeiten auch noch alles dafür getan – da gibt es Geschichten, da brichst du zusammen. Aber nachdem immer mehr Spiele übertragen wurden, entwickelte sich dieser Sport zu einem gesellschaftlichen Ereignis, das Fernsehen hat dazu schon gewaltig beigetragen.

Es hat viele wichtige Baumeister gegeben, die sich um das heutige Bayern-Gebilde verdient gemacht haben. Wer waren für Sie die wichtigsten?

Beckenbauer:Jeder hat seinen Teil in der Geschichte beigetragen. Aber herausstellen würde ich Präsident Wilhelm Neudecker und Manager Robert Schwan in den 60er und 70er Jahren, die Weitblick bewiesen und erkannten, wie wichtig eine Heimat für den Verein ist und die Geschäftsstelle an der Säbener Straße bauen ließen. Die beiden waren die ersten Visionäre. Wir Nachfolger, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Karl-Hopfner, Fritz Scherer und ich, haben das dann fortgeführt.

Welche Spieler neben Ihnen werden immer ihren festen Platz in der Ruhmeshalle des Klubs haben?

Beckenbauer:Es gibt einige, aber vor allem Sepp Maier und Gerd Müller haben für diesen Verein Unbeschreibliches geleistet. Der Gerd ist für mich der beste Torjäger, den es jemals gegeben hat. So wie er getroffen hat, das war einzigartig. Ich bin der Meinung, dass er heute noch genau die gleichen Tore machen würde, und wahrscheinlich sogar mehr, weil er durch die Raumdeckung viel mehr Freiheiten hat als früher, als ihm immer zwei, drei Gegner auf den Füßen gestanden sind.

Auch Sie haben großen Anteil an der Erfolgsstory des FC Bayern. Worauf sind Sie da vor allem stolz?

Beckenbauer:Stolz bin ich auf gar nichts, das hat sich halt alles so ergeben. Aber ich schaue zufrieden auf die vergangenen 50 Jahre zurück und bin glücklich, noch heute Teil dieser Bayern-Familie zu sein. Das wichtigste und emotionalste Ereignis für mich war tatsächlich der Aufstieg in die Bundesliga. Der Europapokalsieg 1974 hatte sich für mich dagegen über ein, zwei Jahre angedeutet. Wir waren zusammengewachsen und eingespielt, das war einfach eine richtig gute Mannschaft.

Sie werden auf Ihren vielen Reisen ins Ausland sicherlich oft auf den FC Bayern angesprochen. Was ist „draußen in der Welt“ so die vorrangige Meinung über den Rekordmeister?

Beckenbauer:Ganz klar: Respekt und Anerkennung. Der FC Bayern wird international in einem unglaublich positiven Licht gesehen – und interessiert die Leute auf der ganzen Welt. Das merke ich jedes Mal, wenn wir ein Treffen der Fifa-Exekutive haben: Egal woher die Mitglieder kommen, ob aus Afrika, Asien oder Südamerika, die erste Frage ist immer: Was ist los bei beim FC Bayern?

Was fasziniert die Millionen Fans weltweit am FC Bayern?

Beckenbauer:Der Weg des Vereins zu dem, was er heute darstellt. Wir hatten nie Investoren, haben nie über die Stränge geschlagen – aber wir waren immer erfolgreich. Das honorieren die Leute und fragen sich, wie wir das anstellen. Natürlich hatten wir auch mal davon geträumt, einen absoluten Weltstar zu verpflichten. Wir waren Anfang der 90er Jahre etwa an Ruud Gullit oder George Weah dran, aber letztlich ist das immer an Kleinigkeiten gescheitert – heute müssen wir wohl sagen, zum Glück.

Unabhängig des Geldes: Warum muss man sich als Spieler einfach wohlfühlen beim FC Bayern?

Beckenbauer:Ich denke, dass die Mentalität des Vereins, unbedingt gewinnen zu wollen, den Top-Spielern schon zuspricht. Jeder, der hier herkommt, weiß, dass er zwar Leistung bringen muss, aber dann auch etwas erreichen wird. Außerdem ist München eine Stadt, in der man wunderbar leben kann, mit einer traumhaften Umgebung und einem hohen Freizeitwert im Sommer wie im Winter. Das alles zusammengezählt kann dir kaum ein Verein bieten – in Deutschland schon gleich gar nicht.

Sie sind nach vielen erfolgreichen Jahren aus der Führungsriege des FC Bayern ausgeschieden. Liegt das Beckenbauer-Erbe bei Karl-Heinz Rummenigge, Karl Hopfner, Christian Nerlinger und dem Präsidium um Uli Hoeneß in guten Händen?

Beckenbauer:Wir sind diesen Weg ja in den vergangenen 15 Jahren gemeinsam gegangen. Und ich hoffe, dass diese Konstellation noch einige Zeit anhalten wird, weil man dann sicher sein kann, dass nichts Dummes passiert und der FC Bayern weiterhin das Aushängeschild des deutschen Fußballs bleiben wird. Der Klub ist auf einem guten Weg.

Was wünschen Sie dem FC Bayern zum 110-jährigen Jubiläum? Und wie, glauben Sie, wird sich das Aushängeschild des deutschen Fußballs in Zukunft weiterentwickeln?

Beckenbauer:Ich wünsche dem FC Bayern, dass er als Verein weiterhin so polarisiert und die Menschen emotional bewegt und die Verantwortlichen weiter so vernünftig wirtschaften wie bisher. Die beiden wichtigsten Entscheidungen der vergangenen zehn Jahre, nämlich der Bau der Allianz Arena und die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft, wurden mit Bravour gemeistert, so dass dem Verein in den kommenden Jahrzehnten nichts passieren kann. Im Gegenteil: Der FC Bayern steht heute wieder vor einer vielversprechenden Zukunft – so wie wir damals nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1965.

Quelle: Bayern-Magazin

Die 16 Richtlinien des FC Bayern

Sehen Sie hier die 16 "Mia san mia"-Leitsätze zum Durchklicken. © 
01. Mia san ein Verein: Unsere Herkunft, Entstehung und Geschichte liegt in einer gemeinnützigen Idee eines Vereins, die wir bis heute leben. © Quelle: Bayern-Magazin
02. Mia san Botschafter: Durch unser Auftreten im In- und Ausland haben wir ein großes Maß an Verantwortung. Jeder Spieler, Trainer, Manager, Betreuer und Angestellte trägt mit seiner Persönlichkeit nicht nur zum Image des FC Bayern, sondern zu einem Bild des Clubs in der Öffentlichkeit bei. © Quelle: Bayern-Magazin
03. Mia san Vorbilder: Auf und neben dem Platz sind wir Vorbilder für die Jugend. An unseren Werten und wie wir diese leben orientieren sich die Sportler von morgen. © Quelle: Bayern-Magazin
04. Mia san Tradition: Wir haben eine lange und erfolgreiche Geschichte und die Entwicklung des Fußballs maßgeblich mitgeprägt. Darauf können wir stolz sein. © Quelle: Bayern-Magazin
05. Mia san Innovation: Die Verbesserung auf allen Ebenen unserer Arbeit ist unser Ansporn. Ob sportlich, administrativ, technologisch oder zwischenmenschlich, lernen wir täglich dazu und wollen Maßstäbe setzen und Vorreiter als einer der Topclubs der Welt sein. © Quelle: Bayern-Magazin
06. Mia san Selbstvertrauen: Wir gehen in jedes Spiel, um zu gewinnen. Neunzig Minuten spielen wir mutig nach vorne und setzen unser Spiel durch. Wir haben stets das Heft in der Hand. © Quelle: Bayern-Magazin
07. Mia san grenzenlos: Unsere Wurzeln und Werte resultieren aus der Entwicklung unseres Landes. Durch unsere kulturelle Vielfältigkeit und die Erfahrungen, die wir in der täglichen Arbeit mit unseren Spielern machen, verbinden wir unsere Tugenden mit globaler Denkweise und verbessern unser Spiel. © Quelle: Bayern-Magazin
08. Mia san Fußball: Ob alt oder jung, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, ob Champions League oder Kreisklasse, wir sind Fußball zum Anfassen und Mitspielen. Für uns ist die „schönste Nebensache der Welt“ einfach unsere Berufung. © Quelle: Bayern-Magazin
09. Mia san Respekt: Ob Spieler, Geschäftsstellenmitarbeiter, Betreuer, Vorstand, Trainer, Aushilfen oder Präsidium – ohne unseren respektvollen Umgang im Team wären wir nicht auf diesem Weltklasseniveau. © Quelle: Bayern-Magazin
10. Mia san Freude: Wir freuen uns am Spiel, an der Arbeit, am Gewinnen, am Wettbewerb, am Tore schießen, am Zweikampf, an der Gemeinschaft und am Teamgeist. Dies alles treibt uns täglich an. Aber wir akzeptieren auch Niederlagen. © Quelle: Bayern-Magazin
11. Mia san Treue: Über zwölf Millionen Fans bekennen sich allein in Deutschland zum FC Bayern, zehntausende reisen von weit her zu unseren Spielen an. Alles für 90 Minuten Leidenschaft. © Quelle: Bayern-Magazin
12. Mia san Partner: Zu unseren Fans, Fanclubs, Mitgliedern und Sponsoren pflegen wir ein partnerschaftliches Verhältnis. Doch wir wollen darüber hinaus zuverlässige, verlässliche Freunde sein. Wir leben und entwickeln den Sport mit all seinen Facetten zusammen weiter. © Quelle: Bayern-Magazin
13. Mia san Heimat Der FC Bayern München ist überall auf der Welt zu Hause. Doch wir wissen, wo wir daheim sind. © Quelle: Bayern-Magazin
14. Mia san Motor: Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, wie viel Energie im FC Bayern steckt. Dies gibt uns allen Selbstvertrauen und ist Motivation für die Zukunft. © Quelle: Bayern-Magazin
15. Mia san Verantwortung: Unserem gemeinnützigen Auftrag werden wir gerecht durch verantwortungsvolles Handeln. Vorbildlich kümmern wir uns um den Menschen. Toleranz, Hilfsbereitschaft und Fairness sind uns Verpflichtung. © Quelle: Bayern-Magazin
16. Mia san Familie: Auch nach einer aktiven Karriere ist unsere Tür für alle offen. Wir stehen ein Leben lang zusammen. © Quelle: Bayern-Magazin
Mia san mia. © Quelle: Bayern-Magazin

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