Michael Henke: Mein neues Leben in Teheran

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Michael Henke war beim FC Bayern Assistent von Ottmar Hitzfeld

München - Der ehemalige FC-Bayern-Co-Trainer Michael Henke führt als Coach bei Esteghlal im Iran ein ganz anderes Leben. Im großen tz-Interview erklärt er seinen neuen Alltag in Teheran.

Herr Henke, erzählen Sie von Ihrem Leben in Teheran. Ist das mit Deutschland vergleichbar?

Henke: Vergleichbar nicht, weil ich hier alleine bin. Meine Familie ist ja in Deutschland geblieben. Das ist ein wichtiger Punkt. Ansonsten kann ich mich hier frei bewegen, einkaufen, im Restaurant etwas essen, im Café was trinken. Ich habe festgestellt, dass die normalen Dinge, also Essen, Trinken, Wohnen, Leben, problemlos möglich sind. Es ist halt ein Trainerleben, ich konzentriere mich voll auf den Job. Aber ich habe über die deutsche Botschaft einige Bekanntschaften geschlossen und treffe mich zweimal die Woche mit Ralf Zumdick, der bis vor Kurzem für den Konkurrenzverein Persepolis gearbeitet hat.

Die Bayern-Trainer der letzten 15 Jahre: Darum mussten sie gehen

Pep Guardiola hat beim FC Bayern seit dem 01.07.2013  den Trainer -Posten inne (hier gibt's alle News zu Pep Guardiola). Doch wie erging es eigentlich seinen Vorgängern? Verschaffen Sie sich hier einen Überblick. © sampics / Kerstin Leicht
Ottmar Hitzfeld (1. Juli 1998 bis 30. Juni 2004) -Erfolge: Deutscher Meister 1999, 2000, 2001, 2003, Pokalsieger 2000 und 2003, Gewinner der Champions League 2001, Weltpokal 2001 © AFP
Situation bei Vertragsende: kein Titel - 2. in der Bundesliga, ausgeschieden im Viertelfinale des DFB-Pokals (1:2 bei Alemannia Aachen), ausgeschieden im Achtelfinale der Champions League (gegen Real Madrid). © AFP
Felix Magath (1. Juli 2004 bis 31. Januar 2007) -Erfolge: Deutscher Meister und Pokalsieger 2005 und 2006 © AFP
Situation bei Vertragsende: 4. in der Bundesliga (nach einem 0:0 gegen den VfL Bochum), ausgeschieden im Achtelfinale des DFB-Pokals (2:4 bei Alemannia Aachen), Achtelfinale der Champions League. © AFP
Ottmar Hitzfeld (1. Februar 2007 bis 30. Juni 2008) - Erfolge: 4. in der Bundesliga 2007, Einzug in den UEFA-Cup - deutscher Meister und Pokalsieger 2008 © AFP
Situation bei Vertragsende: Deutscher Meister und Pokalsieger 2008, ausgeschieden im Achtelfinale der Champions League (gegen Real Madrid). © AFP
Jürgen Klinsmann (1. Juli 2008 bis 27. April 2009) - Erfolge: keine © AFP
Situation bei Vertragsende: 3. in der Bundesliga (nach einem 0:1 gegen Schalke 04), ausgeschieden im Viertelfinale des DFB-Pokals (2: 4 bei Bayer Leverkusen), ausgeschieden im Viertelfinale der Champions League (gegen FC Barcelona) © AFP
Jupp Heynckes (28. April 2009 bis 30. Juni 2009) © AFP
Situation bei Vertragsende: 2. in der Bundesliga, Einzug in die Champions League © AFP
Louis van Gaal (1. Juli 2009 bis 10. April 2011) -Erfolge: Deutscher Meister und Pokalsieger 2010, Finalteilnahme in der Champions League 2010 (0:2 gegen Inter Mailand) © AFP
Situation, als die Trennung beschlossen wurde: 4. Platz in der Bundesliga (nach einem 1:3 bei Hannover 96), ausgeschieden im Halbfinale des DFB-Pokals (0:1 gegen Schalke 04), Achtelfinale der Champions League (1:0 im Hinspiel bei Inter Mailand). © AFP
Andries Jonker (10.04.2011 - 30.06.2011) © AFP
Situation bei Vertragsende: 3. Platz, berechtigt zur Champions-League-Qualifikation. © AFP
Jupp Heynckes (1. Juli 2011 - 30.06.2013): © dpa
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Aber Sie fallen auf, oder?

Henke: Natürlich, und das ist nicht einfach. Wenn ich in ein Geschäft gehe, dann zahle ich das Doppelte und Dreifache wie ein Einheimischer. Die Weihnachtsgeschenke beispielsweise habe ich im Geschäft ausgesucht, und mein Übersetzer hat sie dann für mich gekauft. Oder wenn ich mir mal ein Taxi nehme, rufe ich meinen Dolmetscher an und gebe dann das Handy an den Taxifahrer weiter. Der Dolmetscher sagt ihm dann, wo es hingehen soll und verhandelt den Preis. Mit Englisch kommt man hier kaum weiter.

Wie ist denn das Klima?

Henke: Wunderbar. Die Teheraner sind sehr stolz darauf, dass sie vier echte Jahreszeiten haben. Wenn ich dann höre vom Schmuddelwetter in Deutschland, dann bin ich sehr froh über das Klima hier. Vor einer Woche hat es noch mal ordentlich geschneit, man schaut hier auf schneebedeckte Berge im Norden, das sieht fantastisch aus. Im Sommer ist es sehr warm, da kann es im Süden auch mal 55 Grad werden. Aber es ist eine sehr trockene Luft, sehr angenehm.

In der Stadt ist es vermutlich sehr hektisch?

Henke: Ja. Die Verkehrssituation in Teheran ist so krass, dass normale Autobesitzer in bestimmte Bezirke nur an speziellen Tagen reinfahren dürfen. Die Taxis dürfen natürlich überall hin, deswegen fährt man eigentlich immer Taxi.

Gibt es auch Alkohol?

Henke: Nein, nirgends, nicht einmal in Hotels. Aber privat, also auf Feiern. Und dann auch nicht wenig, muss ich sagen. Ich wundere mich immer, wo das herkommt. Am 3. Oktober zum Beispiel gab es eine große Feier in der deutschen Botschaft. Da gab es offiziell Bier. Okay – es war DAB. Aus der Dose. Aber dafür bis zum Abwinken…

Wie begegnen Ihnen denn die Einheimischen? Immerhin gibt es ja jetzt das EU-Embargo auf Iran-Öl…

Henke: Die Iraner sind sehr unpolitisch, die sagen immer lapidar: Das Theater kennen wir schon seit 30 Jahren, da wird viel getrommelt. Die machen sich da keine Sorgen. Viel schlimmer ist, dass die einheimische Währung innerhalb eines Jahres um 30 Prozent an Wert verloren hat. Für den normalen Iraner wird deswegen alles teurer.

Ist von dem Embargo etwas zu spüren?

Henke: Nein. Ich bekomme ohnehin mehr über das ZDF mit, als hier vor Ort. Die Leute in Deutschland machen sich mehr Sorgen als ich selbst.

Kürzlich wurde die britische Botschaft angegriffen.

Henke: Das war hier ums Eck, ja. Aber das muss wohl halb so wild gewesen sein. Da sind ein paar Scheiben kaputt gegangen. Die meisten sagen, das war nur inszeniert.

Wie ist die Sicht der Iraner auf Deutschland?

Henke: Das ist sehr angenehm. Deutschland hat einen enorm guten Ruf. Das ist schon auffällig: Wenn man sagt, dass man deutsch ist, gehen automatisch die Herzen auf. Auch deutsche Firmen haben einen enormen Stellenwert. Adidas zum Beispiel ist allgegenwärtig. Überall drei Streifen. Auch auf LKW oder so, also auf Dingen, die mit Sport nichts zu tun haben. Meist natürlich Fälschungen. Kürzlich hing hier vor einem Sportgeschäft ein riesiges Schweinsteiger-Plakat.

Aber der Westen ist doch der Feind…

Henke: Das sagt die Regierung, aber davon merkt man hier nichts. Es gibt eine Trennung zwischen Regierung und Volk. Das sind zwei Welten. Im Grunde gibt es für die herrschende Klasse keine Sympathien.

Haben Sie selbst Anfeindungen erlebt?

Henke: Überhaupt nicht. Für die bin ich der gute Deutsche. Alle sind sehr freundlich.

Zum Sportlichen: Wie groß ist die Fußballbegeisterung im Iran?

Henke: Groß. Es gibt hier sechs, sieben Zeitungen, die täglich über Fußball berichten. Es gibt im Iran eine richtige historisch begründete Fußballkultur. Fußball ist hier Volkssport, noch vor Ringen und Gewichtheben.

Was genau ist Ihr Job?

Henke: Ich bin quasi Co-Trainer, in der Form, dass ich für 100 Prozent des Trainings zuständig bin. Also Planung und Durchführung. Der Verein hat sich quasi Knowhow eingekauft, das sie hier vor Ort nicht haben. Ich habe einen sehr erfahrenen älteren Cheftrainer, einen großen Trainerstab, mit Torwart- und Fitnesstrainer und zwei zusätzlichen Co-Trainern. Was die sollen, weiß ich nicht, aber der eine hat einen berühmten Vater und dann bekommt man so einen Job. Das läuft halt hier so. Dazu bin ich direkter Berater des Klub-Präsidenten, mit dem ich mich regelmäßig austausche. Nur leider hat er mich nicht gefragt, als er jetzt im Winter unseren besten Stürmer verkauft hat. So ist das hier. Ich bin also so eine Mischung aus Sportdirektor und Trainer.

Also sind Sie auch für Transfers zuständig?

Henke: Auch, ja. Wobei das hier sehr schwierig ist, wie ich festgestellt habe. So habe ich meinem Präsidenten einige Spieler aus Deutschland und Europa vorgeschlagen. Die wurden aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt, weil bei Transfers rechts und links überall mitverdient wird. Und da geht es oft nicht nach Leistung. So wurden im Winter Spieler geholt auf Positionen, die wir gar nicht brauchen. Da stoße ich an meine Grenzen. Da redet man schlau, hat ein nettes Gespräch mit dem Präsidenten und am Ende macht er alles anders.

Aber im Moment sind Sie ziemlich erfolgreich…

Henke: Ja, wir sind Tabellenführer und im Pokalfinale. Im Moment schaut es gut aus, aber die Leute werden hier auch schnell nervös. Der Iraner ist entweder Fan von Persepolis oder von uns. Wir sind der königliche Klub, Persepolis ist der Arbeiterklub. Zum Derby kommen da 110 000 Zuschauer in unsere Riesenschüssel. Da gehts richtig zur Sache. Das ist vergleichbar mit der Türkei, wenn es nicht läuft, können die auch mal ungemütlich werden. Die beiden Klubs haben im Iran sicher jeder 30 Millionen Fans. Und jedes Spiel dieser beiden Mannschaften wird live übertragen. Deswegen spielen wir auch nie parallel.

Wie viel verdienen Sie? Vergleichbar mit Katar?

Henke: Nein. Da ist ein Unterschied zu solchen Ländern. Man kann hier schon gut verdienen, sonst wäre ich ja auch nicht hier. Das Problem ist: Man muss dem Geld immer hinterherrennen, muss einen wasserdichten Vertrag haben, teilweise Druck machen, dass die zahlen. Aber bis jetzt ist auch das einigermaßen gut gelaufen.

Wie lange bleiben Sie noch?

Henke: Mein Vertrag läuft bis zum Sommer 2013, mit der Option, dass ich jetzt im Sommer entscheide, ob ich das zweite Jahr mache. Im Moment sieht es eher so aus, also ob ich zurückkomme. Man lernt Deutschland schon zu schätzen.

Was vermissen Sie am meisten?

Henke: Geordneten Autoverkehr. Und Preisschilder. Hier muss man bei allem, was man kaufen will, feilschen. Das ist nicht meine Mentalität. Es ist oft so: Ich fahre mit dem Taxi zum Training, kostet sechs Dollar. Am nächsten Tag sagt der Fahrer: Zehn Dollar. Am Anfang habe ich das mitgemacht, heute sage ich: Gestern habe ich fünf Dollar bezahlt, ich gebe dir sechs. Das klappt, ist aber eine Lüge und gibt mir deswegen kein gutes Gefühl. Deswegen bin ich froh, wenn es wie in Deutschland feste Preise gibt.

Interview: Jan Janssen

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