Moderator Beisenherz im tz-Interview

"Viermal Meister Bayern? Das kann niemand wollen"

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Micky Beisenherz.

München - Micky Beisenherz ist Dschungel-Autor, und dabei ist er ziemlich frech. Nebenbei ist er noch großer BVB-Fan. Die tz traf ihn zum Interview vor dem Duell FCB gegen BVB.

Micky Beisenherz ist Dschungel-Autor, und dabei ist er ziemlich frech. Außerhalb Australiens trifft er aber auch bei Themen rund um wichtige Personen und ernsten Problemen einen Ton, der ankommt – ob als Stern-Kolumnist oder Moderator von „das Lachen der Anderen“ (WDR). Nebenbei ist er noch großer BVB-Fan, vor dem Knallerspiel am Sonntag kommt im tz-Interview nun alles zusammen.

Herr Beisenherz, rechtzeitig zum großen Spiel hat der BVB die Spannung rausgenommen. Unentschieden gegen Hoffenheim und Darmstadt, wie konnte das passieren?

Micky Beisenherz: Wir wussten aus Erfahrung, dass sieben Siege aus den ersten sieben Spielen schlecht für die Moral sind. Wir haben rechtzeitig den Fuß vom Gas genommen, um die Sinne zu schärfen. Clever von uns. Und so volksnah. Außerdem fehlt uns der Bayern-Dusel wie gegen Augsburg. Der Bayern-Dusel – das schönste Comeback seit Howard Carpendale.

Man hat auch zum ersten Mal Thomas Tuchel in Rage erlebt. Welches Gesicht kann böser sein – das von Jürgen Klopp, oder vielleicht tatsächlich irgendwann mal das vom neuen BVB-Trainer?

Micky Beisenherz: Wahrscheinlich das von Tuchel. Er hat ja sehr wenig Fett im Gesicht. Mit der entsprechenden Wut sieht man da schnell mal aus wie das Maskottchen von Iron Maiden.

Trotzdem: Hatten Sie so einen Saisonstart erwartet? Kommentatoren aus den 80ern würden wohl behaupten, dass an einer Menge „Stellschrauben gedreht“ wurde ...

Micky Beisenherz: Oder Fritz von Thurn und Taxis. Was ja dasselbe ist. Klopp hat diesem tollen Verein einen letzten großen Dienst erwiesen, sich selbst auszutauschen. Ansonsten hätten sechs, sieben Spieler gehen müssen. Hummels, Subotic, Gündogan, und, und, und. Er wusste, er hatte sich abgenutzt. Was völlig normal ist. Aber nicht jeder hat dann den Schneid, den Stuhl von sich aus zu räumen. Jetzt muss sich jeder wieder neu beweisen, und verdammt nochmal, plötzlich spielen sie wieder wesentlich variabler und spritziger. Sogar Micki trifft! Das schien in der letzten Saison so wahrscheinlich wie ein sauberer VW.

Dennoch sind es vier Punkte Rückstand auf den FC Bayern, mit einer Pleite am Sonntag schon sieben. Sieht man die Partie rund um Dortmund jetzt schon als „Endspiel am 8. Spieltag“?

Micky Beisenherz: Tja. Zu Beginn der Saison hatte ich die Meisterschaft wirklich nicht als Ziel vor Augen. Die letzte Saison hat da ganz ordentlich geerdet. Dann kam dieser Superstart, und das weckt schnell Begehrlichkeiten. Da kannste nix machen. Das ist so.

Hat man als BVB-Anhänger das Gefühl, ganz Deutschland fiebert mit Schwarzgelb mit? Wollen Sie das überhaupt?

Micky Beisenherz: Viermal Meister Bayern? Das kann niemand wollen. Nicht mal die Bayern selbst. Es ist schon wichtig, dass es zwei, drei andere Teams gibt, die da oben an der Spitze für Spannung sorgen. Muss ja nicht gleich Wolfsburg sein.

Früher waren Spiele gegen den FCB schon dann interessanter, wenn Robben oder Ribéry fehlten. Jetzt fehlen beide und man fragt sich dennoch: Haben die Bayern eine Schwäche?

Micky Beisenherz: Seitdem Sammer gekommen ist und alle besser gemacht hat, keine mehr. Und, Entschuldigung: Douglas Costa. Für 30 Millionen? Das ist bei der aktuellen Marktlage ein absolutes Schnäppchen! Davon abgesehen: Wenn Lewa ab sofort nur noch halb so viele Tore machen würde - es wäre immer noch ziemlich viel. Lewandowski - das wäre auch einer für den BVB, finde ich.

Was beide Klubs eint: vor der Saison mussten große, verdiente Spieler gehen. Bei den Roten Bastian Schweinsteiger und Claudio Pizarro, beim BVB Kuba und Großkreutz. Wie sehen Sie das? Und sind Sie als Anhänger mehr der kühle Stratege, der nur den profitabelsten Kader und größtmöglichen Erfolg im Kopf hat, oder eher der schalbehangene Fahnenschwenker mit dem Lars-Ricken-Tattoo auf dem Oberarm?

Micky Beisenherz: Erst einmal muss ich sagen: Lars Ricken ist ein ausgesprochen feiner Kerl. Okay, tätowieren würde ich ihn mir nicht. Ich bin ja nicht Sophia Thomalla. Letzten Endes bin ich wohl beides: Leistungsorientierter Fanstratege und emotionsbesoffener Prinz Schals. Man will ja in der Regel beides. Sympathische Leistungsträger. Da habt ihr im Süden mit Thomas Müller ja z.B. jemanden, der einfach alles bedient: Weltklassespieler, Maskottchen, Pressesprecher. Großartiger Typ. Da ist bei uns noch Luft nach oben. Vor allem jetzt, da Kloppo weg ist. Der war ja gefühlter Ministerpräsident des Landes NRW.

Was beide Klubs noch verbindet, ist ihr Engagement in der Flüchtlingsproblematik. Auch für Sie ein großes Thema...

Micky Beisenherz: Ich bin ja nicht blind. Wenn ein Land sich in zwei Lager spaltet, ist es wichtig, auf der richtigen Seite zu stehen. Wenngleich ich zugeben muss, dass wir Humoristen uns es manchmal auch zu leicht machen. Es gibt eine große graue Masse in der Bevölkerung, die weder rechts noch links ist, sondern einfach nur berechtigterweise fragt: „Wie soll das denn jetzt weiter gehen?“ Da zerstört man mit der Humorkeule mitunter schon mal einen möglichen Dialog. Davon ab gibt es natürlich unfassbar viele Arschlöcher, die es wiederum verdienen, dass man ihnen den selbstgerechten Arsch versohlt. Den „Wir helfen“- Badge des Mutter Teresa-Ordens BILD würde ich dennoch nicht tragen. Ich denke, die Bundesligisten werden sehr genau verfolgt haben, was mit einem Club wie St. Pauli passiert, der aus der Aktion ausschert. Das war sehr unschön.

Was macht es mit Ihnen, wenn im Stadion von links oder rechts hassvoll über Hilfesuchende gesprochen wird?

Micky Beisenherz: Im Stadion wird meistens nur hasserfüllt gesprochen, wenn ich wegen meiner Schusseligkeit meinem Vordermann wieder mal ein Bier in den Nacken kippe. Davon ab: Ein Land, in dem Menschen in Sichtweite der Flüchtlinge draußen vor dem Apple Store schlafen, um als erste das neue iPhone zu kriegen, soll bloß die Fresse halten, wenn es darum geht, ob unsere finanziellen Mittel erschöpft sind. Vor allen, wenn der Tag der deutschen Einheit sich gerade zum 25. Mal jährt.

Hat der Fußball das Potenzial, bei gesellschaftlichen Themen zu vermitteln, aufzuklären?

Micky Beisenherz: Es ist ja leider im Fußball nicht anders: Wenn er tolle Leistungen bringt, ist das „ein wunderbarer Neger“. Ist der Spieler keine echte Fachkraft, wird auf den Rängen schnell mal in die finstere Kiste gegriffen. Trotzdem: Schaut man beispielweise mal nach Italien, Lazio Rom oder so, sind wir in puncto Toleranz gegenüber Andersartigen deutlich weiter. „Andersartig“- ein komisches Wort, oder? Ja, der Fußball hat eine große Kraft, keine Frage. Ich bin mir sicher, Sigmar Gabriel strickt bereits jetzt schon „Acker“- mäßig an seiner Bezirksligaheldensage. Der Volkssport Nummer eins hat großen gesellschaftlichen Einfluss. Ich hätte es dennoch schöner gefunden, wenn z.B. Hitzlsperger sich während der aktiven Karriere zum Schwulsein bekannt hätte. „Zum Schwulsein bekennen“- noch so ein schrecklicher Begriff. Gott, sind wir heute ernst. Es wird echt Zeit, zu gucken, was die Effenbergs gerade treiben.

Interview: Michael Knippenkötter

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