Motivationsexperte im Interview

„Müller läuft für Heynckes über glühende Kohlen“

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Jürgen Höller ist sich sicher: „Heynckes will es noch einmal wissen.“

Motivationsexperte Jürgen Höller spricht im Interview über vertraute Methoden, Hochzeitsfotos, den müden Carlo Ancelotti und die Reputation von Joachim Löw.

München - Jupp Heynckes ist mit 72 Jahren wieder Bayern-Coach - kann man in diesem Alter noch einmal Feuer entfachen? Jürgen Höller, einer der führenden Motivationstrainer in Europa, analysiert, warum unter dem alten Bekannten neue Ziele drin sind.

Kann Heynckes’ Rückkehr belebend wirken?

Jürgen Höller: Einige sagen: „Der ist schon alt, hat die neuen Methoden gar nicht drauf - was will Bayern mit diesem Opa, diesem Rentner?“ Ich denke, er hat es sich genau überlegt. Er hat schon am ersten Arbeitstag in München wieder gezeigt, dass er brennt. Wie damals, als er erfuhr, dass er von Pep Guardiola ersetzt wird. Da wollte er es allen so richtig zeigen, da drehte er noch einmal auf. Und Heynckes will es jetzt erneut noch einmal wissen.

„Neue Besen kehren gut“ ist also Kokolores?

Höller: Nein, die kehren auch sehr gut. Und wenn Heynckes jetzt einen Dreijahresvertrag erhalten hätte, hätte man gesagt: Was machen die denn jetzt? Wird das jetzt ein Altenheim? Aber mit acht Monaten Laufzeit macht es der FC Bayern genau richtig. Die Spieler sind verunsichert, da schaffen bewährte Methoden Sicherheit. Erfahrungsschatz ist in dieser Situation förderlicher als ein Experiment gewesen wäre.

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Wie wichtig ist das Vertrauen? Der Kern der Mannschaft feierte mit ihm seinen größten Erfolg.

Höller: Ich habe schon Fußballer geschult und weiß, wie stimulierend diese Gefühle sind, die Heynckes jetzt bei einem Ribery, einem Robben nur wieder wecken muss. Die stecken in ihnen drin. Und die Jungen, die nicht dabei waren, lassen sich anstecken. Da eilt ja auch der Ruf von Heynckes voraus. Die Spieler werden sich für ihn zerreißen. Sie wissen ja auch, es gibt für sie keine Ausreden mehr. Sie müssen zeigen, dass es an Carlo Ancelotti gelegen hat.

Empfehlen Sie, Bilder und Videos der Erfolge hervorzukramen – oder ist es gefährlich, in der Vergangenheit zu leben?

Höller: Das ist nur gefährlich, wenn man ausschließlich zurückschaut. Aber um Gefühle zu stimulieren, ist das wunderbar. Man schaut ja auch gerne seine Hochzeitsfotos an, zum Beispiel. Wer allerdings nur alte Fotos anschaut, vergisst, neue Fotos zu schießen.

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Wie ist Heynckes’ Motivation zu verstehen? Er kann doch nur verlieren.

Höller: Wenn er verliert, wird man sagen: Die Mannschaft war’s! Dann hätte sie zwei Welttrainer verschlissen. Er macht nicht den Eindruck, als denke er ans Scheitern, und das ist auch gut so. Er ist vital, sieht kein bisschen aus wie 72. Sehen Sie die glatten Gesichtszüge? Der Mann ist topfit!

War Ancelottis Stil Gift für die Motivation?

Höller: 

Seine Körpersprache war von Anfang an nicht so, dass die Spieler geschrien haben: „Ich reiße Bäume aus, ich bin ein Löwe!“ Wenn man ehrlich ist, kam er schon als müder Trainer an. Mit viel Erfahrung und Wissen, aber nicht mit der Spannung, die man nach Guardiola gebraucht hätte.

Sie lassen in Seminaren über glühende Kohlen laufen - läuft ein Thomas Müller für Heynckes jetzt über glühende Kohlen?

Höller: Im übertragenen Sinn sicher: Ja, Müller läuft für Heynckes über glühende Kohlen. Er hat eine schwere Zeit hinter sich, aber man sieht auch in der Nationalelf, dass er kein Typ ist, der sich aufgibt.

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Was passiert im Sommer - muss ein junger Trainer frischen Wind bringen?

Höller: 

Ob es ein ganz Junger wie Julian Nagelsmann sein muss, ist fraglich. Ich würde für Jogi Löw plädieren. Er hat die Erfahrung, ist aber noch jung genug, um wieder Feuer zu entfachen. Mit seiner Reputation gäbe es keinen Besseren für den FC Bayern. Es muss dann ein Trainer sein, der die Power hat, um zwei, drei Jahre lang etwas aufzubauen.

Interview: Andreas Werner

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