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Müller-Wohlfahrt im Interview: „Ich komme von diesem Beruf nicht los“

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Von: Hanna Raif

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Fussball Championsleague FC Bayern München - CSKA Moskau
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. © sampics / Stefan Matzke / sampics

An Rente? Denkt (75) nicht. Die Miete seiner Praxis im Alten Hof hat er um zehn Jahre verlängert, „mit Option auf weitere zehn“, wie er verrät.

München - Ein Gespräch über die Sucht zu helfen, geschundene Hände, die Rückkehr zum FC Bayern, Vorfreude auf Kovac und seine Mission: „Junge Ärzte sollten mir nacheifern.“

-Herr Müller-Wohlfahrt, stressige Wochen beim FC Bayern sind auch für Sie stressig. Patienten, Buch, Reisen – wie viele Stunden hat Ihr Tag?

24, wie bei jedem anderen Menschen auch (lacht). Aber ich habe über viele Jahre Erfahrung sammeln können, kann mit den Aufgaben, die sich mir stellen, umgehen – und habe Spaß daran.

-Ein Buch zu schreiben, ist immer mit Selbstreflexion verbunden. Wie waren die vergangenen zwei Jahre für Sie? Aufregend? Schön? Aufreibend?

Ich bin ein Mensch, der immer nach vorne schaut. Und ich gönne mir wenig Zeit für eine Rückschau. Aber jetzt musste ich beim Schreiben auch sehr intensiv an meine Jugend und an mein Zuhause denken. Dabei wurden aber schöne Erinnerungen geweckt.

-Zum Beispiel?

Ich erinnere sehr gut die tägliche gemeinsame „Teestunde“, die ein wichtiger Bestandteil unseres Familienlebens war. Ich sehe, wie meine Mutter die Teekanne vom Messingstövchen nimmt und daraus den goldbraunen Tee einschenkt, höre das Knistern der Kluntje in der Tasse – einfach unvergesslich!

-Kamen auch weniger schöne Erinnerungen wieder zum Vorschein?

Mein Verhältnis zur Schule. Ich hatte absolut keine Lust, zur Schule zu gehen. Der Unterricht hat mich gelangweilt. Jeden Morgen habe ich mich mit einem deftigen Fluch von meinen Eltern verabschiedet. Sie konnten ja nichts dafür, aber sie haben es abbekommen. Sie standen beide in der Haustür – damit der Junge ja pünktlich zur Schule geht.

-Ohne Schule wären Sie heute nicht hier.

Das stimmt. Und Gott sei Dank hat mein Vater diese Weitsicht gehabt. Mein Vater hat nicht nachgegeben, ist oft in die Schule gefahren und hat mit den Lehrern gesprochen. Ich glaube, er hat Ihnen gesagt: Rütteln Sie ihn wach!

-Und trotzdem haben Sie sich gegen seinen Willen für ein Medizin-Studium entschieden. Sich ihm zu widersetzen, hat Ihren Lebensweg bestimmt.

Dieser Wille wurde immer stärker, es gab für mich keine Alternative. Mein Vater hatte ja die Hoffnung, dass ich Pastor werde.

-Wären Sie denn ein guter Pastor geworden?

Ich habe sehr großen Respekt vor dem Studium und dem Beruf eines Theologen. Aber ich fühlte mich dazu nicht geeignet, der Wunsch, Sportarzt zu werden, war bereits in meiner Jugend sehr ausgeprägt. Mein Bruder Hajo ist übrigens Theologe geworden.

„Wen interessiert das eigentlich?“

-Herbert Grönemeyer schreibt über Sie, Sie seien auch ein Künstler.

Vielleicht liegt eine Berufung zugrunde, für die ich eine Begabung mitbekommen habe. Um mit den Händen diagnostizieren zu können, sind Hingabe und tägliches Üben absolut notwendig. Es hört sich seltsam an: Aber wenn ich 14 Tage Urlaub mache, muss ich mich einen Tag lang erst wieder einfinden. Da habe ich mich schon mal gefragt: Hast du das jemals gekonnt?

-Wie geht es denn Ihren Händen?

Gut. Aber die Zeichen jahrzehntelanger Schwerstarbeit sind nicht zu übersehen.

-Seit 40 Jahren nutzen Sie sie Tag für Tag. Wäre Ihr Vater doch stolz, wenn er mit Ihnen heute auf Ihre Vita blicken könnte?

Ich glaube, er wäre einverstanden, dass ich diesen Beruf so praktiziere, wie ich es mache. Und vor allem, dass ich dem Sport so sehr verbunden bin. Er war der größte Fußballfan überhaupt und ist mit uns auch mal nach Hannover oder Hamburg gefahren. Und wenn es im Fernsehen eine Fußballübertragung gab, sind wir alle zusammen zu einer Familie gegangen, die einen Fernseher hatte. Sport war immer wichtig für uns. Und deswegen glaube ich, dass er – wenn er mich heute erleben würde – Verständnis für meine Entscheidung hätte.

-Ist das, was Sie jetzt leben, das Fazit Ihres Buches, Ihrer Vita? Oder ist es dafür noch viel zu früh?

Wenn ich sehe und höre, wie mein Buch aufgenommen wird, dann war es der Mühe wert und der Zeitpunkt passend. Auf halber Strecke habe ich mich allerdings schon gefragt: Wen interessiert das alles eigentlich? Ein Anliegen war es aber, angehende Ärzte zu motivieren und zu zeigen: Leute, seid euch bewusst, was für einen schönen Beruf ihr ergreift! Der eine oder andere sollte mir nacheifern.

-Wie werden Sie von Kollegen wahrgenommen?

In der letzten Woche bin ich erstmals vom Ärztlichen Direktor der Medizinischen Fakultät der LMU, Prof. Dr. Karl-Walter Jauch, zu einem Gespräch über mein Leben und meine Medizin in den großen Hörsaal vor 600 Studenten eingeladen worden. Ich wurde mit großer Neugier empfangen, man hat mir mit Begeisterung zugehört. Ich sage Ihnen: Das war ein Höhepunkt in meinem Leben!

-Üben Sie einen Beruf aus, der süchtig macht?

In gewisser Weise ja. Ein Beispiel: Ich hätte ja die Möglichkeit gehabt, den Bayern zu sagen: „Es ist genug gewesen, ich danke euch für die schönen Jahre.“ Aber ich komme nicht wirklich davon los. Und deshalb war es für mich ein schönes Gefühl, dass die Vereinsführung mich im November 2017 gebeten hat: „Komm zurück und hilf uns!“ Sie sagten: „Wir brauchen dich!“

-Sie haben in der Zeit auch gemerkt, dass Sie den Klub vermissen, oder?

Vielleicht habe ich innerlich sogar die Hoffnung gehabt, dass ich noch einmal zurückkomme.

„Es gibt immer etwas, worauf ich mich freue!“

-Schmunzeln Sie bei Schlagzeilen wie „Rentner-Truppe“?

Das berührt mich gar nicht. Ich weiß aber auch nicht, wie andere sich in meinem Alter fühlen. Ich bilde mir ein, kein Alter zu spüren. Auch jetzt schaue ich nach vorne. Pokalfinale, WM – es gibt immer etwas, worauf ich mich freue!

-Was hat Ihre Frau im ersten Moment gesagt?

Sie kennt mich ganz genau und sie ist sehr klug. Ihre erste Reaktion: „Mach es!“ Sonst wäre es vielleicht auch ein Thema zu Hause gewesen: Hätte ich es doch nur gemacht!? Oder: War es ein Fehler? So wissen wir beide: Die Entscheidung war richtig.

-Nur Ihr Familienleben kommt noch kürzer.

Das stimmt. Aber meine Frau hat mir in meinem gesamten Berufsleben immer alles ermöglicht. Ich denke manchmal daran, was wir schon alles erlebt haben. Einmal saßen wir auf gepackten Koffern. Morgens um fünf Uhr wollten wir zum Flughafen fahren und nach Griechenland in den Urlaub fliegen. Um zwei Uhr nachts klingelte das Telefon, Boris Becker aus New York kurz vor den US Open: „Du musst kommen, sonst kann ich nicht spielen!“

-Und dann?

Urlaub abgesagt! Umgebucht, nach New York geflogen. Die Kinder sind aufgewacht und wussten gar nicht, wie ihnen geschieht. Ich habe die Familie mitgenommen. Wir hatten eine tolle Zeit in New York.

-Boris absagen, war keine Option?

Nein. Da ist dieser Drang, unbedingt helfen zu wollen. Darin sehe ich meine Aufgabe.

-Sind Sie immer zu 100 Prozent überzeugt von dem, was Sie machen?

Ich kann nicht davon überzeugt sein, dass ich alle Patienten erfolgreich behandle. Aber ich sage jedem: „Ich bleibe so lange bei dir, bis wir am Ziel sind.“ Und wenn ich das selbst nicht schaffe, dann weiß ich, wer uns helfen kann.

-Von Ihrem Netzwerk profitiert auch Bayern.

Natürlich, denn es ist sehr weit gefasst und hat sich über Jahre entwickelt.

-Die erste Reaktion, die man auf Ihr Buch wahrgenommen hat, war jene von Uli Hoeneß. Zum Zwist mit Pep Guardiola, den Sie beschreiben, sagte der Präsident: Wäre ich da gewesen, wäre es so weit nicht gekommen. Stimmt das?

Die Vorkommnisse in Porto, letztlich mein Rücktritt, waren ja das Ergebnis einer Entwicklung. Und da hat mir Uli schon sehr gefehlt.

-Trotzdem haben Sie die Passage über Guardiola ja bewusst aufgenommen.

Natürlich. Aber damit ist das Thema auch beendet. Es ist alles gesagt.

Kovac? „Ich denke, dass wir gut miteinander auskommen“

-Freuen Sie sich auf Niko Kovac?

Niko war als Spieler hier, und auch als er verschiedene Mannschaften als Trainer betreut hat, haben wir guten Kontakt gehalten, bis heute. Er hat mir wiederholt Spieler geschickt, wenn es Probleme gab. Er vertraut mir. Ich denke, dass wir gut miteinander auskommen werden.

-Stimmt es eigentlich, dass Sie den Vertrag in der Praxis für zehn Jahre verlängert haben?

Zehn Jahre – mit Option auf weitere zehn. Das war nur möglich durch die großzügige Hilfe eines guten Freundes.

-Sie blicken aber weit voraus . . .

Ich habe vier junge Kollegen hier in meiner Praxisgemeinschaft – und im nächsten Jahr kommt noch mein Sohn Kilian als Facharzt für Orthopädie dazu. Sie sind alle eine Generation jünger. Und ich möchte, dass ihnen diese wunderbare Praxis erhalten bleibt. Dafür sehe ich mich verantwortlich.

-Aber Sie schließen nicht aus, mit 96 auch noch zu behandeln?

Das kann ich mit Sicherheit ausschließen. Ich werde beizeiten ein Zeichen des Himmels bekommen, wann es genug ist.

-Lernen Sie jemals aus?

Nein. Das Gefühl „jetzt habe ich etwas begriffen, jetzt verstehe ich, das ist es“ habe ich nach wie vor immer wieder.

-Andere vertrauen auf medizinische Geräte.

In meinen Augen eine ungute Entwicklung, denn sie bedeutet: immer mehr Distanz zum Patienten. Meine dringende Empfehlung: Die manuelle Untersuchung sollte ein fester Bestandteil in der Diagnostik sein und bleiben. So kann es in meinen Augen nicht angehen, dass ein Sportarzt nicht mit den Händen diagnostiziert. Auf dem Feld, in der Kabine oder im Hotel.

Interview: Hanna Raif

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