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OB Reiter hätte gerne wieder echte Derbys

OB Reiter im Fußball-Interview: „Sechzig ist viel öfter in meinem Büro als Bayern“

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„Ich würde echte Derbys begrüßen - als Fan und als OB“: Dieter Reiter im Gespräch mit Andreas Werner.

Oberbürgermeister Dieter Reiter über das Länderspiel in München, deutsche Versäumnisse, gesellschaftliche Risse, aufgeschürfte Knie, den Videobeweis und die Wiesn.

München – Im Regal in seinem Büro im Rathaus steht die Biographie von Willy Brandt, ein Foto von Helmut Schmidt – und drüber finden sich zwei Fußbälle; einer aus der Champions League und einer mit einem roten Herz, ein Geschenk des FC Bayern zum 60. Geburtstag im Sommer. Dieter Reiter macht keinen Hehl daraus: Er ist Fan des FC Bayern. In diesem Interview mit dem Oberbürgermeister dreht sich ausnahmsweise alles um Fußball – morgen ist ja Weltmeister Frankreich in München zu Gast.

-Herr OB Reiter, der FC Bayern ist Meister im Fußball wie im Basketball, der EHC München hält den Titel im Eishockey – wie ist es so, die sportlichste Stadt des Landes zu führen?

Ich bin begeistert, dass wir die Sport-Metropole von Deutschland sind. Bei den Fußballern des FC Bayern ist man es ja fast gewöhnt, umso weniger sollte man Basketball und Eishockey unterschlagen. Die Eishackler haben hier eine unglaublich treue Fangemeinde, und beim Basketball erzählt mir Uli Hoeneß immer wieder, es sei im Grunde spannender als Fußball, weil sich in letzter Sekunde mit einem Wurf alles drehen kann. Die Erfolge der Profi-Teams haben immer auch positive Auswirkungen auf die kleinen Vereine. Das hält die Stadt sportlich, und das ist doch nur gut für eine Gesellschaft.

-Hat sich Ihre Fußball-Seele schon vom deutschen WM-Schock erholt?

Wir haben uns alle mehr erwartet als drei durchwachsene Vorrundenspiele. In meinem Denkmodell war dieser Verlauf nicht drin. Schwach angefangen und stark nachgelassen – sowas kannte man von der Nationalelf bei einem großen Turnier nicht. Es hat einen Knick gegeben, bei allen Fans. Man hatte nicht das Gefühl, dass die Spieler alles geben. Und es wirkte auch nicht, als stünde ein Team auf dem Platz.

-Die Nationalelf startet die Wiedergutmachung in München gegen Frankreich. Ein gutes Pflaster, oder – was anderes kann der OB da ja jetzt nicht sagen . . .?

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(lacht) Ja, da kann ich jetzt schlecht Nein sagen . . . aber Tatsache ist, dass die Nationalelf hier oft erfolgreich war . . .

- . . . es gab auch mal ein 1:5 gegen England.

Stimmt, gab es auch. Ich denke, generell ist die Fußball-Begeisterung in Deutschland ungebrochen. Das hat man jetzt beim Bundesligastart gesehen. Aber die Begeisterung für die Nationalelf muss erst wieder geweckt werden.

-Wie sehen Sie die Debatte um Mesut Özil?

Zunächst mal ist mein Empfinden, dass die Angelegenheit wegen des schlechten WM-Abschneidens zusätzlich unnötig hochgekocht wurde. Ich fand die Fotos mit Recep Tayyip Erdogan auch nicht gelungen, aber man muss nicht unbedingt so ein Politikum daraus machen. Ich fand das übertrieben. Özil hat nicht die Leistungen gebracht, die man von ihm erwartet hat. Aber diese Kritik an ihm hat ja nichts mit seinen türkischen Wurzeln zu tun. Da haben alle Seiten Fehler gemacht. Jetzt muss da mal der Deckel drauf sein.

-Fußball wird eine hohe integrative Kraft zugesprochen – sehen Sie das nun nachhaltig in Gefahr?

Es ist ein wenig den Rahmenbedingungen geschuldet, die wir in unserem Land gerade erleben. Solche Debatten werden leider oft nicht sachlich, sondern im Gegenteil hochemotional und nicht selten auch an den Fakten vorbei geführt. Im Fußball ist es ja fast aberwitzig, dass Menschen, die samstags ihren Mannschaften mit hohem Ausländeranteil zujubeln, unter der Woche auf die Straße gehen und gegen Einwanderer protestieren. Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der im Grunde nichts mit Fußball zu tun hat, höchstens auf ihn abstrahlt.

„Ein Volkstheater kostet 120 Millionen – quasi ein Ronaldo“

-Der DFB ist in seiner Arbeit für Integration ja auch eigentlich vorbildlich.

Ein Musterbeispiel. Der DFB stellt sich seit Jahren gegen Rassismus. Den Aspekt hätte er in dieser Debatte ruhig deutlicher herausarbeiten können.

-Wie wichtig ist der Stadt München der Zuschlag für die EM 2024?

Wir helfen, wenn wir können. Ich würde mich als Münchner Oberbürgermeister und Fan sehr freuen. Der DFB hofft auf einen Effekt wie bei der Heim-WM 2006, und es ist möglich, wieder so eine Stimmung zu erzeugen. Auch wenn sich Deutschland verändert hat.

-Schauen wir auf die Bundesliga: Ein großer Aufreger ist der Videobeweis.

Ich erlebe das wie alle Fans. Wenn Videobeweis, dann bitte so professionell, dass er funktioniert. Sogar ich als Bayern-Fan sage, dass der Elfmeter von Franck Ribery, wohlgemerkt nach Studium der Videoaufnahmen, eher eine Lachnummer war. Bis jetzt hat sich der Videobeweis überhaupt nicht bewährt, er ist kein Fortschritt, weil er keineswegs der Gerechtigkeit dient. Sport ist ja nicht immer gerecht. Ich kann auch kein Veto einlegen, wenn ich 50 Mal die Latte getroffen, aber 0:1 verloren habe. Tortechnik finde ich gut – seit Wembley wissen wir, das macht Sinn (lacht). Aber den Videobeweis würde ich wieder abschaffen.

-Wie kann man sich den OB beim Fußballschauen vorstellen: Schimpfen Sie mal: „Schiri, du Blinder!“

Natürlich schimpft man. Ich ärgere mich immer, wenn Bayern verliert – und noch mehr, wenn eine falsche Schiedsrichterentscheidung der Grund ist. Das Aus gegen Real Madrid hat mich sehr geärgert, weil Bayern in beiden Spielen besser war. Da sagt man auch mal Dinge, die nicht druckreif sind. Aber das passiert ja jedem. Auch Leuten, denen man es eigentlich nicht zutraut.

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-In der Münchner Arena sitzt Edmund Stoiber vor Ihnen . . .

Ja, er ist sehr emotional. Sehr. Das ganze Spiel über geht er mit. Er versteht aber auch wirklich was von Fußball.

-Sie haben selbst lange im Amateurbereich gekickt, am liebsten als Libero. Dann war Franz Beckenbauer sicher Ihr Vorbild, oder?

Wir spielten damals B-Klasse. Ich habe immer gern gespielt, aber nie gut. Und dann war ich Anzug- und Schlipsträger, und da ist es immer blöd, mit aufgeschürften Knien herumzulaufen. Damals haben wir ja noch viel auf roter Erde gespielt. Ich mochte die Freiheit, als Libero nicht so viel laufen zu müssen. Franz war wohl der Einzige, dessen Trikot nach Abpfiff selten gewaschen werden musste. Bei mir war es manchmal auch so. Aber ich habe mehr geschwitzt, weil ich nicht annähernd so gut gespielt habe wie er. Franz war mein Held. Die Achse mit ihm, Maier, Schwarzenbeck, Hoeneß, Müller und Rummenigge gab damals den Ausschlag für Bayerns Erfolge.

-Gelaufen sind Sie wenig – aber gegrätscht haben Sie, wenn die Knie offen waren?

Ja. Leider war ich auch gelegentlich spät dran, was mir einige Rote Karten beschert hat. Nicht aus Boshaftigkeit sondern weil ich die Lage falsch eingeschätzt hatte. Leider habe ich das noch nicht so trainiert wie die Spieler heute, die schon in der Grätsche mit dem Finger wedeln: „Da war nix!“

-Wie hat sich Ihr Blick auf den Fußball verändert – ging die Romantik verloren?

Nein. Fußball bleibt mein Sport, trotz der wahnsinnigen Veränderungen. Ich schaue auch Spiele, bei denen gar keine deutsche Mannschaft dabei ist. Ich finde vor allem die Veränderung des Spiels faszinierend: Dieses Pressing heute – früher war das doch eher langsamer oder sagen wir: weniger athletisch, weniger aggressiv. Da konnte sich der Franz quasi auf den Ball setzen, und keiner hätte es gewagt, ihn zu attackieren. Die Zäune heute in den Stadien sind zwar aus Sicherheitsgründen notwendig, aber die Entwicklung finde ich bedauerlich. Und auch die Hooliganproblematik. Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun. Genauso problematisch finde ich Pyrotechnik: Brandgefährlich, im wahrsten Wortsinn.

-Gravierend haben sich auch die Transferpreise verändert. Neymar für 222 Millionen Euro – rechnen Sie da hoch, wie sich diese Summe zum Beispiel im städtischen Haushalt machen würde?

Der Gedanke, dass ein einzelner Mensch so eine Summe wert sein soll, ist Wahnsinn. München baut jetzt ein neues Volkstheater. Das kostet 120 bis 140 Millionen. Quasi ein Cristiano Ronaldo (ging für 117 Millionen zu Juventus Turin/d.Red.), oder etwas mehr als ein halber Neymar. Absurd. Mit den 222 Millionen für Neymar könnte man alle Bezirkssportanlagen herrichten. Man könnte so Tausende Amateurfußballer glücklich machen!

Reiter: Bayern kann auch ohne Mega-Transfers die CL gewinnen

-Sind Sie froh, dass der FC Bayern diesen Wahnsinn nicht mitmacht?

Die Bayern fahren sicher gut damit. Es ist ja nicht so, dass sie den internationalen Top-Clubs nicht Paroli bieten. Bayern kann auch ohne 100-Millionen-Transfers die Champions League gewinnen. Die 70 Millionen für den Campus sind tausend Mal besser angelegt. Wenn man sieht, wie viele Talente der TSV 1860 über die Jahre hervorgebracht hat – hätte der Club nicht immer alle verkaufen müssen, stünde er jetzt anders da. Oder nehmen Sie die SpVgg Unterhaching: Erst neulich habe ich den Präsidenten Manfred Schwabl am Viktualienmarkt getroffen – ein Fußballfreak, wir brauchen solche Leute, die mit Begeisterung und einer Idee Dinge vorantreiben, auch ohne hunderte Millionen zu investieren.

-Was waren denn prägende Erlebnisse als Fan; damals, als mittlerer von drei Brüdern – die zwei „Blaue“, Sie und Ihr Papa „Rote“?

Es war jedenfalls nicht so, dass wir ständig ins Stadion sind. Wir konnten uns gar nicht so oft Tickets leisten. Damals war samstags die „Sportschau“ Pflicht, da saßen wir dann alle vor dem Fernseher. Nicht die einen im Bayern- und die anderen im 60er-Trikot, so schlimm war es nicht – aber mit der roten Brille. Oder eben der blauen. Mein Vater war immer ein „Roter“, da habe ich mich angelehnt. Mein älterer Bruder ist überzeugter 60er, der kleinere wurde glaube ich ein „Blauer“, damit es ausgeglichen ist. Einmal schlugen die Bayern Dortmund 11:1, da war ich im Stadion, ab da war es um mich geschehen. Einmal Bayer, immer Bayer. Echte Lokal-Derbys würde ich mir übrigens wieder wünschen. Als Fan und Oberbürgermeister.

-In Ihrer Eigenschaft als OB haben Sie auch mit 1860 zu tun, für die Löwen ist beim OB ja auch wenn er ein „Roter“ ist, die Tür nicht zu.

“Sechzig ist öfter bei mir im Büro als Bayern“

Die 60er sind viel öfter bei mir im Büro als die Bayern. Hasan Ismaik war vier, fünf Mal hier, aber seit einem guten Jahr nicht mehr. Ich habe viele Präsidenten gesehen und viele Geschäftsführer in den viereinhalb Jahren, in denen ich im Amt bin. Ich würde mir für diesen Verein eine stabile Führung wünschen. Der Aufstieg hat mich richtig gefreut. Jetzt geht es darum, dass sie sich stabilisieren, dass sie ihre Finanzen in Ordnung bringen und auch die Partnerschaft mit ihrem Investor hinbekommen. Meine Tür ist immer offen.

-Wie ist es für Sie, mit den Bayern bei Feiern auf dem Rathausbalkon zu stehen – es kommt selten vor, dass einem OB 20 000 Menschen zujubeln . . .

Nun, mir jubeln sie ja nicht zu. Es ist aber ein Erlebnis. Ein, zwei Mal stand ich selber als Fan unten, und jetzt kann ich es aus dieser Perspektive genießen. Für mich ist es etwas einfacher als für meinen Vorgänger, der oft ausgepfiffen wurde.

-Louis van Gaal schnappte sich mal Ihren Vorgänger Christian Ude zum Tanz – was haben Sie schon Kurioses erlebt?

Pep Guardiola und Jupp Heynckes waren nicht so tanzeslustig. Arjen Robben hat mir den komischen Ball, den er immer auf dem Kopf hat, aufgesetzt.

-Innenminister Joachim Herrmann sagte mal, er werde inzwischen im Ausland öfter auf den FC Bayern als auf das Oktoberfest angesprochen. Haben Sie auch den Eindruck, der FC Bayern hat die Wiesn überholt?

Schwer einzuschätzen. Beides sind die zentralen Begriffe, die man im Ausland mit München verbindet. Die Strahlkraft des FC Bayern ist ungemein. Die Bayern sind ein Top-Repräsentant der Stadt München. Und das sicher auf der ganzen Welt.

-Die Wiesn steht an; im Sport würde man fragen: Sind Sie fit – fürs Anzapfen?

Ich bin fit, ja, aber noch nicht im Training. Es ist mir wichtig, wenigstens einmal vorher den Schlegel in der Hand gehabt zu haben. Vor dem ersten Mal habe ich zwei Stunden lang Fässer gezapft, bis mein Daumen angeschwollen war. Da prellt man bei jedem Schlag das Gelenk. Die letzten drei Mal habe ich zwei Schläge gebraucht. Ich hoffe, so läuft es wieder. Und wenn es drei werden, ist mein Tag auch nicht verdorben. Das hat alles immer mit Psyche zu tun. Irgendwann kann man es, man weiß, wie man draufhaut. Anzapfen ist im Grunde wie Elfmeterschießen: Jeder Profi kann einen Elfmeter versenken. Alles andere findet im Kopf statt. Ich habe mich zudem daran gewöhnt, dass weltweit 200 Millionen Menschen zuschauen . . .

„Ich würde den Videobeweis wieder abschaffen“

- . . . ein Publikum, von dem Sportstars träumen . . .

Das erste Mal war ich sehr nervös. Nervöser als am Wahlabend. Ich wusste ja: Ganz München redet darüber. Ganz Bayern. Und kein Bürgermeister auf der ganzen Welt hat bei einer seiner Amtshandlungen auch nur annähernd so viele Zuschauer. Aber mittlerweile sehe ich das gelassen.

-Heuer werden wieder viele Spiele während der Wiesn sein – kommen Sie da in Engpässe? Sie sind um die 20 Mal auf dem Oktoberfest, zwei, drei Mal am Tag.

Ja, ungefähr. Ich beschwere mich ganz sicher nicht darüber, auch wenn das manchmal durchaus anstrengend ist, man braucht schon Kondition. Oft ist dann auch, obwohl ich durchaus gerne Bier trinke, nur Wasser im Krug. Oder für Fotos alkoholfreies Bier. Sonst steht man das nicht durch.

-Ihr Highlight ist jedes Jahr die Polizei-Runde im Teufelsrad – das wünschen Sie dem FC Bayern, bildlich gemeint, sicher nicht: „Eine Saison im Teufelsrad“?

(lacht) Nein, das wäre keine schöne Schlagzeile. Wobei ich diese Aktion immer gerne mache, weil ich die Arbeit der Polizei ungemein schätze.

-Dann schon lieber „Glücksgefühle wie auf dem Riesenrad“?

Es ist Tradition, dass ich am letzten Wiesnabend mit meiner Frau eine Runde fahre, wenn in den Zelten das Licht ausgeht. „Glücksgefühle wie im Riesenrad“, so eine Überschrift als Saisonfazit würde mir gefallen. Mir wird es jedenfalls nicht langweilig, wenn die Bayern gewinnen. Ich bin sicher, dass die Bayern am Ende ganz oben stehen werden. In meinem Kalender steht dieser Termin im Mai schon fest drin: „Mit dem FC Bayern auf den Balkon.“

Interview: Andreas Werner

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