Ex-Sportvorstand im Exklusiv-Interview

Nach dem Doppel-Pokal-K.o. der Bayern: Was nun, Herr Sammer?

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„Leistungsbereitschaft und Charakter müssen wieder in den Mittelpunkt rücken“, fordert Sammer.

München - Viele Interviews gibt Matthias Sammer nicht. Besser gesagt: Seit er im Sommer 2016 beim FC Bayern ausgestiegen ist, eigentlich gar keine. Doch für die tz hat der ehemalige Sportvorstand des FCB eine Ausnahme gemacht.

Unsere Redakteure Sven Westerschulze und Manuel Bonke trafen den 49-Jährigen am Tag nach dem Pokal-Aus seines Ex-Vereins gegen Borussia Dortmund. „Überrascht“ war Sammer von der 2:3-Niederlage gegen den BVB, weil er den Bayern in dieser Saison viel zugetraut hat, wie er im großen tz-Interview verrät. Darüber hinaus spricht er über den deutschen Fußball und verrät, was er bei einigen Vereinen und Spielern auf dem Weg zur Spitze vermisst.

Sammer in Zahlen

Sammer wurde am 5. September 1967 in Dresden geboren. Sein Vater Klaus war Profi bei Dynamo. Dort begann auch die Karriere von Matthias, von 1985 bis 1990 spielte er bei seinem Heimatverein. Über Stuttgart und Inter Mailand kam er nach Dortmund, wo er seine Karriere 1999 wegen einer Infektion im Knie beenden musste. Mit Dynamo holte er zwei DDR-Titel, mit Stuttgart und dem BVB zweimal die Deutsche Meisterschaft. 1996 wurde Sammer Europameister und Fußballer des Jahres. 2002 holte er als BVB-Trainer die Meisterschaft. Von 2006 bis 2012 war er Sportdirektor beim DFB, ehe er als Sportvorstand zum FCB wechselte.

Aber was macht Sammer selbst zurzeit eigentlich? Im April 2016 war beim damaligen Sportvorstand der Roten eine kleine Durchblutungsstörung im Gehirn festgestellt worden, mit der der Fußball für ihn zunächst in den Hintergrund rückte. Glücklicherweise regenerierte Sammer schnell, sodass seine Gesundheit schnell wiederhergestellt war. „Die umfangreichen medizinischen Untersuchungen haben dies zu 100 Prozent bestätigt“, ließ der Europameister von 1996 im Juli per Pressemitteilung verlauten. In jener Mitteilung, in der er gleichzeitig auch seinen Abschied vom Rekordmeister verkündete. „Sportvorstand beim FC Bayern zu sein, bedeutet: sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag mit aller Energie dem Klub, der Mannschaft und auch der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stehen. Diesen Aufgaben möchte ich im Moment nicht nachkommen“, erklärte Sammer. Seitdem hat er sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und genießt die neu gewonnene Freizeit, Spaziergänge durch den Grünwalder Forst und auch die gemeinsamen Einkäufe mit seiner Frau Karin. Zur neuen Saison kehrt der gebürtige Dresdner aber auf die Fußballbühne zurück. Nicht im operativen Geschäft, sondern als TV-Experte. Für Eurosport wird er künftig das Freitagabendspiel der Bundesliga analysieren. Der Fußball ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil im Leben von Matthias Sammer, der seine langjährige Erfahrung in diesem Geschäft künftig abseits des Platzes gerne an andere Menschen weitergeben will.
Vier Jahre lang war Sammer beim FC Bayern tätig (2012-2016). In dieser Zeit gewann er elf Titel mit dem Klub (4x Deutscher Meister, 3x DFB-Pokal, 1x Champions-League, 1x FIFA-Klub-WM, 1x UEFA-Supercup, 1x Supercup). Seit er die Münchner auf eigenen Wunsch verlassen hat, ist seine Stelle als Sportvorstand vakant. Die Bayern-Bosse sind weiter auf der Suche nach einem Nachfolger, der im Gegensatz zu Sammer aber wohl eher nicht mit Vorstandskompetenzen ausgestattet wird – mit ein Grund, weshalb Philipp Lahm das Jobangebot der Vereinsführung ablehnte.
Im Interview verrät Sammer seine Definition eines Sportvorstands oder eines Sportdirektors, erklärt, welche Aufgaben auf ihn zukommen und was er können muss. Das Image des Mahners wird der Perfektionist wahrscheinlich so schnell nicht wieder los, doch unsere Redakteure erlebten im persönlichen Gespräch einen ganz anderen Matthias Sammer. Einen, der das Fußballgeschäft durch seine Zeit als Spieler, Trainer, Verbands- und Vereinsverantwortlicher so gut wie kaum ein Zweiter kennt und seine Erfahrungen aus all diesen Stationen in seinen Weg zum Erfolg hat einfließen lassen.

„Manchmal ist der Fußball auch brutal“

Herr Sammer, der Auftritt gegen den BVB war gar nicht Bayern-like!

Sammer: Na ja, ich kann zumindest sagen: Wenn ich auf dieses Ergebnis gewettet hätte, hätte ich haushoch verloren (lacht). Ich muss gestehen: Vom großen Ganzen bin ich überrascht. Ich habe Bayern in dieser Saison viel zugetraut. Aber: Fußball ist ein Ergebnissport – und manchmal auch brutal.

Woran lag das?

Sammer: Mit Beginn der Rückserie wirkten die Bayern stark, leistungsfähig, harmonisch, einfach gut. Aber man muss immer unterscheiden, in welcher Situation sich der Klub befindet, in welchen Situationen die Gegner. Und auch sehen, dass z.B. Arsenal London nicht Real Madrid ist und auch nicht Borussia Dortmund. Das sind so ein paar einfache Erklärungen. Und man darf nie vergessen: Fußball ist Leistungssport, das heißt Tagesgeschäft, manchmal auch Stunden- oder Minutengeschäft. Das muss man verstehen, um Erfolg zu haben.

Die Spieler wirkten danach ratlos. Sie auch?

Sammer: Nein. In der Rolle, in der ich im Moment bin – weit weg vom Tagesgeschäft – sehe ich das mit anderen Augen. Ich kann den Menschen ein Spiel relativ einfach erklären, ihnen Ursache und Wirkung darstellen. Für die, die unmittelbar beteiligt sind, ist das so kurz nach einem Spiel nicht möglich.

Wie hätten Sie denn als Sportvorstand reagiert?

Sammer: Oh, das ist wirklich schwer zu sagen. Ich kann von außen ein Gefühl entwickeln, aber ich kann im Moment nicht das Innenleben des Klubs lesen. Deshalb kann ich nicht irgendwelche Parolen rausblasen und sagen: Da und daran hat es gelegen, das ist die Ursache.

Sammer im Gespräch mit den tz-Reportern Bonke und Westerschulze (r.).


Was ist die konkrete Aufgabe des Sportvorstandes?

Sammer: Es gehört auch zur Aufgabe eines Sportdirektors, zu fühlen, wie eine ganze Mannschaft denkt und wie es der Trainerstab und der Staff tut, um entsprechend darauf zu reagieren. Die Ist-Analyse ist wichtig für einen Sportdirektor, um präventiv dafür zu sorgen, dass gewisse Fehlentwicklungen nicht entstehen können.

Welche Rolle spielt Macht für diesen Posten?

Sammer: Wenn man sich der Sache Sportdirektor richtig verschreibt, dann arbeitet man geräuschlos. Im Leistungssport sind Siege und Titel relevant. Wenn einem das genug ist, braucht man nicht unbedingt das Gefühl von Macht. Aber die Gesellschaft verlangt anderes. Leider ist das süßes Gift: Denn viele Führungskräfte verfallen dem Machthunger. Ich bin ein Verfechter des Miteinanders. Das ist der wahre Wert – und der geht leider bei manchen etwas verloren.

Fehlen Sie den Bayern?

Sammer: Das weiß ich nicht. Ich bin sehr froh, dass Uli Hoeneß zurück ist. Weil er neben den Leuten im operativen Geschäft einen unglaublichen Blick, ein unglaubliches Gefühl für den Verein hat. Er wird für den Klub in den kommenden Jahren wichtiger denn je. Was die Verantwortlichen der Bayern nun entscheiden – ob sie einen Sportdirektor holen müssen oder nicht –, das können sie nur selber wissen.

Anders gefragt: Fehlt jemand, der Leistungen richtig einschätzt, Strömungen erkennt, entgegenwirkt?

Sammer: Gehen wir mal einen Tick von Bayern weg in den deutschen Fußball. Der muss zwar nicht in Grund und Boden geredet werden, weil die Basis gegeben ist und Talente vorhanden sind. Aber die Historie und die Tradition besagen, dass wir immer mit den Besten in Verbindung gebracht werden. Was uns im Moment fehlt, ist ein bisschen die Konzentration aufs Wesentliche, etwas die Liebe zum Spiel, ein bisschen Ehrlichkeit im Umgang miteinander und die Gier, die Kompromisslosigkeit, unbedingt gewinnen zu wollen.

Konkretisieren Sie!

Sammer: Der deutsche Fußball sollte für sich begreifen, dass die maximale Leistungsbereitschaft und der Charakter wieder viel mehr in den Mittelpunkt rücken müssen. Um den Fußball herum werden so viele Themen ins Rampenlicht gerückt, in meinen Augen auch falsch dargestellt, von den Falschen diskutiert. Wir brauchen die, die den Fußball verstehen und es auch schaffen, die letzten Prozente an Leistung herauszuholen. Sepp Herberger hat mal gesagt: „Solange besser möglich ist, ist gut nicht gut genug.“ Ein guter Spruch, oder?

Ist das Ausscheiden der deutschen Klubs aus dem Europapokal eine Konsequenz Ihrer Kritik?

Sammer: Der deutsche Fußball muss nicht zu Tode betrübt sein und sich schämen. Aber mir fallen halt ein paar Dinge auf. Es hilft, die Entwicklung kritisch zu beäugen und sie zu verstehen und zu benennen. Oftmals sind es Kleinigkeiten die den Unterschied ausmachen.

Wie nah Sammer am Fußball auch ohne einen Job im Tagesgeschäft ist, zeigt diese Skizze. Der 49-Jährige erklärt im Interview, wie ein Sportdirektor innerhalb eines Vereins wirkt.

Geht der Blick auf das Wesentliche verloren? Ist zu viel Show im Fußball?

Sammer: Show ist ein Bestandteil der Gesellschaft, somit auch des Fußballs. Aber dieser Teil hat mehr Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit, als dem Leistungssport guttut. Klar, Fußball ist Unterhaltung. In verantwortlichen Positionen aber musst du dich mit den Gegebenheiten auseinandersetzen und darauf achten, dass die sportliche Leistung der wichtigste Teil der Veranstaltung bleibt.

Haben Sie das als Verantwortlicher beim FC Bayern auch schon festgestellt oder erst in den Monaten danach?

Sammer: Als Vereinsvertreter ist man Teil des Systems, da muss man manchmal schon überlegen, was man sagt. Das kann ich auch aus eigener Erfahrung berichten.

Apropos Ehrlichkeit: Gibt man den Spielern des FCB ein Alibi, wenn ein Titel für eine gute Saison reicht?

Sammer: Eines kann ich Ihnen ganz sicher sagen: Jeder Spieler möchte am liebsten jedes Spiel und jeden Titel gewinnen. Ob du am Ende erfolgreich bist, hängt vor allem von der Leistungskonstanz, der Hierarchie der Mannschaft deren Atmosphäre ab. Das sind die Faktoren, wenn du große Titel gewinnen willst. Die Bayern werden zum fünften Mal in Folge die Meisterschaft erringen. Das ist schon aller Ehren wert.

Sind Charakter und Mentalität auf dem höchsten Niveau noch wichtiger als der letzte Schuss Qualität?

Sammer: Ja, das denke ich schon. Die Frage ist aber eine andere: Welche Atmosphäre kannst du schaffen, um die letzten fünf Prozent Leistung aus den Spielern herauszukitzeln, von denen sie noch gar nichts wussten? Das ist ein Geheimnis des Erfolgs. Dass diese Spieler alles gewinnen können, haben sie schon bewiesen. Das Problem ist, dass jeder Tag eine neue Herausforderung ist.

Können Sie denn den anstehenden Umbruch beurteilen? Ist es ein Problem, dass Carlo Ancelotti kaum auf junge Spieler setzt?

Sammer: Bayern hat eine gute Mischung. Der FC Bayern hat mit Joshua Kimmich einen der talentiertesten Spieler der Welt, nicht nur sportlich, sondern auch charakterlich. Ich halte auch von Renato Sanches extrem viel – auch wenn das bislang leider noch nicht sichtbar war. Der Junge ist ein super Fußballer, genauso wie Kingsley Coman. Viel interessanter ist aber ein anderer Punkt…

Welcher?

Sammer: Wer gibt den Weg vor? Der Trainer ist verantwortlich für die Mannschaft und hat dabei die Spieler zur Verfügung, die ihm der Verein bereitstellt. Seine Aufgabe ist es, die Mannschaft zu führen und das Optimum herauszuholen. Die Vereinsführung ist für die Ausrichtung des kompletten Klubs, also auch inklusive Trainer und Mannschaft, verantwortlich. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Viele befürchten eine Delle. Wie wichtig sind die nächsten Transfers?

Sammer: Ich glaube, dass Bayern eine super Mannschaft hat. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Wo ist das Problem, in Veränderungsphasen mal eine Delle in Kauf zu nehmen, wenn man strategisch vorgeht?

Man spürt: Auch ohne Anstellung bei einem Verein lebt Sammer den Fußball.

Wie hat sich der Mensch Matthias Sammer seit seinem Abschied beim FC Bayern gewandelt?

Sammer: Mittlerweile habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich sagen kann: Jetzt bin ich erst einmal wieder total ich selber. Darum war es für mich wichtig, Zeit für mich zu haben. Die Liebe zum Fußball werde ich trotzdem nie verlieren.

Sind Sie aber doch ein bisschen froh, den Abstand vom täglichen Fußballgeschäft gewonnen zu haben?

Sammer: Ich fühle mich sehr wohl in meinem jetzigen Alltag. Es ist schön, sich mit Themen auseinanderzusetzen und gleichzeitig das Tempo selbst zu bestimmen. Ich will mich in Zukunft auch wieder mit jungen Menschen und Trainern umgeben, damit ich den Fußball weiter analysieren kann. Jetzt habe ich Zeit, mich mit einem Thema eine ganze Woche zu beschäftigen, für das ich früher manchmal nur fünf Minuten hatte.

Haben Sie dadurch ein Stück weit mehr Lebensqualität gewonnen?

Sammer: Natürlich! Ich bin aber trotzdem voller Dankbarkeit für meine Zeit als Spieler, Trainer und Verantwortlicher im Fußballgeschäft. Ich habe große Titel in Dresden, mit Stuttgart, Dortmund, beim DFB und mit dem FC Bayern gewonnen. Das ist etwas, das bleibt.

Interview: Sven Westerschulze, Manuel Bonke

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