tz-Taktik-Analyse

Nach Robben-Gala: Muss Guardiola jetzt umdenken?

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Ob Dreier- oder Viererkette: An Arjen Robben haben sich bislang alle Abwehrreihen die Zähne ausgebissen.

München - Tobias Escher, ­Taktikexperte bei Spielverlagerung.de, erklärt, warum Bayern-Trainer Pep Guardiola möglicherweise nach der WM seine Spielweise überdenken sollte.

Es ist nicht überliefert, ob Pep Guardiola sich auch vor Ort in Brasilien WM-Spiele ansieht. Zuletzt wurde der Bayern-Trainer auf einer Podiumsdiskussion in Buenos Aires gesichtet. Der Taktikfuchs könnte bei dieser WM auf jeden Fall einiges lernen. Selten zuvor war die taktische Vielfalt so groß wie bei diesem Turnier. Ob 4-3-3, 3-5-2 oder klassisches 4-2-3-1 – bei der WM sind fast alle Formationen vertreten.

So zeigt sich, dass taktische Flexibilität ein entscheidendes Kriterium bei dieser WM ist. Es gibt bei dieser WM praktisch keine Mannschaft, die dogmatisch auf Konterfußball oder auf Ballbesitzspiel setzt; fast alle Teams suchen einen Mittelweg. Deutschland fokussierte sich beispielsweise im ersten Spiel stärker auf schnelle Gegenstöße, während die Deutschen gegen die USA das Spiel dominierten. Selbst die Spanier versuchten sich – erfolglos – daran, ihr Tiki -Taka mit einem schnelleren Konterspiel anzureichern, scheiterten aber am hohen Pressing der Chilenen und Niederländer.

Ob Pep Guardiola sich hiervon beeinflussen lässt? Der Katalane ist überzeugt von seinem Ballbesitz-System, er wird es nicht opfern. Zumal er selbst taktisch sehr flexibel ist, was Wechsel innerhalb seines Systems angeht. Eher dürften sich andere Bundesliga-Trainer inspirieren lassen, mehr taktische Wechsel zwischen und innerhalb der Spiele einzustreuen. Das würde es für die Bayern logischerweise schwerer machen, sich auf die Spiele vorzubereiten.

Auch im Pressing unterscheidet sich diese WM vom Bundesliga-Betrieb: Während in der Bundesliga die Teams meistens den Gegner im Mittelfeld stören, betreiben vor allem die Südamerikaner bei dieser WM ein hohes Angriffspressing weit in der gegnerischen Hälfte. Die Teams wechseln dabei zwischen einem sehr hohen Pressing und Phasen, in denen sie sich an den eigenen Sechzehner zurückziehen und ausruhen. Ob dieser Fußball allerdings im kommenden Jahr in der Bundesliga zu sehen sein wird, ist fraglich. In der südamerikanischen Hitze ist es ratsamer, intensive mit ruhigen Spielphasen abzuwechseln, im gemäßigten Klima Europas ist dies nicht notwendig.

Auffällig ist zudem, dass viele Teams Erfolg haben, die mit einer Dreierkette spielen. Mit den Niederlanden und Costa Rica stehen zwei Vertreter dieser Zunft im Viertelfinale, Chile und Mexiko sind mit ihren Dreierketten nur knapp im Achtelfinale gescheitert. Viele europäische Teams scheinen nicht mehr daran gewöhnt zu sein, gegen eine Dreierkette zu spielen; ihnen fehlen die taktischen Mittel, um solche Defensivreihen zu knacken. So konnte bislang die Niederlande als einzige europäische Mannschaft gegen ein Team mit Dreierkette gewinnen – ausgerechnet jenes Team, das selbst mit einer solchen Formation agiert.

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Pep Guardiola dürfte sich dies mit Interesse angeschaut haben, hat er doch im DFB-Pokalfinale selbst auf eine Dreierkette umgestellt. In Deutschland spielt praktisch jedes Profiteam mit einer Viererkette, andere Defensivformationen sind die große Ausnahme. Vielleicht spekuliert Guardiola in der kommenden Saison darauf, dass auch die Bundesliga- und CL-Gegner kein Mittel gegen eine Dreierkette finden.

Diese Weltmeisterschaft wird vor allem wegen ihrer vielen Tore in Erinnerung bleiben. 20% der Tore fielen nach Standards, weitere 10% nach Elfmetern. In der Bundesliga ist diese Quote etwas niedriger. Allerdings verteidigen bei der WM viele Teams Standards in einer Mischung aus Raum- und Manndeckung; in der Bundesliga sieht man häufiger die reinen Formen dieser Deckungsarten. Viele WM-Teilnehmer versuchen, den kurzen Pfosten mit einer Raumdeckung zu sichern, und decken zusätzlich die Gegenspieler im Sechzehner eng. Es könnte sein, dass deutsche Trainer sich hiervon inspirieren lassen.

Pep Guardiola könnte einige Trends übernehmen, um die Bayern in der kommenden Saison unberechenbarer zu machen. Wer weiß, vielleicht schaut er sich die niederländische Dreierkette oder die deutsche Flexibilität noch einmal genauer vor Ort an.

Von Tobias Escher, ­Taktikexperte bei Spielverlagerung.de

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