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„Ich habe alles, was ich brauch“ – Müller im tz-Interview über Heimatliebe, Erfolg und das erste Jahr mit Nagelsmann

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Von: Manuel Bonke, Philipp Kessler

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Müller vor seiner beeindruckenden Trikotsammlung.
Müller vor seiner beeindruckenden Trikotsammlung. © instagram screenshot/esmuellert

Thomas Müller ist ein FC Bayern-Urgestein. Im tz-Interview spricht er über das FC Bayern Haifischbecken, Nagelsmann und sein persönliches Ziel.

München – Ein Leben für den FC Bayern: Thomas Müller (32) hat seinen Vertrag beim deutschen Rekordmeister kürzlich vorzeitig bis 2024 verlängert. Der Ur-Bayer spielt bereits seit seinem zehnten Lebensjahr für den Münchner Vorzeigeverein und durchlief sämtliche Juniorenmannschaften, ehe er im Jahr 2008 den Durchbruch bei den Profis schaffte. Mit elf Meisterschaften im Bayern-Dress ist Müller der erfolgreichste Spieler in der Geschichte des deutschen Fußballs. Das tz-Interview. 

Herr Müller, gefällt Ihnen die Rolle des Ur-Bayern?

Müller: Ich komme aus Bayern, ich liebe Bayern, ich verkörpere hier beim FC Bayern mit Sicherheit am meisten diesen bayerischen Typen, weil ich mit den Traditionen hier aufgewachsen bin. Aber ich stehe trotzdem nicht zu Hause vor dem Spiegel und sage mir: „Mei, bin ich ein toller Ur-Bayer.“ Ich fühle mich wohl hier und bin stolz auf meine bayerischen Wurzeln, aber vor allem liebe ich die bayerische Lebenskultur. Aus meiner Sicht bedeutet das die perfekte Mischung aus Tradition und Moderne, Fleiß und Genuss. Nach getaner Arbeit im Biergarten zu sitzen und es sich unter den Kastanien gut gehen zu lassen, ist ein Traum.

Sie haben kürzlich Ihren Bayern-Vertrag bis 2024 verlängert. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, für immer beim FC Bayern zu bleiben?

Müller: Das ist eine einfache Antwort, weil ich hier alles habe, was mir Spaß macht im Profifußball. Ich kann nicht beurteilen, wie es woanders ist. Aber hier weiß ich auf jeden Fall, dass ich um Titel mitspiele – national wie international. Wir haben die vergangenen zehn bis 15 Jahre sehr viele Meisterschaften gewonnen und immer um Europas Krone gespielt. Dementsprechend sind die Voraussetzungen von der sportlichen Seite super und keinesfalls langweilig.

Und auf persönlicher Ebene?

Müller: Dass ich im Verein verwurzelt bin, auch was das Team hinter dem Team betrifft, kommt natürlich dazu. Ich habe langjährige freundschaftliche Beziehungen hier, ob mit Physios, Ärzten oder dem Küchen-Team. Das Gefühl ist einfach gut. Und dann hat man auch noch die Region: Aus München wegzugehen, ist nicht leicht. Unabhängig davon, ob ich hier aufgewachsen bin oder nicht. Klar, wir sind nicht am Strand. Aber ich bin gar nicht sicher, ob der Strand auf Dauer gegen den Berg gewinnt. (lacht)

Lisa und Thomas Müller züchten gemeinsam Pferde.
Lisa und Thomas Müller züchten gemeinsam Pferde. © FrankHoermann/imago-images

Ihre Frau und Sie haben auch ein Gestüt. Welche Rolle spielt das Private in der Entscheidungsfindung?

Müller: Bei einer Vertragsentscheidung sollte immer die Gesamtgemengelage betrachtet werden. Wenn es um ein neues Arbeitspapier geht, sind mir folgende Punkte wichtig: Habe ich Spaß beim Job? Passt das Umfeld? Fühle ich mich wohl und kann ich meine Leistung in dem Umfeld optimal abrufen? Wie sieht es mit der Laufzeit und dem Gehalt aus? Und dann geht es natürlich ums Familiäre. Aber meine Heimatverbundenheit hat ehrlich gesagt unter dem Strich eher eine untergeordnete Rolle gespielt, ob ich beim FC Bayern bleibe oder nicht. Man ist ja täglich auf dem Vereinsgelände, verbringt die meiste Zeit mit seiner Mannschaft. Hier spielt die Musik. Hier muss alles stimmen. Aber natürlich ist es schön, dass ich es nicht weit zu meiner Frau und unseren Pferden habe.

Es gibt die Gerüchte um eine Klausel, mit der sich Ihr Vertrag bei Erfüllung gewisser Parameter relativ einfach bis 2025 verlängern würde.

Müller: Nein, es gibt keine Klausel.

Gab es jemals in Ihrer Karriere den Moment, in dem Sie ernsthaft darüber nachgedacht haben, den FC Bayern zu verlassen?

Müller: Dreimal. Ralf Rangnick wollte mich, als Jürgen Klinsmann in München Trainer war, nach Hoffenheim holen. Zu dem Zeitpunkt im Winter der Saison 2008/09 war ich bei den Bayern Amateuren und hätte in Hoffenheim dauerhaft in der Bundesliga spielen können. Das war damals relativ knapp. Rückblickend betrachtet hat sich Hermann Gerland damals glücklicherweise mit aller Macht dagegen gestemmt und den Transfer verhindert. Als Louis van Gaal bei Manchester United war, war diese Option für mich auch interessant. Mit meinen Gedanken war ich auf der Spur, dass ich es mir vorstellen konnte, wieder unter meinem „Entdecker“ zu spielen. Aber da war ich nicht wirklich nah an einem Wechsel, weil der FC Bayern dem Ganzen eine klare Absage erteilt hat – trotz dieses Wahnsinns-Angebots von United. Das war ein riesiger Vertrauensbeweis seitens des FCB.

Und dann 2019 unter dem damaligen Bayern-Coach Niko Kovac.

Müller: Genau. Wie schon mehrmals erzählt, hätte ich wechseln wollen, wenn sich meine Situation nicht verbessert hätte. Es geht mir in erster Linie darum, ob es sportlich passt, ob ich meine Liebe zum Fußball auch auf dem Platz ausleben kann. Und da ich in dieser Phase die Spielzeit, die ich gerne gehabt hätte, eben nicht bekommen habe, habe ich das Gespräch mit dem Verein gesucht, um Eventualitäten abzuklopfen. Mir war natürlich bewusst, dass man einen Vertrag nicht mit dem Passus unterschreibt: ‚Nur bei guter Laune zu erfüllen.‘

Was ist Vereinstreue heutzutage noch wert?

Müller: Dieses Wort… Es kommt dabei auf enorm viele Faktoren an: Welchen Trainer habe ich gerade? In welcher Situation ist der Verein? In welchem Entwicklungsstadium befinde ich mich selbst? Und wenn das nicht zusammenpasst, dann haben sich selbst bei Spielern, die aus der Jugend kamen und die mit dem Verein eine innige Beziehung hatten, die Wege getrennt. Schauen wir uns doch mal große Legenden des FC Bayern oder anderer Topklubs an. Auch wenn ein Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Holger Badstuber nicht ihre gesamte Karriere beim FC Bayern waren, war die Identifikation enorm. Darf ich noch weiter ausführen?

Bitte.

Müller: Wenn der AC Mailand zum Beispiel während der besten Karrierephasen von Paolo Maldini keine tolle Mannschaft gehabt hätte, wäre ich mir nicht sicher, ob er dann gesagt hätte: „Jetzt spiele ich um den 7. Platz mit und alles ist super.“ Das ganze Thema wird aus meiner Sicht oftmals zu heiß gekocht.

Apropos: Maldini hat bis zu seinem 41. Lebensjahr Profifußball bei Milan gespielt. Haben Sie sich einen Zeitpunkt für Ihr Karriereende gesetzt?

Müller: Ich habe im Kopf, bis 2025 auf Top-Niveau zu spielen. Ob das eintritt, weiß ich nicht. Aber so ist das Planspiel. Das hat sich nicht geändert.

FC Bayern scheitert an Villarreal: Die Reaktion von Thomas Müller.
FC Bayern scheitert an Villarreal: Die Reaktion von Thomas Müller. © PIERRE-PHILIPPE MARCOU/afp

Was würden Sie gerne danach machen?

Müller: Ich bin in einem Stadium der Karriere, in dem man sich darüber durchaus schon mal Gedanken macht. Aber konkret wird es nie, weil ich viel zu viel Fokus brauche, um auf diesem Niveau weiterhin mithalten zu können. Deswegen kann ich gerade nicht nebenher ein zweites Standbein in einer anderen Sparte aufbauen. Ich schiebe das nach hinten. Ich fühle wohl dabei, verspüre keinen Druck und habe verschiedenste Optionen.

Welche?

Müller: So richtig festlegen kann man das gar nicht. Grundsätzlich will ich die Nähe zum Fußball behalten. In welcher Form und in welcher Intensität, das wird sich dann zeigen.

Zurück zur Gegenwart: Der FC Bayern ist zum zehnten Mal in Serie Meister. Verstehen Sie, dass nun die Spannungsdiskussion wieder aufkommt?

Müller: Ich bin gerne jemand, der versucht, Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die wirklichen Fans sind ja selten Fans der Liga, sondern Anhänger eines Vereins. Und dementsprechend ist es wahrscheinlich einem Köln- oder Freiburg-Fan dieses Jahr sekundär, ob der Meisterschaftskampf an der Tabellenspitze spannend ist. Ich glaube, wenn man diese Fans fragt, ist die aktuelle Spielzeit eine überragende Saison gewesen.

Bayerns Vorstands-Boss Oliver Kahn wünscht sich mehr Spannung, um die Liga sowohl für Fans, Top-Stars als auch aus Vermarktungssicht wieder attraktiver zu machen.

Müller: Aus Sicht der DFL, wenn es um das Produkt Bundesliga geht, oder für die breite Öffentlichkeit wäre es sicher wünschenswert, wenn man zwei, drei Klubs hätte, die sich jährlich einen erbitterten Kampf um die Spitze liefern. Unser Job ist es nicht, für Spannung zu sorgen – im Gegenteil.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Konkurrenz in der jüngsten Vergangenheit nie da war, wenn ihr mal geschwächelt habt.

Müller: Objektiv betrachtet lautet die Frage doch: Ab wann ist ein Konkurrent stark? Wie viele Punkte muss ein Tabellenzweiter holen, damit er gut war? Ich habe mir auch mal die Tabellen der vergangenen Jahre angeschaut. Wir haben eigentlich immer roundabout 80 Punkte geholt.

Was wäre Ihr Lösungsansatz, um die Liga wieder spannender zu machen?

Müller: Völlig unabhängig vom subjektiven Empfinden. Wenn es spannender werden soll, müssen andere Teams in der Lage sein, diese Punktzahl zu erreichen. Sonst wird es mit einem spannenden Meisterschaftskampf nichts werden. Schließlich werden wir Spieler und der FC Bayern daran gemessen, dass wir besser performen als die anderen. Es ist ja sowieso kurios: Wir werden zum zehnten Mal in Folge Meister, man hört immer, das sei langweilig – und gleichzeitig wird in der Öffentlichkeit auch darüber debattiert, dass es beim FC Bayern so nicht weitergehen kann, weil es bei uns ja angeblich so schlecht läuft. Beim FC Bayern war es schon immer so, dass Kritik am Verein den Erfolgshunger gefördert hat. Einlullen und in Sicherheit wiegen, wäre für mehr Spannung an der Ligaspitze vielleicht der bessere Ansatz. (grinst)

Thomas Müller: „Beim Training muss man auch das Hirnkastl einschalten“

Aber passen Erwartung und Realität in dieser Saison zusammen?

Müller: Ganz einfach: Wenn du Villarreal in der Champions League hast, bist du bei allem Respekt in der Favoritenrolle. Was ist passiert? Wir sind nicht weitergekommen. Daran müssen wir uns messen lassen, dementsprechend kriegen wir gerade aufs Dach.

Finden Sie die Kritik überzogen?

Müller: Teilweise ist sie angemessen. Gewisse Details sind auch überzogen, aber solange es nicht persönliche Grenzen überschreitet, sehe das eher entspannt.

Julian Nagelsmann hat für nächste Saison mehr Titel versprochen. Wie haben Sie ihn in seiner ersten Saison als Bayern-Trainer erlebt?

Müller: Die Aufgabe als Bayern-Trainer ist ein anstrengender, fordernder Job. In der Hinrunde haben wir dominiert, in der Rückrunde müssen wir zugeben, dass wir hinter unseren Erwartungen geblieben sind, auch aufgrund der Ergebnisse. Somit hat Julian gleich in seinem ersten Jahr auf und neben dem Platz eine große Bandbreite des Haifischbeckens FC Bayern erlebt und kann seine Schlüsse daraus ziehen. Ich glaube, wir werden als Mannschaft von diesen Erfahrungen im nächsten Jahr profitieren.

Es heißt, das Nagelsmann-Training sei sehr anspruchsvoll. Vielleicht zu anspruchsvoll?

Müller: Gott sei Dank sind die Einheiten anspruchsvoll. Man entwickelt sich weiter, wenn es neuen Input gibt. Auch wenn es Zeit braucht, alles zu festigen. Diese Einheiten sind so, dass du mit dem Kopf bei der Sache sein musst. Ich bin richtig froh darüber, dass diese Trainings nicht nur körperlich von intensiver Natur sind, sondern dass man auch das Hirnkastl einschalten muss. Die Mischung zu finden aus der Wiederholung und dem Einschleifen erfolgreicher Muster – und zeitgleich offen zu sein für neue Lösungen. Das ist das Ziel, individuell und als Team.

Zum Abschluss spielt Bayern in Wolfsburg. Wie groß ist die Motivation?

Müller: Wir wollen gewinnen, auf dem Platz Spaß haben und unseren Fans einen schönen Saisonausklang bescheren, ehe wir am nächsten Tag gemeinsam mit ihnen endlich wieder auf dem Marienplatz feiern können.

Nach dem letzten Liga-Spiel gibt es nur ein paar Tage Pause, danach geht es mit der Nations League weiter. Freuen Sie sich eigentlich auf die anstehenden Länderspiele?

Müller: Auf jeden Fall freue ich mich. Die Belastung ist gefühlt wie eh und je. Ich kenne es nicht anders. In meiner Profikarriere habe ich bisher wahrscheinlich immer zwischen 50 und 60 Spiele pro Saison gemacht. Davon, den Kalender allerdings künstlich aufzubauschen und zu erweitern, halte ich nichts. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass wir sehr gut bezahlte Fußballprofis sind, da gibt es über die aktuellen und üblichen Belastungen nichts zu jammern.

Interview: Manuel Bonke, Philipp Kessler

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