Vor der neuen Saison

Diese Probleme muss Kovac lösen, wenn er mit Bayern Erfolg haben will

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Auf Niko Kovac warten beim FC Bayern spannende Aufgaben.

Auf Trainer Niko Kovac warten einige Baustellen im Team des FC Bayern. Die muss er beheben, wenn er mit den Münchnern Erfolg haben will.

München - Niko Kovac steht vor seiner ersten Saison als Trainer beim FC Bayern München. Und auch wenn er es bei seiner Vorstellung vermied, Titel oder Platzierungen als Ziele auszugeben, ist doch eines klar: Beim FC Bayern zählt nur der Erfolg. Nichts anderes wird auch von Kovac erwartet. Der hat dazu noch die delikate Aufgabe, den Umbruch der langsam in die Jahre gekommenen Mannschaft zu dirigieren. Will er dabei trotzdem Erfolg haben, muss Kovac gleich mehrere Probleme in der Mannschaft lösen.

Kovac will Alternativen zum Ballbesitz-Fußball

Eine große Frage wird sein: Mit welchem Spielsystem lässt Niko Kovac seine Mannschaft auflaufen? Seit Luis van Gaal dem Bayern-Spiel seinen Stempel aufdrückte, stehen die Bayern mit einem 4-3-3-System für Ballbesitz-Fußball, wie man ihn vom FC Barcelona kennt. In der Vergangenheit taten sich die Münchner häufig schwer, wenn sie gegen tiefstehende und konterstarke Teams spielten. Und auch bei der WM zeigte sich. Der Ballbesitzfußball der letzten Jahre scheint ausgedient zu haben.

Sportdirektor Hasan Salihamidzic hatte aber schon betont, dass das 4-3-3-System beibehalten werden soll. Der gesamte Jugendbereich des Rekordmeisters sei schließlich auf dieses Spielsystem ausgerichtet. Kovac hat in Frankfurt dagegen häufig ein 3-5-2 spielen lassen. Und auch bei seiner Vorstellung betonte er, dass er mehr taktische Flexibilität und ein zusätzliches Spielsystem etablieren wolle. Sollten die Münchner tatsächlich einmal in dieser Formation auflaufen - wodurch Kimmich und Alaba nach vorne rücken - ergäbe sich ein weiteres Problem.

Überangebot im Mittelfeld - wie löst Kovac das Problem?

Bereits in der vergangenen Saison waren die Bayern im Mittelfeld stark besetzt. Nach aktuellem Stand der Kaderplanung verschärft sich die Situation sogar noch: Mit Goretzka, Gnabry und Renato Sanches kommen drei weitere Anwärter dazu - je nach Spielsystem müssen auch Kimmich und Alaba noch miteinbezogen werden. Dann wird es eng in der Startelf, Unzufriedenheit bei den Spielern auf der Bank scheint da vorprogrammiert.

Für das Problem stehen zwei Lösungen im Raum. Entweder Kovac lässt ein System spielen, das auf einem besonders breit aufgestelltem Mittelfeld basiert, oder die Bayern verkaufen noch den einen oder anderen Spieler. Uli Hoeneß ließ bereits durchblicken, dass man bei Anfragen für Vidal und Thiago zu Gesprächen bereit wäre. Abgänge gibt es bisher aber noch nicht.

Beim Rekordmeister stellt sich auch die Frage, ob es Niko Kovac gelingt, dass Renato Sanches sein zweifellos großes Potenzial entfaltet. Von seinem Talent ist der Trainer überzeugt: „Er hat Fähigkeiten, die man in der Bundesliga nicht täglich sieht. Ich hoffe, dass er den Kampf annimmt und hier letztlich einschlägt.“ Sanches wäre dann ein weiterer Anwärter im Kampf um die wenigen Startplätze im Mittelfeld.

Wie dirigiert Kovac den Umbruch auf den Flügeln?

Die Flügel könnten zu einem Brennpunkt in der kommenden Saison werden. Dort waren die beiden Top-Stars und Fanlieblinge Arjen Robben und Franck Ribéry lange Zeit gesetzt. Bereits im vergangenen Jahr hatte Kingsley Coman angedeutet, dass er seinen Landsmann schon bald verdrängen könne. Und mit der Verpflichtung von Serge Gnabry bahnt sich eine ähnliche Konstellation auch auf dem rechten Flügel an, wo bisher Arjen Robben die Außenbahn beackerte.

Welche Rolle werden Ribery und Robben im neuen System spielen?

Dazu kommt, dass die beiden Alt-Stars häufig empfindlich reagieren, wenn sie auf der Bank Platz nehmen müssen. Niko Kovac ist sich der Problematik bewusst. Bereits bei seiner Vorstellung erklärte er: „Ich werde mit beiden sprechen. Aber nicht dahingehend, dass sie nicht sauer sein dürfen, wenn sie mal nicht spielen. Es geht darum, wie wichtig sie sind.“ Wie gut er die beiden Führungsspieler im Griff hat, wird maßgeblichen Einfluss auf das Betriebsklima beim Rekordmeister haben - und damit auch auf den Erfolg der Mannschaft.

Kann Kovac Robert Lewandowski wieder motivieren?

Die Transfergerüchte um den wechselwilligen Robert Lewandowski wollten vor und zu Beginn der Weltmeisterschaft kein Ende nehmen. Immer wieder hatte der Stürmer und dessen Berater einen Wechsel zu Real Madrid forciert. Ohne Erfolg - die Bayern-Führung blieb hart und verweigerte dem Polen die Freigabe. Nach dessen enttäuschenden Leistungen bei der Weltmeisterschaft scheint das Interesse der europäischen Spitzenvereine an dem Stürmer abgeflaut zu sein.

Kovac kann also ziemlich sicher mit dem Polen planen. Die Frage ist: Wie motiviert wird der agieren? Es wird Kovac‘ Aufgabe sein, Lewandowski nach all den Querelen und der unglücklichen Weltmeisterschaft, wieder für das Tagesgeschäft zu motivieren. Dass der dabei seine ganz eigene Ansicht hat, deutete er bereits an. Ende Juli möchte der Stürmer mit der Vereinsführung über die vielen verletzten Spieler und Fehler der vergangenen Saison sprechen.

Wie geht es den Nationalspielern nach der desaströsen WM?

Eine weitere Frage lautet auch: Wie geht es den deutschen Nationalspielern nach deren frühem und enttäuschendem Ausscheiden in Russland? Es wird an Kovac liegen die geknickten und harsch kritisierten Spieler wieder aufzubauen.

Vielleicht ist das frühe WM-Aus aber sogar förderlich für die Saison der Bayern. Die Nationalspieler kehren so bedeutend früher in das Training beim Rekordmeister zurück - gerade bei einem neuen Trainer, der auch an neuen Spielsystemen arbeiten will, ist das von unschätzbarem Wert. Und die Spieler werden darauf brennen, die Scharte des WM-Scheiterns auszuwetzen.

Bekommt Kovac Vorbereitung und Marketing unter einen Hut?

Die China-Reise, die die Bayern während der letzten Saisonvorbereitung unternahm, stieß damals auf Kritik von Seiten des Trainerstabs. Und auch Hoeneß gestand, dass die Strapazen der Marketing-Reise „grenzwertig“ für die Spieler gewesen seien. Dieses Jahr zieht es die Bayern für eine Woche (ab dem 23. Juli) in die USA. An dem Termin selbst kann Kovac nichts mehr ändern, aber er hat aus dem vergangenen Jahr seine Lehren gezogen. So sollen dieses Jahr Medientermine erst ab 20 Uhr stattfinden. Davor soll der gesamte Fokus der Spieler auf der Trainingsarbeit liegen.

Ab dem 1. August beziehen die Münchner außer noch Quartier am Tegernsee zu einem zweiten Trainingslager. Da sind dann auch die WM-Fahrer wieder mit am Start.

Kann Kovac die Talente aus den Jugend-Teams integrieren?

Während auf dem Transfermarkt über neue Rekordtransfers spekuliert wird, verhalten sich die Münchner bisher auffallend ruhig. Dahinter steckt auch eine Neuausrichtung beim Rekordmeister. Den Bau des Nachwuchs-Campus begründete Uli Hoeneß auch damit, dass die Münchner nicht bei dem Transferwahnsinn mitmachen und lieber eigene Talente zu den Profis bringen wollen. In Niko Kovac sahen die Bayern dazu eine perfekte Trainer-Wahl.

Die erste Generation an talentierten Nachwuchsspielern steht jetzt bereit. Ob die sich allerdings schon bei den Profis durchsetzen können, ist fraglich. Lukas Mai, Adrian Fein, Meritan Shabani und Franck Evina erhielten zwar Profi-Verträge, doch bei dem gewaltigen Spieler-Angebot im Bayern-Kader wird es selbst einem Trainer wie Kovac schwer fallen, dem Nachwuchs regelmäßige Einsatzzeiten zu geben.

Es wartet also viel Arbeit auf den neuen Bayern-Trainer. Wenn es ihm gelingt, die vielen Baustellen beim Rekordmeister in den Griff zu bekommen, steht den Bayern ein spannendes Jahr bevor. Ansonsten drohen aber die vielen kleinen Risse, die in der vergangenen Saison auftraten und nur mühsam geflickt wurden, wieder aufzubrechen.

tb

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