Elgert brachte Neuer und Sané heraus

Talente-Guru verrät: Darum kam er trotz Anfrage nicht zum FC Bayern

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Schob viele große Karrieren an: Norbert Elgert ist das Gesicht der Schalker Knappenschmiede.

Norbert Elgert zählt zu den bekanntesten Nachwuchstrainern Deutschlands. Er entdeckte bei Schalke 04 Manuel Neuer oder Leroy Sané. Im Interview verrät der Talente-Guru, warum es nicht zu einem Engagement beim FC Bayern kam.

München - Als Spieler schoss der Stürmer Norbert Elgert zwölf Tore in 57 Erstligaspielen für Schalke 04. Seit 1996 ist der mittlerweile 62-Jährige dort für die A-Jugend verantwortlich. Da unter anderem die aktuellen deutschen Nationalspieler Manuel Neuer (33), Leroy Sané (23), Julian Draxler (25), Thilo Kehrer (22), der amtierende Champions-League-Sieger Joel Matip (27) und 2014-Weltmeister Mesut Özil (30) durch ihn gereift sind, scheint Elgert einiges richtig zu machen.

Die sechs Genannten haben zusammen einen Marktwert von rund 250 Millionen Euro und sprechen als Wegbegleiter in Elgerts Buch „Gib alles, nur nie auf“. Die tz sprach mit dem Autor über Ausbildung im Fußball, überhöhte Gehälter und 25.000-Euro-Outfits.

Herr Elgert, wenn Sie heute einen achtjährigen Sohn hätten…

Elgert: Das wäre ein Spaß (lacht). Was kommt jetzt?

…und er Ihnen den Berufswunsch Fußballprofi eröffnen würde. Bekäme er Ihren Segen?

Elgert: Wenn er talentiert wäre, würde ich seinen Traum auf jeden Fall unterstützen. Aber mit der nötigen Gelassenheit, denn in dem Alter ändern sich Berufswünsche und Träume noch relativ häufig. Das Wichtigste wäre für mich der Spaß und die Spielfreude.

Was halten Sie dann von Nachwuchsleistungszentren?

Elgert: Die Zentren und DFB-Stützpunkte haben dazu beigetragen, dass sich in Deutschland etwas entwickelt hat. Ich bin aber dagegen, dass Kinder zu früh zu viele Kilometer ins Training fahren, denn dadurch geht zu viel wertvolle Zeit ihrer Kindheit verloren. Auch der zu frühe Leistungsdruck kann negative Folgen haben. Spaß und Freude sollten selbst bei Profis immer noch größer sein als der individuell empfundene Druck. Denn Druck erdrückt.

Klingt nach Fußballromantik.

Elgert: Wahrscheinlich haben Sie recht, aber man muss darüber sprechen. Ich glaube auch nicht, dass die Bundesligisten zu einem Agreement in der Nachwuchsarbeit bereit sind. Irgendwo gibt es immer einen Vorvertrag. Der Wettbewerb ist brutal, ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich kann die Vereine wegen des Konkurrenzdrucks ein Stück weit verstehen.

Die Jugendlichen sind dadurch einem knallharten Prozess des Aussortierens ausgesetzt.

Elgert: Solche Gespräche sind alles andere als Spaß. Aber Trainer müssen überzeugend vermitteln, dass so eine Trennung kein Ende als Fußballer ist, sondern nur eine Rückmeldung über den aktuellen Leistungsstand. Und dass, egal ob es Bayern, Schalke oder sonst einen Verein betrifft, der Klub nicht der Nabel der Welt ist. Wichtig ist, es schonend und so positiv wie möglich zu vermitteln. Trotzdem bricht natürlich in solchen Fällen zunächst mal eine kleine Fußballwelt zusammen.

Wie hoch ist bei Schalke Ihre Durchlassquote an Spielern, die es zu den Profis schaffen?

Elgert: Um fünf Prozent, da gehören wir europaweit sicherlich zu den Besten. Aber was soll Ihre Frage bezwecken?

In München ist sie deutlich niedriger, der Letzte, der es geschafft hat, war David Alaba 2010. Warum?

Elgert: Bei einem Verein wie Bayern mit dem Anspruch und der Qualität im Kader ist es deutlich schwieriger, Jugendspieler hochzubekommen, aber es geht. Wieso es in den vergangenen Jahren nicht geklappt hat, kann ich nicht beurteilen.

2016 wären Sie beinahe am FCB-Campus gelandet, richtig?

Elgert: Der Kontakt war da, wurde aber nie intensiviert. Uli Hoeneß wollte mich zu einem Gespräch treffen und der damalige Kaderplaner Michael Reschke hat mich deshalb kontaktiert. Clemens Tönnies hat das aber mitbekommen und zu mir gesagt: „Norbert, du kommst hier nicht weg, ich brauche dich hier.“ Kürzlich habe ich von Michael Reschke eine SMS bekommen. Er schrieb: „So arbeiten wir jetzt doch noch zusammen.“

Sie haben viele Weltstars herausgebracht. Gab es einen Fall, bei dem Sie sofort wussten, das wird einer?

Elgert: Noch nie. Selbst im Alter von 16 bis 19 Jahren kann noch sehr viel passieren. Neben Talent und einer Topeinstellung brauchst du auch das nötige Quäntchen Glück. Joel Matip beispielsweise, den wollte Felix Magath 2009 einfach sehen im Training. Dann hat er ihn in München ins kalte Wasser geworfen und er hat ein Tor erzielt. Jetzt ist er Champions-League-Sieger.

Warum ist der Schritt so schwer?

Elgert: Selbst wenn ein Spieler großes Talent hat, stellt ihn das nur in die Tür zum Profifußball. Du brauchst Einstellung, Charakter und Persönlichkeit, um durch die Tür durchzugehen. Oft wird es gerade den Hochbegabten zu leicht gemacht, denn du brauchst ein Talent, das Talent zu nutzen.

Wie stehen Sie zu Sozialen Medien?

Elgert: Durch die Veränderung der Gesellschaft ist es schwer, auf die laut Forschung nötigen 10.000 Stunden Übung zu kommen, die du brauchst, um auf einem bestimmten Gebiet Spitze zu werden. Die Jungs sind viel abgelenkt. Ich bin nicht gegen diese Dinge, aber ich habe noch keinen Spieler gesehen, der sich in dem Moment, in dem er sich mit seinem Handy oder der Spielkonsole beschäftigt, im Fußball verbessert hat.

Ihre Spieler loben alle, von Ihnen ein Wertesystem mitbekommen zu haben. Wenn Leroy Sané in einem 25.000-Euro-Outfit auftritt, stimmen die Werte da noch?

Elgert: Ich bin nicht der Kritiker meiner Spieler, ich werde öffentlich nie etwas Schlechtes über meine Jungs sagen.

Aber in einem Vier-Augen-Gespräch?

Elgert: Kann sein (lächelt). Mir muss nicht immer alles gefallen. Wenn man früh zigfacher Millionär wird, ist das für keinen Menschen einfach. Die Persönlichkeit ist bei vielen sehr weit, aber sie kann nicht in dem Tempo mitwachsen. Der Status, vor hunderttausend Menschen zu spielen, ständig live im Fernsehen zu sein, sich Dinge erlauben zu können, die sich die meisten Menschen nicht leisten können - das ist nicht einfach, damit klarzukommen. Dafür brauchst du ein sehr stabiles familiäres Fundament und Trainer, die versuchen, dich in die richtige Richtung zu lenken. Leroy und die anderen Jungs müssen nur wissen und verinnerlichen, dass solche Dinge schön sind, aber nicht wirklich wichtig.

Die Spieler sollen den Bezug zur Realität nicht verlieren?

Elgert: Für mich zählt, dass sie bodenständig bleiben und etwas zurückgeben. Das muss nicht öffentlich sein, das muss von hier kommen (klopft sich auf sein Herz). Aus Überzeugung. Jeder, der so privilegiert ist wie ein Fußballprofi, der hat verdammt noch mal die Pflicht, dem Leben etwas zurückzugeben und sozial aktiv zu sein. Niemand darf glauben, dass er sich durch materielle Dinge über andere Menschen erheben kann. Ich kenne meine Jungs - wenn einer von ihnen ein Arschloch wäre, würde ich den Kontakt sofort abbrechen.

Wie ist der Kontakt heute?

Elgert: Wie früher, ein Trainer-Spieler-Verhältnis eben. Ich habe mit Manuel (Neuer, d. Red.) wegen meines Buchs zu einem Zeitpunkt telefoniert, als es ihm wegen seiner Verletzung nicht so gut ging. Ich wollte ihn nicht lange stören, aber es entstand ein langes Gespräch.

Was sagen Sie zu seinem Comeback?

Elgert: Es war entscheidend, dass er seine Weltklasse noch in der alten Saison unter Beweis gestellt hat. Auch wenn er mental stark ist, für seine Seele war das unglaublich wichtig.

Neuer hat in seiner Karriere erstmals Gegenwind erfahren. Soll man in solchen Momenten mitfühlen, oder ist das unnötig, weil die Spieler durch den Fußball unverhältnismäßig reich geworden sind?

Elgert: Auch Profis sind keine Maschinen. Du kannst nicht einfach auf einen Knopf drücken und da kommt dann jeden Tag Spitzenleistung raus. Jeder Profi hat aber die Pflicht, für seinen Arbeitgeber, die Fans und die Mannschaft jeden Tag 100 Prozent zu geben. Ich übertreibe jetzt ein wenig, aber wer so einen privilegierten Job wie ein Fußballprofi hat, muss eigentlich nach jedem Spiel so kaputt sein, dass er vom Platz getragen werden muss.

Interview: Mathias Müller

Leroy Sané gilt als Nachfolge-Kandidat von Robbery beim FC Bayern. Wie der Flügelflitzer tickt, hat uns Norbert Elgert verraten. Manuel Neuer machte zuletzt nicht nur mit seinen Fähigkeiten als Keeper auf sich aufmerksam - gegen Weißrussland glänzte er auch als Dribbler.

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