Was ist dran am Bayern-Kandidaten?

Ödegaard und die Welt der Wunderkinder

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Martin Ödegaard (r.) im norwegischen Nationaltrikot.

München - Mit halb Europa balgt sich der FC Bayern um den 16-jährigen Martin Ödegaard. Was ist dran am Norweger und der Welt der Wunderkinder?

Er hat wallendes blondes Haar, er ist der Fußballstar seines Landes Schweden, ein früher Zlatan Ibrahimovic. Im Jahr 1973 also ereignet es sich, dass der Torjäger der schwedischen Nationalmannschaft an einem Spielplatz vorbeispaziert, auf dem ein paar Jungen kicken. Der Ball fällt ihm vor die Füße. Okay, als Star kann man ihn nicht einfach schnöde zurückspielen, man muss schon ein paar Tricks anbieten und wenigstens einen der Buben ein wenig foppen. Funktioniert nicht: Der schwedische Superstürmer bleibt an diesem Zwerg mit den dünnen Beinen hängen, verliert den Ball und holt ihn sich nicht wieder. Fimpen – so heißt der Junge – ist besser.

So wird Fimpen, sechs Jahre alt, entdeckt. Es geht dann alles rasend schnell bei ihm. Mit seinem Genius belebt er die Profimannschaft von Hammarby IF, kommt auch gleich ins Nationalteam, das sich für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland qualifizieren muss. Mit Fimpen gelingt das. Für den jungen Mitspieler müssen die etablierten Leute jedoch manches Opfer bringen: Ihm während der Partie die aufgegangenen Schuhbändel zusammenschnüren – oder zum Einschlafen Märchen vorlesen.

„Fimpen der Knirps“ ist Fiktion, ein schwedischer Film von 1974, der in Deutschland im Fernsehen gezeigt und danach vergessen wurde. Bis zu seiner Wiederentdeckung: Vor zwei Jahren wurde er auf dem „11mm-Festival“ in Berlin zum besten Fußballfilm aller Zeiten gekürt. Weil er Witz hat (die damaligen schwedischen Stars wie die in Kaiserslautern tätigen Ronnie Hellström und Roland Sandberg spielten begeistert mit), weil er technisch fortschrittlich war (Fimpen wurde in Originalszenen der schwedischen WM-Qualifikation hineinkopiert) – und vor allem, weil er mit dem Thema spielte: Der Sehnsucht aller, die sich für Sport interessieren, nach dem Außergewöhnlichen. Nach dem Akteur, der aus dem Nichts kommt, der Phantasie und Visionen zulässt. Nach dem jungen Spieler, der besser ist oder zu werden verspricht als alle anderen. Wir sind anfällig für die Wunderkind-Romantik.

Das zeigt sich in diesen Wochen wieder im Fall von Martin Ödegaard. Er ist jetzt 16 Jahre und zwei Wochen alt. Mit 15 Jahren und 151 Tagen hatte er sein erstes Spiel in der höchsten Liga des Landes bestritten, 64 Tage später war er zum jüngsten Torschützen im norwegischen Profifußball geworden. Zum Jahresende 2014 begab sich der offensive Mittelfeldspieler auf Tournee durch Europa. Heute FC Bayern, morgen FC Arsenal, dann weiter nach Barcelona – und auch Manchester United, Real Madrid, aus der Bundesliga zudem Mönchengladbach und Hoffenheim zählen zu den Interessenten. Offiziell waren es Probetrainings, die Ödegaard bestritt – tatsächlich waren es die Klubs, die sich bei ihm vorstellten. Keiner der Großvereine will es verpassen, den zu bekommen, der vielleicht der nächste Lionel Messi ist und den man, hat er erst einmal eingeschlagen, nie mehr kriegen wird. „Ich will den Begriff Jahrhunderttalent vermeiden – aber Martin Ödegaard ist ein sehr großes Talent“, sagt der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge. Es ist zur Prestigefrage geworden, bei wem Ödegaard unterschreiben wird.

Die Überraschung ist nicht, dass es um einen, der gerade 16 geworden ist, einen derartigen Hype gibt – sondern dass es sich um einen Norweger handelt. Denn Wunderkinder hat man lange fast ausschließlich in den etablierten Fußball-Nationen ausgemacht.

Für Brasilien spielte 1958 Pele als 17-Jähriger seine erste WM. Seitdem pflegt das Land, das den Fußball am intensivsten lebt, eine nicht nachlassende Romantik für Spieler, die schon in jungen Jahren Sonderklasse darstellen. In den vergangenen 20 Jahren hat es solche Spieler auch bekommen: Erst Ronaldo, der 1994 – ohne eingesetzt zu werden – schon zum WM-Kader gehörte. Da war er 17, wechselte anschließend nach Europa (Eindhoven, Barcelona), wo er zum Star seiner Generation wurde. Dicht auf ihn folgte Ronaldinho, der bereits mit 13 für eine Saison ins Ausland ging, zum Schweizer Klub FC Sion, wo sein älterer Bruder einen Profivertrag hatte. Bei Neymar, heute 22, hatte Brasilien schon 2009 die Gewissheit, dass er die Selecao bei der WM 2014 anführen würde.

Auch bei den Argentiniern waren die Größten früh auszumachen: Diego Maradona debütierte zehn Tage vor seinem 16. Geburtstag in der Nationalmannschaft, wurde mit 17 erstmals Weltmeister. Und bei Lionel Messi hatten die Talentbegutachter des FC Barcelona eine Ahnung: Sie verpflichteten ihn als 13-Jährigen, der unter Wachstumsstörungen litt und eine Hormontherapie benötigte. Barcelona bezahlte sie – es war ein gutes Geschäft.

In Deutschland war es Joachim Löw, der zuletzt von einem Wunderkind sprach. Nach dem WM-Finale, das Mario Götze entschieden hatte. „Er ist ja so ein Wunderkind“, spielte der Bundestrainer auf den Ruf Götzes an. Sein Bundesligadebüt hatte er mit knapp siebzehneinhalb gegeben und war in Dortmund schnell zu einem geworden, der den Unterschied ausmachen konnte. In den vergangenen beiden Jahren hatte Götze dann etwas von seiner Magie eingebüßt – doch in Löws Augen war er der Sonderbefähigte geblieben. Des Bundestrainers Motivationsansprache an Götze, als er ihn ins Finale von Rio de Janeiro schickte: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi.“ Wunderkind gegen Wunderkind.

Götze hatte in Deutschland auch schon einige Vorgänger als Wunderkind. Uwe Seeler, von dem heute alle die Vorstellung haben, er müsse schon mit lichtem Haar und Altherrengesicht auf die Welt gekommen sein, kam mit 17 in die Nationalmannschaft. Und 17 war auch Olaf Thon, als er beim legendären Pokalspiel gegen den FC Bayern (6:6) im Jahr 1983 seinen großen Auftritt hatte. Eineinhalb Jahrzehnte später huldigte Deutschland dann Sebastian Deisler, der als Jungspund für Mönchengladbach Freistöße mit nicht erklärbarer Flugkurve schoss.

Deisler kam mit den Wunderkind-Erwartungen nie zurecht, weder mental noch körperlich. Im Winter 2007/07 beendete er seine Karriere, zog sich zurück in ein bürgerliches Leben. Auch das gibt es im modernen Fußball, der mit seinem weltweiten Scouting von Talenten vorgaukelt, er könne die Perspektive eines jeden Spielers abschätzen.

Das Musterbeispiel eines Hochbegabten, der nicht halten hat können, was man sich von ihm versprach, ist Freddy Adu. US-Amerikaner mit ghanaischen Wurzeln. Er war so gut, dass er mit 14 seinen ersten Profivertrag bekam. Nordamerika glaubte, seinen Pele gefunden zu haben. Er sollte die zentrale Figur der Major League Soccer werden. Bei den Olympischen Spielen 2008 – da war Adu 19 – baute Nationaltrainer Peter Nowak (der frühere 1860-Spieler) ein Team um das Talent herum auf. Doch so etwas wie ein Durchbruch ist Adu nie gelungen. Er versuchte sich in Europa, bei Benfica Lissabon, in Frankreich, der Türkei; er ließ sich nach Brasilien ausleihen, konnte vor drei Jahren bei einem Probetraining beim Zweitligisten Ingolstadt nicht überzeugen. Aktueller Klub von Freddy Adu, der ja immer noch jung ist, nämlich 25: keiner. Der FK Jagodina in Serbien beendete vor einer Woche das Arbeitsverhältnis mit ihm. Eine österreichische Internet-Plattform lästerte, nur noch auf seinen Instagram-Bildern sei Adu ein Großer, der mit schönen Frauen, protzigen Autos und goldenen Uhren posiere. Eine sachlichere Betrachtung ist die, Adu habe in der Frühphase seiner Karriere die taktische Ausbildung vernachlässigt – besser, er wäre in eine europäische Nachwuchsschmiede gewechselt.

Die beste: La Masia, die Einrichtung des FC Barcelona. Dort, wo Lionel Messi groß wurde. Oder Andres Iniesta. Allerdings ist La Masia ins Gerede gekommen, weil gegen FIFA-Richtlinien verstoßen wurde. Ein Unter-16-Jähriger darf nur ins Ausland wechseln, wenn die Lebensumstände der Eltern einen Umzug erzwingen. Die Version, dass eine Familie dem begabten Fußballer-Sohn folgt, ist schon nicht vorgesehen. La Masia verstieß in etlichen Fällen gegen die Auflagen, der FC Barcelona wurde daher mit einem Transferverbot bestraft. Ernst Tanner (früher TSV 1860, Hoffenheim), Nachwuchsleiter der österreichischen Red-Bull-Akademie, der die besten Talente auch schon früh abgreifen will, fiel bei einer Besichtigung von La Masia „ein zwölfjähriger Japaner, der sehr verloren wirkte“, auf. Das dürfte Tabefusa Kubo gewesen sein, verpflichtet im Alter von elf Jahren (samt Familie – dank Ausnahmegenehmigung).

Tanner plädiert dafür, Jugendliche so lange wie möglich in ihrem Heimatverein zu belassen. Eine Garantie für gute Entwicklung ist das auch nicht immer. Der FC Bayern hatte mal Berkant Göktan. Franz Beckenbauer bejubelte den A-Jugendlichen, weil der als Trainingsgast bei den Profis „den Helmer getunnelt hat – habt’s das gesehen?“ Uli Hoeneß veranschlagte die Ablöse für Göktan 1998 auf 50 Millionen D-Mark. Doch ein Geschäft konnten die Bayern mit Göktan nie machen: Der Türke erlebte einen Karriereabsturz – inklusive Kokain-Skandal.

Die Versuchungen des Profifußballs hat Filmheld „Fimpen der Knirps“ aus Schweden nicht kennengelernt. Mit sechs Jahren trat er, weil er sich unter seinen Erstklässlerkollegen doch wohler fühlte, aus der Fußball-Nationalmannschaft zurück.

Günter Klein

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