tz-Interview

Breitner über den Traumstart der Bayern: "Wir waren fast geschockt!"

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Bayern-Legende Paul Breitner.

München - Im tz-Interview spricht Paul Breitner über den Traumstart des FC Bayern München. Und beantwortet die Frage, wer dem FCB in der Liga gefährlich werden kann.

Paul Breitner hat einen klaren Blick auf den FC Bayern. Vor dem Spiel gegen Verfolger Dortmund gesteht er ehrlich, dass er niemals mit so einem Einstand von Neuzugang Costa gerechnet hätte, fühlt sich durch Lewandowski an Gerd Müller erinnert und bezeichnet im tz-Interview Dortmunds Spielweise als „feine Sache“.

Herr Breitner, wann hat Ihnen eine Mannschaft des FCB zuletzt so viel Freude bereitet wie die aktuelle?

Paul Breitner: Das ist noch gar nicht so lange her, das war 2007/08 mit den Neuzugängen Franck Ribéry, Luca Toni und Miroslav Klose. Der Start war ähnlich wie in diesem Jahr, das kann man schon vergleichen. Und dazu muss ich auch die gesamte Vorrunde aus der vergangenen Saison nennen. Unter den Umständen, nach einer Weltmeisterschaft, habe ich die beste Vorrunde erlebt, seit ich den FC Bayern verfolge.

Wie ist die denn noch zu toppen? Mit 17 Siegen bis zum Winter?

Paul Breitner: Darüber zu reden, ist vermessen. Mich stören diese ganzen Diskussionen um Rekorde und Statistiken. Für mich geht es um den Genuss des Moments und nicht darum, ob ich mir über Rekorde Gedanken machen muss.

Paul Breitner: Costa erinnert an Ribéry

Apropos Genuss: Ist das auch das richtige Wort, wenn man sich das Offensivspiel des FCB anschaut? Allen voran Douglas Costa?!

Paul Breitner: Irgendwie erinnert mich das, was Douglas Costa uns zeigt, an die ersten Spiele von Ribéry. Als wir ihn damals zum ersten Mal erleben durften, waren wir vor lauter Begeisterung fast schon geschockt. Zum Teil haben wir gar nicht fassen können, was Franck da aus seinen Fußgelenken zaubert. Und Ähnliches erleben wir im Moment mit Costa. Was er zeigt, zählt schon zum Allerfeinsten, was es in einem Fußballstadion zu sehen gibt.

Wussten Sie schon vor seinem ersten Auftritt, was für eine Rakete sich Ihr Verein geangelt hat?

Paul Breitner: Ich denke, niemand konnte erwarten, dass er schon vom ersten Spiel an so auftreten würde, als wäre er schon immer hier gewesen. Für mich ist Costa der ideale Fußballer, der seine individuelle Klasse für die Mannschaft einsetzt. Seine fantastische Dribbelkunst, seine Technik, seine Schnelligkeit – all das hat er auch bei seinem Tor gegen Zagreb gezeigt. Er ist aber nicht nur auf eigene Faust unterwegs, sondern hat schon viele Tore vorbereitet und sorgt mit seinen Flanken für Gefahr.

Besser kann ein Neuzugang nicht einschlagen.

Paul Breitner: Dass er ein Riesenfußballer ist, wussten wir. Möglicherweise ist das an anderen Vereinen vorbeigegangen. Umso glücklicher sind wir, dass er hier ist.

Dazu verwertet jemand momentan fast jede Vorlage. Robert Lewandowski…

Paul Breitner: Genau. Und ich gehöre zu denen, die so etwas Ähnliches schon mal miterleben durften. Damals hieß der Torjäger Gerd Müller.

Paul Breitner: Lewi ist einer der besten Mittelstürmer, die es gibt

Ist Lewy der beste Mittelstürmer, den der FCB seit dem Bomber hatte?

Paul Breitner: Diese Frage erübrigt sich, weil ich niemals Spieler oder Mannschaften aus verschiedenen Jahrzehnten vergleiche. Der Fußball ist heute völlig anders als in den 70er-Jahren. Fakt ist, dass wir momentan den Robert Lewandowski sehen, den wir aus Dortmund verpflichtet haben – nämlich einen der besten Mittelstürmer, die es gibt.

Am Sonntag trifft er auf seinen Ex-Verein. Nach fünf Siegen spielte der BVB zuletzt zweimal nur Remis.

Paul Breitner: Und trotzdem sind die Dortmunder sehr gut gestartet. Ich habe fast jedes Spiel vom BVB gesehen und muss sagen: Das war schon eine feine Sache, was die da zelebriert haben. Durch ihre zwei Unentschieden haben wir jetzt zwar vier Punkte Abstand. Das ändert aber nichts an ihren überzeugenden Auftritten.

Herr Breitner, ist der FCB trotz des Vorsprungs auf Dortmund gewarnt?

Paul Breitner : Unsere Mannschaft unterschätzt niemanden. Weder einen Tabellenletzten und schon gar nicht Borussia Dortmund. Der BVB ist ein besonderer Gegner, ganz klar. Die beiden Spiele gegen Dortmund würde ich mit einem Halbfinale der Champions League vergleichen – von der Bedeutung her. Für diese beiden Duelle quälen sich alle Spieler besonders, das ist absolutes Champions-League-Niveau und definitiv Höhepunkt in jeder Saison.

Tut Thomas Tuchel dem BVB gut?

Paul Breitner: Es scheint so. Ich kann nur das beurteilen, was ich von der Mannschaft auf dem Feld sehe. Ich weiß nicht, wie er trainiert und wie er seine Spieler anspricht. Aber wenn ich gesehen habe, wie der BVB in dieser Saison auftritt, muss es eine Art sein, die bei der Mannschaft sehr gut ankommt. Und die das Team dazu auch noch aus einer gewissen Verunsicherung der vergangenen ein, zwei Jahre herausgeführt hat. Tuchel hat sie wieder an die Leistungsgrenze herangeführt.

Tuchel ist auch schon häufiger mit Pep Guardiola verglichen worden…

Paul Breitner: …aber niemand hat das Recht, die beiden zu vergleichen. Weil keiner weiß, wie die beiden intern mit ihrer Mannschaft arbeiten. Ich halte diesen Vergleich für unvernünftig, unfair und in alle Richtungen aufgeblasen.

Auch wenn Sie Vergleiche nicht so mögen: Sie wurden zwischen 1972 und 1974 dreimal in Folge Meister mit dem FCB. Jetzt kann es dem Team sogar zum vierten Mal in Serie gelingen. Eine unfassbare Leistung?

Paul Breitner: Unfassbar würde ich das nicht nennen. Unfassbar wäre es nur, wenn wir einen Kader hätten, dem wir diese Leistung nicht zutrauen. Aber wenn ich mir unseren fantastischen Kader anschaue, dann ist es einfach nur logisch und wunderbar für jeden Fan des FC Bayern. In dem Fall lasse ich mich sogar auf einen Vergleich ein, denn: Ähnlich wie heute haben auch wir in den Jahren von 1972 bis 1974 die Bundesliga dominiert.

Paul Breitner: Schwierig für andere Vereine, dem FC Bayern Paroli zu bieten

Kann ein anderer Verein dem FCB überhaupt über 34 Spieltage Paroli bieten?

Paul Breitner: Natürlich wird das schwierig für jeden anderen Klub. Das haben wir ja in den vergangenen drei Jahren gesehen. Seit wir die Titelserie von Dortmund unterbrochen haben, sind wir auf dem Erfolgsweg. Es wird heuer für jeden Konkurrenten schwierig, egal ob es Dortmund, Wolfsburg, Leverkusen oder Schalke ist. Aber umso reizvoller muss die Aufgabe doch sein, mal zu versuchen, mit dem FC Bayern mitzuhalten und zu sehen, wie weit schaffen wir das. Und das ist nicht respektlos gemeint.

Können Sie derzeit auch entspannt auf die Insel gucken, wenn man den durchschnittlichen Erfolg der Premier-League-Klubs in der CL sieht?

Paul Breitner: Diese Diskussion war für mich von Anfang an kein Thema. Auch wenn die Premier League jetzt Milliarden bekommt, hat sie keine Chance, sich qualitativ um mehr als vielleicht fünf Prozent zu verbessern.

Warum?

Paul Breitner: Weil es die Spieler, die ihre Spitzenklubs bräuchten, nicht auf dem Markt gibt. Die Topspieler, die den Unterschied ausmachen, sind nicht zu haben. Ein Messi, ein Ronaldo, ein Neymar, ein Robben, ein Ribéry oder Lewandowski machen in großen Spielen den Unterschied aus. Die stellen die absolute Spitze dar, und davon brauchst du drei, vier Spieler, um den europäischen Fußball mit zu dominieren. Doch die sind bereits vergeben, da können die Engländer so viel Geld haben, wie sie wollen. In erster Linie kriegen sie nur Spieler der zweiten Kategorie. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich sehe, was manche Vereine sich da zusammenkaufen. Das ist teilweise hilflos.

Also ist der Neid auf die FCB-Stars viel größer als umgekehrt der auf die dicken TV-Verträge?

Paul Breitner: Ja, genau so ist es.

Interview: Sven Westerschulze

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